Seite 30 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_2012_03

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Seniorenwohnen
Wohnungsunternehmen stellen sich
­zunehmend auf ihre älteren Mieter ein
Die Deutschen werden alt. Im Jahr 2050 wird bereits fast ein Drittel der Bevölkerung das 65. Lebensjahr überschritten
haben. Mit unterschiedlichem Tempo – in Marktgebieten mit Wohnungsüberhang geht es schneller – stellen sich
Wohnungsunternehmen auf die Bedürfnisse älterer Menschen ein. Das zeigt eine Vielzahl neuer, teils sehr kreativer Projekte.
Die Anpassung des Angebots erfolgt nicht ohne Grund: In den Beständen der großen Unternehmen wird die künftige
demografische Entwicklung vielfach vorweggenommen.
Axel Gedaschko, Präsident des GdW Bun-
desverband deutscher Wohnungs- und
Immobilienunternehmen e. V., hob auf einer
Veranstaltung vor Immobilienjournalisten
des immpresseclubs in Berlin hervor, dass
das Schaffen von altersgerechtem Wohn-
raum zu den wichtigsten Zukunftsthemen
der Wohnungswirtschaft gehöre: „Das ist
eine riesige Baustelle.“ Andernfalls bleibe
Hunderttausenden Pflegebedürftigen nur
der Weg in die Altenhilfeeinrichtungen,
was die Wohnungswirtschaft Mieter koste
und für die Sozialkassen fast unbezahlbar
sei. „Selbst ein vergleichsweise geringer
Pflegesatz von 2.500 Euro pro Monat für
eine stationäre Unterbringung, gerechnet
für drei Monate, würden es erlauben, in
einer Wohnung Maßnahmen umzusetzen,
die zu einer weitgehenden Barrierearmut
führen würden“, so Gedaschko. Erst etwa
ein Prozent des Wohnraums sei derzeit seni-
orengerecht ausgestattet, das entspreche
etwa 550.000 Wohnungen. In den kom-
menden Jahren wachse der Bedarf auf 2,5
Millionen Wohnungen.
Es ist und bleibt viel zur tun. Entsprechend
hat das Thema altengerechtes Wohnen Kon-
junktur. Rund 140 Wohnungsunternehmen
und Verbände der Wohnungswirtschaft
treffen sich regelmäßig zum Arbeitskreis
„Seniorenimmobilien“, den der Bundesver-
band Freier Immobilien- und Wohnungs-
unternehmen (BFW) veranstaltet. Das
Bundesfamilienministerium hat ferner das
Dachprogramm „Soziales Wohnen im Alter“
ins Leben gerufen, und kein immobilienwirt-
schaftlicher Kongress spart das Thema aus.
Wachsendes Marktsegment –
­steigendes Modernisierungstempo
Zwar steige das Modernisierungstempo,
so Claus Wedemeyer, Referent für altenge-
rechtes Wohnen beim GdW: Seit 2006 habe
sich die Zahl der Einheiten nahezu verdop-
pelt. „Aber die Nachfrage steigt ebenfalls
signifikant“, bestätigt Lutz Basse, Vorstands-
vorsitzender der kommunalen SAGA GWG,
mit 130.000 Einheiten größter Bestands-
halter in Hamburg. 24 Einrichtungen für
Senioren hat die SAGA im Angebot, von der
barrierefreien Wohnung über Service-Wohn-
anlagen bis zu Wohn- und Pflegeheimen.
Das Marktsegment wächst derzeit stark:
250 Wohneinheiten sind im Bau bezie-
hungsweise kurzfristig geplant, weitere
Anlagen sollen zeitnah folgen. Viele Ange-
bote der Wohnungsunternehmen zeigen,
dass sich die Frage nach dem Wohnen im
Alter längst nicht mehr mit „zu Hause allein
oder ins Heim“ beantworten lässt. Auch
die Barrierefreiheit ist nur ein Aspekt unter
vielen. Ältere Menschen haben zuneh-
mend unterschiedliche Vorstellungen vom
Leben im Alter. Neue Wohnformen wie
Service-Wohnen, Mehrgenerationenwohnen
und unterschiedlichste Formen betreuten
Wohnens mit abgestuften Hilfsangeboten
sind der Trend.
Projekte: von „Wohnen plus“
bis Senioren-WGs
Nassauische Heimstätte/Wohnstadt
„Sie bleiben – wir helfen“ ist auch das
Motto der Unternehmensgruppe Nassau-
ische Heimstätte/Wohnstadt aus dem
Frankfurter Raum, die schon frühzeitig
begonnen hat, ihre Angebote auf die
Bedürfnisse älterer Mieter auszurichten.
Das Engagement der Unternehmensgruppe
für ihre älteren Mieter basiert auf zwei
Säulen: der Wohnraumanpassung und den
Wohn-Service-Teams, die Unterstützung im
Alltag bieten. Das „Wohn-Service-Team“
unterstützt bei beschwerlichen Arbeiten
wie dem Aufhängen von Gardinen und dem
Anschließen technischer Geräte. Auch beim
Gang zum Arzt oder Amt sind Alltagshelfer,
ehrenamtliche oder vorher Langzeitarbeits-
lose, zur Stelle. Im Programm sind auch
Menü-Services, Fahrhilfen, Notrufsysteme,
Pflegeangebote sowie ein umfangreiches
Kommunikations- und Veranstaltungspro-
gramm. Das Mieterfernsehen K 4 informiert
über Neuigkeiten und schafft Identifikation
im Viertel. Einige Projekte werden öffentlich
gefördert.
Zudem hat sich als weiterer Baustein die
Kooperation vor Ort mit etablierten Part-
nern im Sozialwesen bewährt wie auch
die Mobilisierung generationenübergrei-
fender Selbsthilfeprogramme. „Viele Mieter
wünschen sich kleine Hilfsangebote und
betreute Wohnformen mit Sicherheits-
diensten, nachbarschaftliche Einrichtungen
mit Kontakt- und Kulturangeboten, also
einen Rahmen, der die Mobilität der älteren
Menschen erhöht“, sagt Angela Reisert-
Bersch, Leiterin des Sozialmanagements.
GBH
Die Gesellschaft für Bauen und Wohnen
Hannover mbH (GBH) errichtet in Hannover-
Stöcken inzwischen ihr fünftes Wohnen-plus-
Projekt, das sich baulich und mit vielfältigen
Betreuungsangeboten auf die Bedürfnisse
älterer Mieter und solchen mit Handicaps
ausrichtet. In dem Neubau im Passivhaus-
standard entstehen 32 barriere­freie Zwei-
zimmerwohnungen auf vier Geschossen,
vier rollstuhlgerechte Wohnungen liegen im
Erdgeschoss. Integriert ist ein barrierefreier
Gemeinschaftsraum sowie Zimmer für den
ambulanten Pflegedienst. Eine Gästewoh-
nung kann bei Krankheit, als Ausweichquar-
tier oder für Gäste benutzt werden.
Vier Millionen Euro investiert die GBH in ihr
jüngstes Seniorenprojekt. Im Frühjahr 2012
ist es bezugsfertig. Die Kaltmiete beträgt
5,40 Euro. „Das Interesse ist riesig“, sagt
Ursula Schroers, Leiterin der Geschäfts-
stelle Hannover-Vahrenheide. Die zukünf-
tigen Bewohner treffen sich jetzt schon
regelmäßig, um sich kennen zu lernen und
Die Wohnungswirtschaft
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Wohnungsmarkt
Altersgerechtes Wohnen