Seite 31 - Immobilienwirtschaft_2014_06

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6.2014
die Globalisierung und der strukturelle und demografischeWan-
del. Weitere sorgfältige Verdichtung der Innenstadtbereiche ist
erforderlich. Die Universitäten sind Inkubatoren für Innovation
undWandel undmüssen besser in den städtebaulichen und wirt-
schaftlichen Kontext eingebunden werden. Jeder hier investierte
Euro verspricht Zinsen und Zinseszinsen. Die Entwicklung der
innerstädtischen Brachen steht zur Konversion in neue Wohn-
und Arbeits-Quartiere an.
ZU WENIG PASSENDE WOHNUNGEN
DerWohnungsbauwartet noch
immer auf die Anpassung an die tatsächlichen und deutlich ge-
wandelten Bedürfnisse der Eigentümer und Mieter. Berlin zum
Beispiel hat viele, aber viel zu große Wohnungen. Mittlerweile
gibt es in Deutschland 40 Prozent Einpersonenhaushalte! Aber
zu wenig passende Wohnungen.
Unsere Arbeitsgewohnheiten haben sich radikal verändert.
Warum werden so wenige Bürogebäude gebaut, die die verän-
derten Nutzerbedürfnisse nach mehr Kommunikation, mehr
Abwechslung, mehr Mobilität berücksichtigen? Nicht alle kön-
nen zu Sozialmieten in der Stadtmitte leben. Deshalb müssen
die Bezirkszentren zurück zu lebenswerten Stadtteilen entwickelt
werden. Es müssen Antworten auf das Wegbrechen der großen
Bauunternehmen in Deutschland gegeben werden und auf die
Frage, wie wir den Prozess erfolgreicher organisieren können.
„WEITER SO“ REICHT NICHT
Die Stadtteile mit hohemMigranten-
anteil und besonderemErneuerungsbedarf wie in Berlin zumBei-
spiel Neukölln müssen stabilisiert werden. Dies sind nur einige
der großen Themen, die zur Bearbeitung anstehen. Dabei reicht
ein „Weiter-so-wie-bisher“ nicht aus. Die amBau Beteiligtenmüs-
sen stärker und frühzeitiger zusammenarbeiten und ihr jeweiliges
Fachwissen vorbehaltlos einander zur Verfügung stellen.
Die Parteien, Regierungen, Fraktionen, Oppositionen, Stadt-
planungsausschüsse, Verwaltungen, Regionalplaner, Stadtplaner,
Verkehrsplaner, Träger öffentlicher Belange, Projektentwickler,
Grundstücksbesitzer, Investoren, Banken, Generalunternehmer,
Architekten, Ingenieure, Feuerwehren, Gutachter, Juristen, Nach-
barn, Bürgerinitiativen entscheiden, wie unsere Städte aussehen.
Dabei stoßen wir immer noch auf viel Misstrauen und wenig
Kenntnis vom Fachwissen und den Aufgaben und Interessen
der anderen. Leider arbeiten in der Immobilienwirtschaft im-
mer noch viele wie der Familienvater amStrand: alleine an ihrem
Werk. Doch die Probleme und Herausforderungen, die wir zu
lösen haben, sind zu komplex, als dass wir sie als Einzelgänger
und in kleinen Gruppen lösen könnten. Die Branche muss sich
deutlich stärker für die anderen gesellschaftlichen Gruppen öff-
nen und deren Wissen und Motivationen nutzen.
Mit Themen wie zum Beispiel der Integration von Frauen
in Führungsgremien, der Beteiligung von Nachbarschaften, der
Durchführung von Wettbewerben, interdisziplinärem Arbeiten,
Fehlermanagement, Mitarbeiterbeteiligungen, Innovationsma-
nagement oder innovativen Lösungen im Allgemeinen tun sich
in der Branche viele Unternehmen schwer. Doch gerade in der
Verbesserung der Zusammenarbeit verschiedener Teilnehmer
am Planungs- und Bauprozess liegen große Potenziale. Es geht
einfach zu viel Energie, Wissen, Geld, Lebenskraft und richtiges
Handeln an den Schnittstellen zwischen öffentlicher Hand und
Privatwirtschaft, zwischen Planung und Bauausführung, zwi-
schen Entwicklung und Nutzern verloren! Dazu müssen wir
Vorurteile schleifen und Hürden abbauen.
OFFENER UND NEUGIERIGER
Wir sollten noch stärker vonAnderen
lernen. Gute Ideen und Innovationenmüssen geteilt werden. Wer
kann etwas besser als wir? Und: Kann uns das nutzen?
Und last but not least sollten wir offen sein. Als Gesellschaft,
Unternehmen und Einzelne sollten wir eine tatsächliche Will-
kommenskultur leben. Offener, neugieriger und vor allem in-
tegrativer sein. Investoren sind keine Egomanen, Stadtplaner
keine Sturköpfe und Architekten keine Träumer. Wenn wir das
erkennen, können wir uns deutlich größerenHerausforderungen
zuwenden.
Denn die Städte, in denen wir leben, an denen wir manch-
mal verzweifeln und die wir gleichzeitig lieben, stellen uns vor
deutlich komplexere Aufgaben als Sandburgen am Strand.
ZUR PERSON
Eike Becker,
1962 in Osterholz-Scharmbeck geboren, ist Architekt und führt seit 1999 gemeinsam mit Helge Schmidt das Büro
Eike Becker_Architekten in Berlin. Außerdem ist Eike Becker Vorsitzender des Vorstands des KW Institute for Contemporary Art, Berlin. Seine Karriere
begann 1991 mit der Gründung des Architekturbüros Becker Gewers Kühn & Kühn Architekten, das Eike Becker gemeinsam mit Georg Gewers,
Oliver Kühn und Swantje Kühn führte. Zwei erste Preise bei größeren Realisierungswettbewerben 1992 und 1995 machten das Büro bekannt.
Offenheit führt zu Neugierde, Begeisterung zu mitwirkendem
Handeln. Inklusivität schlägt Exklusivität, kooperatives Verhalten
schlägt Einzelarbeit. Viele können mehr erreichen als Einzelne.
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