Seite 32 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_2012_03

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AAL-Kongress
Auf der Suche nach den Nutzern
Über 800 Fachleute versammelten sich auf dem 5. Deutschen AAL-Kongress, den der Verband der Elektrotechnik, Elektronik,
Informationstechnik (VDE) und das Bundesforschungsministerium (BMBF) Ende Januar in Berlin durchführten. Im Zentrum
der Tagung stand eine Frage: Wie schafft man es, die Nutzer endlich von den Vorteilen des Ambient Assisted Living (AAL) zu
überzeugen?
Unsere Zukunft könnte so aussehen: Wir
sitzen in unserem Wohnzimmer in einem
Sessel, der so konstruiert ist, dass er uns
automatisch beweglich und gesund hält.
Dabei tippen wir auf unser iPad, das uns
umgehend mitteilt, wo wir unsere verlegte
Lesebrille finden. Bei alledem freuen wir
uns darüber, keine Angst vor einem Sturz
haben zu müssen, da der Teppichboden in
diesem Fall ganz von selbst einen Notruf
absetzen würde.
Voraussetzung für diese Vision ist, dass
diese auf dem AAL-Kongress vorgestellten
Projekte in die Praxis umgesetzt werden.
Nur: Bis dahin ist es teilweise noch ein
langer Weg. Prof. Dr. Eckehard Fozzy Moritz
von der Sportkreativwerkstatt GmbH in
München jedenfalls räumte auf dem AAL-
Kongress ein, dass der Prototyp des bewe-
gungsaktivierenden Sessels noch nicht
vorgeführt werden könne, und auch das
Projekt WebDA bedarf noch einigen Auf-
wands, bis es vergesslichen Senioren seri-
enmäßig zum Auffinden ihrer Lesebrille
verhilft. Bei dem einen Sturz erkennenden
Teppich SensFloor dagegen hofft die Firma
Future-Shape GmbH, bald in die Gewinn-
zone zu kommen.
„Akzeptanz bedenken“
Bei diesen und anderen AAL-Systemen sei
es entscheidend, „die Akzeptanz technolo-
gischer Lösungen zu bedenken“, betonte
Thomas Rachel, parlamentarischer Staats-
sekretär beim BMBF. Wichtig sei es zudem,
verstärkt auf den Input der älteren Gene-
ration zu setzen. Deshalb lädt das Minis-
terium in nächster Zeit in Zusammenarbeit
mit der Bundesarbeitsgemeinschaft der
Senioren-Organisationen (BAGSO) ältere
Menschen zu Workshops ein, in denen sie
ihre Wünsche an technikgestützte Assis-
tenzsysteme formulieren können.
„Die Einbindung der Nutzerinnen und
Nutzer ist entscheidend für den Erfolg der
AAL-Strategie“, unterstrich auch Dr. Sibylle
Meyer, Sprecherin der nationalen Exper-
tengruppe „Nutzerakzeptanz und Innovati-
onstransfer“. Jüngste Studien, erläuterte sie
am Rande des Kongresses, hätten gezeigt,
dass sich 56 Prozent der befragten Senioren
sogar vorstellen könnten, die Unterstützung
eines Roboters in Anspruch zu nehmen.
Voraussetzung für diese Akzeptanz ist der
Expertin zufolge jedoch, „dass der Mehr-
wert für den Einzelnen überzeugt und dass
die Bedienung einer solchen
Maschine einfach ist“.
Eine weitere Anforde-
rung formulierte Dr. Axel
Viehweger, Vorstand des
Verbands sächsischer Woh-
nungsgenossenschaf ten
(VSWG): Da nicht jeder ältere
Mensch auf einen Schlag
ein umfassendes Unterstüt-
zungspaket brauche, sollte
„der helfende, elektronisch
gesteuerte Assistenzanteil
modular aufgebaut und
nachrüstbar sein, so dass
bedarfsgerecht Funktionali-
täten zu- oder abgeschaltet
werden können“. Als zent-
rale Herausforderung der
nahen Zukunft bezeichnete Dr. Viehweger
die Finanzierung der AAL-Konzepte. Aller-
dings sinken die Kosten nach seinen Worten
rapide: Für die technische Ausstattung
der im Rahmen des VSWG-Projekts „Alter
leben“ geschaffenen Musterwohnung seien
vor einem Jahr noch 20.000 Euro fällig
gewesen; mittlerweile reichten 10.000 Euro.
„Bei 2.500 Euro“, so Dr. Viehweger, „wird es
spannend.“
Mieter sind zurückhaltend
Aber selbst dann müssen die Wohnungsun-
ternehmen noch genügend Mieter finden,
die sich auf das Abenteuer AAL einlassen
wollen. Und das ist nicht einfach, wie
Dr. Armin Hartmann von der Hartmann
Real Estate am Beispiel des Projekts Wohn-
Selbst (siehe DW 5/2011, S. 68) erläuterte:
Obwohl die Teilnahme in der Pilotphase
kostenlos sei, hätten sich nur „mit viel
Mühe“ 40 Teilnehmende unter den Mietern
der GWW Wiesbaden finden lassen.
Von ähnlichen Schwierigkeiten berich-
tete Gisela Gehrmann, die 35 Mieter der
Gewoba Potsdam dafür gewinnen will, sich
an einem Feldversuch des von der Deutsche
Telekom AG entwickelten Projekts Smart-
Senior zu beteiligen. Zu Gehrmanns Erfah-
rungen gehört, dass allein stehende ältere
Frauen sehr aufgeschlossen für technische
Angebote sind, während bei verheirateten
Paaren die Frau sich meist gegen die Teil-
nahme ausspricht.
Doch auch technisch ist noch einiges zu
tun, um AAL-Lösungen in die Praxis zu
bringen, wie der VDE-Vorstandsvorsitzende
Dr. Hans Heinz Zimmer betonte. Erst mit
„herstellerunabhängigen und betreiber­
übergreifenden Systemen“ werde es
gelingen, „Menschen bis ins hohe Alter ein
selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen
und den Alltag komfortabler, sicherer und
energieeffizienter zu machen“.
Christian Hunziker, Berlin
Dr. Hans Heinz Zimmer, Vorstandsvorsitzender des VDE (links),
und Thomas Rachel, parlamentarischer Staatssekretär beim
BMBF, prüften auf dem AAL-Kongress den Roboter Scitos des
Unternehmens Metralabs.
Quelle: VDE
Die Wohnungswirtschaft
3/2012
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Wohnungsmarkt
Wohnen für ein langes Leben