Herr Frommann, der SBV Hannover,
gegründet im Jahr 1885, ist die älteste
Wohnungsgenossenschaft mit Sparein-
richtung in Deutschland. Was hat die
Gründerväter Ihrer Genossenschaft dazu
bewegt, eine Spareinrichtung zu eröffnen?
Frommann:
Das rasante Wachstum in den
Zeiten der Industrialisierung verbunden mit
den nicht Schritt haltenden Entwicklungen
im Wohnungsbau führte zur Gründung der
Genossenschaft. Ziel war dabei die Schaffung
von menschenwürdigem und preisgünstigem
Wohnraum. Dabei war die Kombination von
genossenschaftlichem Wohnungsbau und
Spareinrichtung neu. Nachdem der Versuch,
die Gelder für den Bau von Wohnhäusern
über Beitragszahlungen der Mitglieder zu
beschaffen erfolglos blieb, startete man den
Weg über die Annahme von Spareinlagen.
Damit hatte der Spar- und Bauverein „die
Lebensader des Vereins zur Herstellung von
Kleinwohnungen erschlossen“, wie in einer
Veröffentlichung zum 30-jährigen Bestehen
der Genossenschaft zu lesen ist.
Der SBV Hannover hat in seiner
127-jährigen Unternehmensgeschichte
mehrere Wirtschafts- und politische Krisen
erfolgreich gemeistert. Die seit 2008
anhaltende bedrohliche Gemengelage
zwischen Finanz- und Wirtschaftskrise ist
noch nicht überstanden. Bereitet Ihnen die
Spareinrichtung
in Krisenzeiten
Sorge?
F r o mm a n n :
Nein, im Gegen-
teil. Die Begriffe
Vertrauen und
Sicherheit haben
bei der Geld-
anlage in den
v e r g a n g e n e n
Jahren einen
ganz anderen Stellenwert erhalten. Die
Mehrzahl der Anleger möchte inzwischen
genau wissen, was mit ihrem Geld geschieht.
Dafür bietet unsere Genossenschaft mit
seinen Sparmodellen und deren Einlagen-
verwendungen als Bestandsinvestition vor
Ort eine Ideallösung an. Das Ergebnis ent-
nimmt man nicht allein aus dem Verlauf des
Einlagenbestandes, sondern auch aus der
Entwicklung der Mitgliederzahlen der Genos-
senschaft. Zu beachten ist dabei allerdings
nicht die eigendynamische Entwicklung der
Spareinrichtung sondern deren Einbindung
als Instrumentarium in die ganzheitliche
Unternehmensstrategie.
Wohnungsgenossenschaften mit Spar-
einrichtung investieren in dauerhafte
Wohnimmobilien und präferieren hierbei
langfristige Finanzierungskonditionen.
Die als Folge der Finanzkrise sich fort-
entwickelnde internationale Bankenre-
gulierung wirft die Frage auf, ob Banken
zukünftig für den gewünschten Rahmen
der langfristigen Immobilienfinanzie-
rung zur Verfügung stehen. Sehen Sie
Möglichkeiten, den genossenschaftsin-
dividuellen Bedarf zur Langfristfinanzie-
rung über die Spareinrichtung zumindest
teilweise zu decken?
Frommann:
Genau dieses Verfahren prak-
tiziert der Spar- und Bauverein bereits seit
Jahrzehnten. Auch in den Zeiten vor der
Renaissance des Sparbuchs und in der
Hochzeit des Aktienhypes konnten wir mit
transparenter Unternehmenspolitik und
deren Kommunikation Erfolge mit der Spar-
einrichtung erzielen. Die Bausteine Eigenka-
pital – Geschäftsguthaben und Rücklagen
– sowie Spareinlagen sind dabei ideale Vor-
aussetzungen um sich den restlichen Kapi-
talbedarf für seine Immobilieninvestitionen
zu günstigen Konditionen am Kapitalmarkt
langfristig zu sichern. Auch für die Zukunft
sehe ich durch eine aktive Gestaltung der
Sparmodelle einen großen Beitrag zur
Bedarfsdeckung der nachhaltigen Finanzie-
rung über die Spareinrichtung.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Rolf Pflüger.
der Eigenkapitalausstattung und Unab-
hängigkeit des Finanzierungspartners zu
fragen. Aufgrund der Erfahrungen mancher
Wohnungsunternehmen erscheint auch die
Frage nach dem Ausschluss eines Weiter-
verkaufs von Forderungen beziehungsweise
Grundpfandrechten legitim. „Bei all diesen
FragenkönnenWohnungsgenossenschaften
mit Spareinrichtung feststellen: Die Sparein-
richtung schafft ein nicht unwesentliches
Stück Unabhängigkeit vom Bankensektor!“,
hebt er hervor.
Folgen der Bankenregulierung
In der Folge der Finanz- und Schuldenkrise
befinden sich derzeit die sogenannten
Basel-III-Vorgaben, die zum 1. Januar 2013
in Kraft treten sollen, im europäischen
Verfahren und korrespondierend in der
Umsetzung durch die EU-Mitgliedstaaten.
Diese deutlich veränderten Aufsichtsan-
forderungen für risikobehaftete Geschäfts-
modelle der modernen Bankenwelt sind
allerdings nicht mehr passend zu dem seit
mehr als 100 Jahren unverändert beste-
henden Geschäftsmodell der Wohnungsge-
nossenschaften mit Spareinrichtung. Nach
ersten Äußerungen des Bundesfinanzminis-
teriums soll allerdings das Geschäftsmodell
der wohnungsgenossenschaftlichen Spar-
einrichtung erhalten bleiben. Eine weiterhin
erfolgreiche Zukunft der Spareinrichtung
wird jedoch wesentlich davon abhängen, ob
die aufsichtlichen Anforderungen an eine
wohnungsgenossenschaftliche Spareinrich-
tung von der internationalen Bankenregu-
lierung abgekoppelt werden können.
Rolf Pflüger, Referent Wohnungsgenossenschaften
mit Spareinrichtung, GdW Bundesverband deutscher
Wohnungs- und Immobilienunternehmen e. V.
Udo Frommann
Quelle: SBV
Kundenverkehr in der Schalterhalle der SBV-
Sparabteilung.
Quelle: SBV Hannover
Interview mit Udo Frommann, Vorstandsmitglied der Spar- und Bauverein Hannover eG
Spar- und Bauverein Hannover eG (SBV) – Paradebeispiel einer
erfolgreichen wohnungsgenossenschaftlichen Spareinrichtung
Die Wohnungswirtschaft
3/2012
51