Die Wohnungsmärkte in der jungen Bun-
desrepublik standen in den ersten beiden
Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Welt-
kriegs unter einem erheblichen Nachfrage-
druck. Die politischen und wirtschaftlichen
Rahmenbedingungen ermöglichten einen
Nachholeffekt mit vielen Familiengrün-
dungen und einer hohen Geburtenrate. Die
Bevölkerung nahm von 1957 bis 1969 um
7,1 Millionen auf 61,2 Millionen Menschen
zu (13,1 Prozent). Die Zahl der Wohnungs-
fertigstellungen, die 1953 erstmals die
Marke von 500.000 überschritten hatte,
sank erst 16 Jahre später wieder darunter
und erreichte mit 623.847 Wohnungen
1964 den bis heute zweithöchsten Wert.
Insgesamt wurden von 1960 bis 1969 über
5.696.000 Wohnungen bezugsfertig.
Städtebauliche und wohnungswirt-
schaftliche Besonderheit
Die 1960er Jahre dürfen durchaus als
das Rekordjahrzehnt des westdeutschen
Wohnungsbaus bezeichnet werden. Die
Bestände besitzen auch heute noch mit
über sechs Millionen Einheiten in den alten
Bundesländern – nicht nur zahlenmäßig –
erhebliche Bedeutung.
Das Jahrzehnt war viel stärker als heute
vom Geschosswohnungsbau geprägt. 52,4
Prozent der Neubauwohnungen lagen in
Gebäuden mit drei oder mehr Wohnungen.
Diese entstanden vorrangig in großen
Wohnsiedlungen oder Siedlungsteilen, die
städtebaulich und sozialstrukturell noch
auf dem modernen Nachkriegsleitbild der
gegliederten und aufgelockerten Stadt
basierten. Auch architektonisch folgten die
Gebäudezeilen meist bekannten Mustern
der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts,
die erst durch den industriellen Monta-
gebau und seine Leitidee einer „Urbanität
durch Dichte“ ab Mitte der 1960er Jahre
nach und nach abgelöst wurden. Dennoch
schuf insgesondere der Wohnungsbau der
1960er Jahre gegenüber dem ersten Nach-
kriegsjahrzehnt eine bemerkenswerte qua-
litative Weiterentwicklung des Wohnens:
Zentralheizung, Terrasse oder Balkon, groß-
zügige Grundrisse mit Essecke und Gäste-
WC. Die Standorte reichten von zentralen
Grundstücken in Sichtweite der Innenstädte
bis zu erstmals erschlossenen Stadtrand-
lagen. Trotz genormter Grundrisse war der
Wohnungsschlüssel vergleichsweise diffe-
renziert. Zeitgenössische Innovationen bil-
deten vielfältige Sonderwohnformen, wie
Kettenbungalows, Altenwohnungen mit
Laubengangerschließung und Maisonette-
Wohnungen.
Das wichtigste Instrument der Wohnungs-
politik war die Förderung des sozialen Woh-
nungsbaus auf der Basis des 2. WoBauG von
1956. Bis 1959 wurden regelmäßig über
50 Prozent (danach stetig abnehmend auf
etwas unter 37 Prozent im Jahr 1969) der
neu gebauten Wohnungen öffentlich geför-
dert. Regional waren die Quoten teilweise
noch höher: So förderte beispielsweise das
Land Schleswig-Holstein von den 316.000
zwischen 1949 und 1964 neu gebauten
Wohnungen etwa 83 Prozent.
Wandel und Herausforderungen – die
1950er- bis 1970er-Jahre-Bestände
Über fünf Jahrzehnte fristeten die Geschoss-
wohnungsbestände der 1950er und 1960er
Jahre ein weitgehend unbeachtetes Dasein.
Erst mit dem Auslaufen
der Belegungs- und Miet-
preisbindungen der geför-
derten Sozialwohnungen,
dem paketweisen Aufkauf
und Handel durch neue
Marktteilnehmer und mit
steigendem Instandset-
zungs- und Modernisie-
rungsbedarf rückten sie stärker in den Fokus
der Wohnungswirtschaft. Erste Lösungen
beschränkten sich auf bautechnische und
energetische Maßnahmen an einzelnen
Gebäuden. Die kommunale Stadtentwick-
lung dagegen hatte die oft integriert aus
einer Hand geplanten Siedlungen meist
vernachlässigt, obwohl dort auch die
technischen und sozialen Infrastrukturen
erodierten und Segregationsprozesse die
Bewohnerstruktur veränderten. Beschleu-
nigt durch die demografische Entwicklung
ist der Handlungsbedarf in den letzten
Jahren aber offensichtlich geworden. Woh-
nungswirtschaft und Kommunen müssen
gemeinsam Lösungen für die Zukunft
finden.
Denn die Wohnungsbestände der Aufbau-
und Wirtschaftswunderzeit bilden noch
immer den Grundpfeiler der deutschen
Wohnungsversorgung. Bei den dem GdW
angehörigen rund 3.000 Wohnungsunter-
nehmen machen die Bestände der 1950er
und 1960er Jahre über 50 Prozent aller
Wohnungen aus. Sie stellen nicht nur ein
gewaltiges volkswirtschaftliches Vermögen
dar, sondern auch einen Schwerpunkt
in den Portfolios besonders der ehemals
gemeinnützigen Wohnungsunternehmen
(oder ihrer Aufkäufer). Entscheidungen
über den Umgang mit diesen Beständen
sind deshalb auch Entscheidungen über
die strategische Ausrichtung und die wirt-
schaftliche Zukunft der Eigentümer und der
Wohnungswirtschaft insgesamt.
Dr. Matthias Rasch, Lübeck
Zur Zukunft der Geschosswohnsiedlungen
der Wirtschaftswunderjahre
Von alternden Cashcows
zu innovativen Wohnstandorten
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Revitalisierung statt neuer Baugebiete am
Stadtrand
Herausforderungen und Chancen der
Wohnungsbestände der 1960er Jahre
8
Erste Wohnhaussanierung auf Plusenergie-
standard mit Elektromobilität
Energie für Haus und Auto
10
Hattinger Wohnungsgenossenschaft hwg eG
Zentrumsnah und doch im Grünen – die
Südstadt erhält ein neues Gesicht
14
Übersicht
Geschwungene Straßen und
großzügige Grünflächen –
Siedlung Lübeck-Roter Hahn,
gebaut nach dem Leitbild der
gegliederten und aufgelo-
ckerten Stadt.
Quelle: Trave
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Die Wohnungswirtschaft
3/2012