niger Wirtschafswachstum, höhere
Staatszuschüsse für Renten und Gesund-
heitssystem und weniger Steuern auf der
Einnahmenseite. Trotz vieler Warnungen
ignoriert die heutige Politik dieses Pro-
blem. Das dürfe in wenigen Jahren
schlimme Folgen für die Staatsfnanzen
und den Wohlstand der Bürger haben.
Apropos Wohlstand: Wenn die Noten-
banken ihre Politik des leichten Geldes
fortsetzen, kann dann nicht die Kauf-
kraf des Euro gegen null tendieren?
Rapp:
Es kann Jahre dauern, bis am
Markt sichtbare Infation registriert
wird. Bereits jetzt hat eine schleichende
Erosion der Geldwerte eingesetzt. Diese
resultiert hauptsächlich aus der perma-
nent sinkenden Qualität der Notenbank-
Bilanzen und deren Funktion als Ablade-
platz für alle Arten von Systemrisiken.
Wird es zu einer zweistelligen Infation
oder eher zur Defation kommen?
Rapp:
Beides ist denkbar. Vorerst ist das
Umfeld durch verschiedene Krisenme-
chanismen und den Zwang zum Abbau
von Schulden eher defationär geprägt. Je
stärker dieser Efekt wirkt, desto stärker
werden jedoch auch ofensive Gegen-
reaktionen der Notenbanken ausfallen.
Darin liegt der Keim für einen mög-
lichen starken Infationsanstieg in den
kommenden Jahren.
Beobachten Sie schon die Flucht der
Anleger in Sachwerte?
Rapp:
Absolut. Der seit einigen Jahren
steigende Goldpreis, aber auch hohe
Nachfrage nach Farmland oder Immo-
bilien in guter Lage sind klare Indizien.
Das smart money geht von einer zuneh-
menden Erosion der Papierwährungen
und damit der zukünfigen Geldwerte
aus. Man kann das Infation oder so wie
wir monetäre Verwässerung nennen.
Mit welchen gesetzlichen Eingrifen
der Politik rechnen Sie vor diesemHin-
tergrund in den nächsten Jahren?
Rapp:
Es wurde ofengelegt, dass die
Schweizer Regierung vor Kurzem ernst-
hafüberKapitalzugangsbeschränkungen
nachgedacht hat, um eine weitere Auf-
sondern um die langjährige, vielfach völ-
lig ausufernde und naive Verschuldungs-
mentalität vieler Regierungen. Und es
geht auch um die Mitverantwortung der
Politik beim Überlisten der Maastricht-
Kriterien. Solange keine realistische
Sichtweise einkehrt, wird weiter nur an
Symptomen kuriert und die eigentliche
Krise verlängert und weiter verschleppt.
Wie wird sich die demografsche Ent-
wicklung darauf auswirken?
Rapp:
Leider ebenfalls nicht positiv. Die
zunehmende Überalterung der west-
lichen Industrieländer, die genau jetzt
beginnt, bedeutet weiteren strukturellen
Druck auf die öfentlichen Haushalte.
Schlechtere Demografe, also mehr Äl-
tere als Jüngere, bedeutet schlicht we-
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www.immobilienwirtschaft.de 11 | 2011
wertung des Franken zu unterbinden.
Das zeigt, dass Kapitalverkehrskontrol-
len zukünfig schnell eine Rolle spielen
können. Daneben sind steuerliche Grau-
samkeiten wie Reichensteuern, Wegzug-
steuern oder Zwangsanleihen möglich.
Aber auch Verbote und Einschrän-
kungen bestimmter Anlagemöglich-
keiten oder Marktfunktionen und ganz
generell mehr staatliche Lenkung, etwa
staatlich regulierte Höchstzinsen, sind
denkbar. Die Richtung heißt ganz gene-
rell: Mehr Staat und weniger Markt. Ver-
bote, Zwangsmaßnahmen und direkte
Eingrife in die private Vermögenssphäre
werden wohl zunehmen.
Wie sind Immobilien davon betrofen?
Rapp:
Immobilien sollten von die-
sen Entwicklungen eher proftieren. In
Deutschland werden sich Anlagen in
Sachwerten steigender Nachfrage erfreu-
en. Allerdings ist damit zu rechnen, dass
auch die Steuerlast und andere Abgaben
für Immobilienbesitz vom Staat deutlich
angehoben werden. Immobilienbesitz ist
für einen Staat mit Geldproblemen – sie-
he Griechenland – immer leichte Beute.
Welchen Anteil sollten Immobilien in
gut diversifziertem Vermögen haben?
Rapp:
Mehr als 25, aber nicht mehr als
60 Prozent.
Welche Empfehlungen an die Bundes-
regierung stehen auf Ihrer Agenda?
Rapp:
Akut müsste die Euro-Krise ge-
löst werden durch beherztes Anpacken
schwelender Systemrisiken. Also Banken
absichern oder zwangskapitalisieren,
Schuldenschnitt in Griechenland und
politisch mehr Sparanstrengungen von
notorischen Trittbrettfahrern wie Italien
und Frankreich einfordern. Längerfristig
geht es um mehr: Es fehlt die klare Vi-
sion, wie angesichts knapper Kassen mit
der demografschen Herausforderung
umgegangen werden soll. Verschiedenste
soziale Leistungen müssten zukunfs-
fest umgebaut, also reduziert werden.
Gleichzeitig müsste mehr in Bildung und
Nachwuchs- und Innovationsförderung
investiert werden, bevor dem Staat auch
dafür das Geld ausgeht.
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