Seite 33 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_2012_03

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Interview mit Dr. Claus Wedemeier vom GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen
„Der Begriff AAL sollte
aus dem Marketing-Vokabular gestrichen werden“
Dr. Claus Wedemeier, Referent für Multimedia, IT und Wohnen für ein langes Leben beim GdW sowie Mitglied des
Programmkomitees des AAL-Kongresses, plädiert für AAL-Lösungen, die auf die Bedürfnisse der Mieter eingehen.
Herr Dr. Wedemeier, seit Jahren wird
auf Fachkongressen über AAL-Lösungen
diskutiert. Sind diese Lösungen jetzt
endlich in der Praxis angekommen?
Dr. Wedemeier:
Zahlreiche Vorhaben sind
tatsächlich in der Praxis angekommen, im
Regelfall allerdings im Rahmen von geför-
derten Projekten oder im Anschluss an
geförderte Projekte. Der Hauptgrund, dass
sich Lösungen außerhalb solcher Projekte
noch nicht durchgesetzt haben, ist, dass die
Beteiligten sich noch nicht auf die Vertei-
lung der Kosten verständigt haben. Zwar
offerieren einige Wohnungsunternehmen
ihren Mietern funkbasierte Einbausätze,
die zum Beispiel das Licht automatisch aus-
schalten oder den Weg vom Bett zur Toilette
beleuchten. Aber die Nachfrage danach ist
noch sehr gering.
Über welche Beträge sprechen wir da?
Dr. Wedemeier:
Es handelt sich um rund
100 bis 400 Euro.
Ist die fehlende Zahlungsbereitschaft der
Mieter das entscheidende Hemmnis für
die Durchsetzung von AAL-Lösungen?
Dr. Wedemeier:
Nicht nur – denn vielen
Mietern ist der Nutzen solcher Installati-
onen nicht ganz geläufig. Aber die Finan-
zierung ist tatsächlich ein wichtiger Punkt.
Viele Systeme sind deutlich teurer als einige
hundert Euro, und wenn es sich um eine
laufende Betreuung handelt, ist es natür-
lich mit einer Einmalzahlung nicht getan.
Das Einzige, was die Pflegeversicherung
derzeit bei Vorliegen einer Pflegestufe
abdeckt, ist ein Notrufsystem. Alle anderen
Systeme müssen entweder vom Mieter oder
vom Wohnungsunternehmen oder durch
eine Querfinanzierung bezahlt werden.
Würde es also den Durchbruch bringen,
wenn sich die Pflegeversicherung finan-
ziell beteiligen würde?
Dr. Wedemeier:
Wir hoffen, dass die
anstehende Pflegereform Öffnungsklau-
seln beinhalten wird, so dass Zuschüsse
aus den Pflegekassen flexibler verwendet
werden können – also sowohl für bauliche
Maßnahmen als auch für AAL-Lösungen.
Ein Fortschritt ist zudem, dass im KfW-Pro-
gramm „Altersgerecht umbauen“ ab April
2012 technische Assistenzsysteme förder-
fähig sein werden.
An wem liegt es, dass der Nutzen solcher
Installationen vielen Mietern nicht
bewusst ist?
Dr. Wedemeier:
Es liegt natürlich nicht
an den Endkunden, sondern an denjenigen,
die den Nutzen solcher Systeme vermitteln
sollen. Da sind
die Hersteller in
der Pflicht, aber
auch die Ver-
bände der Elekt-
rowirtschaft und
des Handwerks
sowie deren Mit-
glieder. Auch die
Verbände der
Wohnungswir t-
schaft und die
Un t e r nehmen
selbst werden
ihre Informationsarbeit ausbauen. Wir
müssen daran arbeiten, die leichte Bedien-
barkeit, wie wir sie aus der Unterhaltungs-
elektronik kennen, verstärkt auf das Feld
der Assistenzsysteme zu übertragen.
Welches sind die wichtigsten Leistungen,
die solche Systeme aus Sicht des Mieters
erbringen müssen?
Dr. Wedemeier:
Im Vordergrund steht
alles, was mit Sicherheit zu tun hat: bei-
spielsweise die Möglichkeit, zu überprüfen,
ob die Wohnungstür abgeschlossen und der
Herd ausgeschaltet ist. Besonders wichtig
ist die persönliche Sicherheit: Gibt es einen
Notfallknopf in der Wohnung, gibt es eine
Sturzprophylaxe? Das sind die Anwen-
dungen, für die laut Umfragen Mieter am
ehesten zu zahlen bereit sind.
Welches ureigene Interesse haben
Wohnungsunternehmen an AAL?
Dr. Wedemeier:
Aus Sicht der Unter-
nehmen ist der Anspruch zentral, dass die
Mieter möglichst lange in der Wohnung
wohnen bleiben können. Wohnungsun-
ternehmen müssen auf die Zusammenset-
zung und Entwicklung der Haushalte und
natürlich langfristig auch auf die sinkende
Bevölkerungszahl reagieren. Sie müssen
allen Bewohnergruppen und damit beson-
ders auch den älteren Mietern passende
Wohnungsangebote offerieren. Das ist
nicht nur eine gesellschaftliche, sondern
auch eine betriebswirtschaftliche Aufgabe.
Schaffen können wir das aber nur mit
einer gezielten staatlichen Förderung und
mit Unterstützung durch die Kranken- und
Pflegekassen.
Welche AAL-Projekte halten Sie für
vorbildlich?
Dr. Wedemeier:
Mit der Wohnungswirt-
schaft entwickelte Projekte wie SOPHIA und
Smart Living Manager haben den Weg für
ein unterstütztes Wohnen mit Technik und
speziellen Dienstleistungen geebnet. Heute
gibt es zahlreiche weitere gute Ansätze,
zum Beispiel das Projekt „Alter leben“, bei
dem die Beteiligten angekündigt haben,
die Aktivitäten auch nach Auslaufen der
Förderung fortsetzen zu wollen. Das ist
unser Anspruch an alle Projekte.
Ambient Assisted Living ist kein attrak-
tiver Begriff. Gibt es dazu Alternativen?
Dr. Wedemeier:
Ja. Aus Sicht der Men-
schen, die damit umgehen, ist es wichtig,
einen deutschen Begriff zu wählen. Der
Begriff Ambient Assisted Living sollte
daher aus dem Marketing-Vokabular für
Mieter gestrichen werden. Wir sprechen
statt dessen vom vernetzten Wohnen, von
Wohnassistenz oder vom Wohnen für ein
langes Leben. Denn die Menschen müssen
verstehen, worum es geht: um technische
Unterstützung beim Wohnen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Mit Dr. Claus Wedemeier sprach Christian Hunziker.
Dr. Claus Wedemeier
Quelle: GdW
Die Wohnungswirtschaft
3/2012
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