Passivhaus-Technologie im Geschosswohnungsbau
Städtische Architektursprache
für Passivhäuser schaffen
Während die Passivhaus-Technologie beim Einfamilienhaus bereits weit verbreitet ist, sind entsprechende Beispiele für
Mehrfamilienhäuser noch rar. Die DW stellt hier ein Objekt für die Umsetzung als städtischen Geschosswohnungsbau vor.
Ein Objekt befindet sich am
Arnimplatz im Prenzlauer
Berg in Berlin. Hier errichteten
Heinhaus Architekten Berlins
erstes Mietwohnprojekt nach
Passivhausstandard. Auf einer
Grundstücksfläche von rund
2.080 Quadratmetern ent-
standen in Massivbauweise
(Kalksandstein und Beton)
drei Mehrfamilienhäuser mit
Tiefgaragen und Gewerbeein-
heiten. ImMai 2011wurde das
Projekt im Rahmen der Ber-
liner Energietage von der IHK
als „Klimaschutzpartner des
Jahres 2011“ ausgezeichnet.
Die reinen Baukosten liegen
bei rund 1.450 Euro pro Qua-
dratmeter Wohn- beziehungs-
weise Gewerbefläche.
Auch das Berliner Architektur-
büro Deimel Oelschläger spezialisierte sich
auf den Bau mehrgeschossiger Stadthäuser
nach Passivhausrichtlinien. Im Auftrag einer
Baugruppe entstand ein Mehrgeneratio-
nenhaus in der Schönholzer Straße 13/14
in Berlin Mitte. Anders als heinhaus archi-
tekten entschied man sich hier für eine Holz-
tafelbauweise, bei der Fassadenhülle und
Dämmung eine konstruktive Einheit bilden;
diese Bauweise bringt gegenüber der addi-
tiven Montage von Wand und Dämmung
noch bessere Dämmwerte und zudem ein
Plus an Nutzfläche. Eine Solaranlage unter-
stützt die Produktion von Warmwasser. Die
reinen Baukosten für das Mehrgenerationen-
haus belaufen sich auf rund 1.590 Euro pro
Quadratmeter.
Kritik
Das Konzept des Passivhauses ist nicht
unumstritten. Kritiker befürchten unter
anderem Gesundheitsrisiken durch Schim-
melbildung in den Wohnungen. Grundlos,
meint Christoph Deimel: Luftdichtes Bauen
sei heutzutage von der für alle Neubauten
geltendenEnergieeinsparverordnung(EnEV)
ohnehin vorgeschrieben. Moderne Türen
und Fenster unterbinden die bei Altbauten
übliche Luftzirkulation. Um trotzdem konti-
nuierlichen Luftaustausch zu ermöglichen,
kommt man also gar nicht umhin, wenigs-
tens eine Abluftanlage einzubauen.
Insbesondere die anfänglichen Mehrkosten
für eine Planung nach Passivhausstandard
wirken auf viele Bauherren immer noch
abschreckend: Etwa zehn Jahre dauert es,
bis sich diese Kosten amortisiert haben –
genaue Studien liegen diesbezüglich noch
nicht vor.
Mit ihrem aktuellen Projekt wollen Deimel
Oelschläger den Passivhausstandard noch
unterbieten: In der Boyenstraße 34/35, in
Berlin-Mitte entsteht derzeit ein Energieef-
fizienzhaus, welches mit 31 Prozent des für
Neubauten gesetzlich zulässigen Primär-
energiebedarfs auskommen soll. Ein wär-
meorientiertes Blockheizkraftwerk soll den
verbleibenden Energiebedarf CO
2
-neutral
erzeugen – Deimel spricht deshalb von
einem „Nullemissionshaus“.
Auch eine Photovoltaikan-
lage sowie eine Grauwasser-
anlage zur Verwendung des
Dusch- und Badewassers sind
geplant. Etwa 2.350 Euro
pro Quadratmeter betrugen
die Baukosten. Die künftigen
Bewohner wurde in den Pla-
nungsprozess einbezogen: Auf
sieben Stockwerken gibt es 22
Wohneinheiten zwischen 60
bis 145 Quadratmetern. Die
Grundrisse lassen sich durch
Teilung oder Neukombina-
tion von Wohnungen flexibel
der jeweiligen Lebenssitua-
tion der Bewohner anpassen.
Alle Wohnungen sind an der
Südostseite mit bodentiefen
Fensterelementen und einem
Balkon zum Garten hin aus-
gestattet, im Brüstungsbe-
reich der Balkone befinden sich individuell
verschiebbare Holzverschattungselemente.
Geplante Fertigstellung ist September
2012.
Nachholbedarf
Berlin mag in vielerlei Hinsicht Trendsetter
sein – in Sachen Mehrfamilien-Passivhaus
gilt die deutsche Hauptstadt nicht als
Vorreiter. Siegfried Rehberg, Technischer
Referent beim Verband Berlin-Brandenbur-
gischer Wohnungsunternehmen (BBU), ver-
weist auf erfolgreiche Projekte in Frankfurt
am Main, Hamburg oder Kassel. Warum
hat ausgerechnet die Hauptstadt in dieser
Hinsicht so großen Nachholbedarf? Wahr-
scheinlich auch aus Gründen der Ästhetik,
meint Architektin Iris Oelschläger: „Vielen
Passivhäusern haftet noch der optische
Touch der 1980er Jahre an. Wir wollen eine
städtische Architektursprache für Passiv-
häuser schaffen.“
Myrta Köhler /Frank P. Jäger, Berlin
Mehrgenerationenhaus in der Schönholzer Straße: Passivhäuser nutzen die
natürliche Energie, die nebenbei frei wird, etwa Körperwärme der Bewohner
oder Abluft elektronischer Geräte.
Foto: Svea Pietschmann
Die Wohnungswirtschaft
3/2012
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Gebäude und Technik
Energieeffizienz