Seite 26 - Immobilienwirtschaft_11_2011

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HerrDr. Rapp, worin bestehen die größ-
ten Gefahren der jetzigen Finanzkrise?
Rapp:
Eine Hauptgefahr liegt, analog
zu 2008, in einem erneuten Stillstand
des Bankensystems bis hin zum Kollaps
einzelner systemrelevanter Banken. Kan-
didaten dafür gibt es eher in Frankreich
und den USA. Das könnte bereits beste-
hende rezessive Tendenzen der Realwirt-
schaf verschärfen. Längerfristig muss
das Risiko der anhaltenden unortho-
doxen Notenbank-Politik bewertet wer-
den. In Großbritannien, in der Europäi-
schen Währungsunion und in den USA
arbeiten die Zentralbanken zunehmend
als Bad Bank des jeweiligen Systems. Sie
akkumulieren zunehmend Risiken in ih-
ren Bilanzen, fnanzieren Staatsschulden
und drucken Geld. Diese Regelverstöße
dürfen langfristig ernste Probleme für
Währungen und Geldwertstabilität her-
vorrufen. Verspielt wird die Glaubwür-
digkeit wichtiger Institutionen.
Welche Konsequenzen sollten Unter-
nehmer und Anleger daraus ziehen?
Rapp:
Vorerst sollten sowohl Unterneh-
mer als auch Anleger nur mit großer
Vorsicht agieren. Das Szenario ist bis
auf Weiteres extrem risikobehafet und
könnte schnell eskalieren. Die Phase ab
Sommer 2008 mit ihrer abrupten Ab-
wärtsdynamik sollte als warnendes Bei-
spiel dienen. Wahrscheinlich ist es ein-
fach noch zu früh für Heldenmut.
Ist die öfentliche Verschuldung noch
beherrschbar?
Rapp:
In den großen Industrieländern,
also G 7, ist der Point of no return eigent-
lich überschritten. Bei einer Staatsschul-
denquote von über 80 Prozent und einer
unzureichenden Wettbewerbsfähigkeit
Das Finanz-Interview
von Manfred Gburek
Heinz-Werner Rapp
Der Vorstand der Feri Finance AG zur Euro- und Bankenkrise,
zu den Folgen ausufernder Staatsschulden, zu kommenden
Zwangsmaßnahmen – und zu Immobilien.
ist im Vorstand der Feri Finance AG, Bad Hom-
burg, als Chief Investment Officer verantwort-
lich für die gesamte Anlagestrategie. Zurzeit
widmet er sich besonders der Analyse von
Risiken der Finanz- und Währungssysteme als
Folge ausufernder Staatsschulden und unsolider
Notenbankpolitik. Davor gewarnt hat er schon
in früheren Jahren.
Dr. Heinz-Werner Rapp
Serie
Deflation ist möglich –
hohe Inflation auch
26 Finanzen, Markt + Management
11 | 2011 www.immobilienwirtschaft.de
der entsprechenden Volkswirtschafen –
also Italien, aber auch Frankreich – wird
es bereits zunehmend problematisch. Die
an sich erforderlichen Sparmaßnahmen
sind politisch kaum noch durchsetzbar.
Die Entwicklung in den USA hat das un-
längst sehr klar gezeigt.
Worin bestehen die schlimmsten Fol-
gen der politischen Ignoranz?
Rapp:
Die bisherigen politischen Lö-
sungskonzepte für die Euro-Krise waren
alle mehr oder weniger unwirksam. Das
liegt vor allem an einer völlig unzurei-
chenden oder ideologisch verklärten
Problemanalyse. Die Politik verweigert
den Blick auf die nackten Realitäten, also
die wirklichen Ursachen. Es geht nicht
um Rating-Agenturen oder Hedgefonds,