Seite 57 - Immobilienwirtschaft_2014_06

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und 3,2 Milliarden Dollar für ein Unternehmen, das ge-
rade mal zwei Produkte – einen Rauchmelder und einen
Thermostat – im Sortiment hat? Als der Internetriese
Google im Januar bekannt gab, für diesen Preis das Un-
ternehmen Nest Labs übernommen zu haben, runzelten
manche Marktbeobachter die Stirn. Hatten da etwa die Jungs um
Sergey Brin und Larry Page wieder einmal zugeschlagen, ohne
recht zu überlegen, was sie mit der Neuakquisition anfangen
wollten? Oder steckte eine ausgereifte Strategie dahinter, die die
Welt der Haustechnik völlig auf den Kopf stellen könnte?
Seither diskutieren Messdienstleister, Energiekonzerne,
Rauchmelderspezialisten, Telekommunikationsanbieter und
andere Unternehmen, die sich mit der unter dem Schlagwort
Smart Home laufenden Vernetzung der Haustechnik befassen,
über die Auswirkungen des Deals. Trotzdem lehnten es zahlreiche
von der „Immobilienwirtschaft“ um eine Einschätzung gebetene
Marktteilnehmer ab, offiziell Stellung zu demAnkauf vonNest zu
nehmen – darunter auch große Konzerne, die zu diesemThema
eigentlich viel zu sagen hätten. Diese Zurückhaltung, so mut-
maßt ein Insider, dürfte damit zusammenhängen, dass sich gerade
große Firmen schwertun, zum jetzigen Zeitpunkt die Folgen des
Nest-Verkaufs abzuschätzen. Zu den Stimmen aus dem Markt,
die uns dennoch erreichten siehe auch Seite 60.
DURCHBRUCH FÜR SMART HOME?
In einem Punkt aber sind sich
viele Fachleute einig: Der Google-Deal könnte das Signal für
den Durchbruch des Smart-Home-Markts auch in Deutsch-
land geben. „Jetzt ist die Zeit reif, und es wird zu einer raschen
Marktentwicklung kommen“, sagte beispielsweise Hans-Lothar-
Schäfer, Vorsitzender der Geschäftsführung von Techem, bereits
im Januar auf dem diesjährigen AAL-Kongress in Berlin (AAL =
Ambient Assisted Living). Andere Unternehmen schätzen das in
weiten Teilen ähnlich ein.
„Die Übernahme von Nest durch Google ist eigentlich das Beste,
was dem Home-Automation-Markt passieren kann“, freut sich
Christian Deilmann, Gründer und Geschäftsführer der Tado
GmbH, die eine App für intelligente Heizungssteuerung entwi-
ckelt hat. Denn wenn Google „mit seiner Finanzkraft und sei-
nemNamen derMarktentwicklung nochmehr Dynamik verleiht,
dann ist das für alle Beteiligten etwas Gutes“. Ähnlich sieht das
Torben Bayer, Marketingleiter beimGebäudetechnik-Spezialisten
Gira: „Das Engagement von Google verspricht neue Chancen für
alle Anbieter, die den Markt aktiv gestalten, und wird das Volu-
men insgesamt vergrößern.“ Auch Tobias Arns, Bereichsleiter
Social Media & E-Commerce beim Branchenverband Bitkom
(Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation
und neue Medien e.V.), sieht im Deal einen „Gewinn, weil er die
Öffentlichkeit darauf aufmerksam gemacht hat, dass es sich um
einen potenziell riesigen Markt mit spannenden Innovationen
handelt“.
PROBLEME BEI NEST-RAUCHMELDER
Doch was bedeutet es für die
deutschen Anbieter konkret, wenn sie plötzlich einen der ganz
großenWeltkonzerne zumKonkurrenten haben? Vor dieser Fra-
ge stehen nicht zuletzt Unternehmen, die sichmit Rauchmeldern
befassen. Denn bei einem der beiden Produkte von Nest Labs
handelt es sich um einen intelligenten Rauchmelder, der unter
demNamen Nest Protect in den Markt eingeführt wurde. Er gibt
nicht einfach bei Rauchentwicklung einen Alarmton von sich,
sondern kommuniziert über W-Lan mit dem Smartphone oder
Tablet und teilt demWohnungsnutzer zudemmit einer mensch-
lichen Stimme mit, wo Gefahr droht.
Besonders stolz waren die Entwickler von Nest Labs auf
eine Besonderheit: Bei einem Fehlalarm muss der Nutzer nicht
auf einen Knopf drücken, sondern kann den Alarm durch eine
Winkbewegung beenden. Doch genau das entpuppte sich als
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6.2014
intelligent – na und!
Google hat mit der milliardenschweren Übernahme des Rauchmelder- und Thermostat-
Entwicklers Nest Labs zu Jahresbeginn Schlagzeilen gemacht. Auf einmal ist der Internet-
riese auch Konkurrent im Bereich Smart Home. In Deutschland diskutiert die Branche
seither über lernende und vernetzte Geräte noch intensiver. Messdienstleister, Energie-
konzerne und Telekommunikationsanbieter reagieren gelassen. Oder scheint es nur so?
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Bildmontage: immobilienwirtschaft