Seite 41 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_10_2011

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eine der größten Aufgaben des 21. Jahrhun-
derts für Kommunen, Wohnungsbaugesell-
schaften und Bauträger.“ Allerdings sei „das
altersgerechte Wohnen bei den Wohnungs-
eigentümern noch nicht angekommen“,
kritisierte Prof. Wippermann – eine These,
die eine kritische Diskussion wert gewesen
wäre. Der Trendforscher stützte sich nämlich
auf eine Untersuchung, die die Bundesge-
schäftsstelle der Landesbausparkassen in
Auftrag gab und die ausschließlich private
Immobilienbesitzer, nicht aber die professi-
onelle Wohnungswirtschaft berücksichtigte.
Dabei zeigt sich selbst bei den Einfamili-
enhausbesitzern eine Trendumkehr: Zwar
gaben nur neun Prozent der Befragten an,
das wichtigste Motiv für ihre geplanten
Modernisierungsmaßnahmen sei die Vor-
bereitung aufs Alter – dieser Anteil war
aber fast doppelt so hoch wie der Anteil
derjenigen Befragten, die in den letzten drei
Jahren ihr Haus seniorengerecht gemacht
hatten.
Große Balkone und
viel Bewegungsfreiheit
Wie Wohnungen konkret auf die Bedürf-
nisse älterer Menschen zugeschnitten
werden können, führte der Berliner Archi-
tekt Eckhard Feddersen vor Augen. Er plä-
dierte für „Universal Design“, also für eine
Gestaltung, die allen Generationen gerecht
wird. „Ich will keine Häuser mehr nur für
Alte bauen“, formulierte der erfahrene
Architekt sein Credo. „Denn nichts ist gut,
was nicht für alle gut ist.“
Als Beispiel für die Umsetzung dieses Prin-
zips führte Feddersen das Bad an: Das müsse
zwar barrierefrei sein, „aber es darf nichts
auf Alter und Behinderung hinweisen“. In
Zweipersonenhaushalten sei es außerdem
sehr sinnvoll, eine separate Toilette einzu-
bauen, da man im Alter im Bad mehr Zeit
brauche. Nützlich seien darüber hinaus ein-
fache, kostengünstige Maßnahmen – zum
Beispiel eine Abstellmöglichkeit für die Ein-
kaufstasche neben der Eingangstür oder ein
Türschloss, bei dem das Schlüsselloch über
(statt unter) der Klinke angebracht ist. „Die
Tür lässt sich so leichter öffnen“, erläuterte
der Planer. Vor allem forderte Feddersen die
Wohnungswirtschaftler auf, große Balkone
zu bauen. „Der Balkon ist im Alter der Gar-
tenersatz“, begründete er dies. Da alte Men-
schen viel Zeit in der Wohnung verbrächten,
sei es außerdem empfehlenswert, auch in
kleinen Wohnungen viel Bewegungsfreiheit
zu schaffen. Erreicht werden könne dies bei-
spielsweise dadurch, dass Bad und Küche
in der Mitte der Wohnung angeordnet
würden; dies schaffe die Möglichkeit für
einen Rundlauf.
Die Architektin Ulrike Rau vom Berliner Büro
Raumkonzepte sprach sich ebenfalls für ein
pragmatisches Vorgehen aus, das sich nicht
an Normen, sondern am tatsächlichen Bedarf
orientiere. „Im Altbau kriegt man optimale
Bedingungen nicht realisiert“, sagte sie. Hilf-
reich sei es aber, zum Beispiel im Bad einen
Bewegungsraum von 1,20 auf 1,20 Meter
vorzusehen, was für den Rollator ausreiche.
Auch auf die Bedeutung des Außenraums
wies Rau hin: Wer beispielsweise eine Bank
aufstelle, solle daneben eine Nische für Roll-
stuhlfahrer lassen.
Chance, nicht Risiko
„Behaglichkeit und Sicherheit“ seien für
ältere Menschen die wichtigsten Aspekte
beim Wohnen, betonte Eckhard Feddersen.
Sicherheit bedeute dabei in erster Linie eine
Mischung von normalen Wohnungen mit
ambulanten und stationären Pflegeange-
boten. „Die Pflege- und die Immobilienwirt-
schaft müssen zusammenwachsen“, forderte
auch Dr. Lutz H. Michel, Mitglied des wis-
senschaftlichen Beirats des DIS Instituts für
Serviceimmobilien in Hürtgenwald. Diese
übergreifende Betrachtung ist der zentrale
Ansatz des Zukunftsforums Langes Leben,
das der ehemalige Berliner Sozialsenator Ulf
Fink zusammen mit der ehemaligen Bun-
destagspräsidentin Prof. Dr. Rita Süssmuth
und der ehemaligen Bundesgesundheits-
ministerin Prof. Dr. Ursula Lehr im vergan-
genen Jahr aus der Taufe gehoben hat. Ziel
der jährlich stattfindenden Veranstaltung
ist den Initiatoren zufolge, Gesundheits-,
Sozial- und Wohnungswirtschaft bei der
Bewältigung des demografischen Wandels
zusammenzubringen. Dieser Wandel müsse
endlich als Chance und nicht nur als Risiko
gesehen werden, betonte Thomas Rachel,
parlamentarischer Staatssekretär im Bun-
desforschungsministerium: „Viele der
‚neuen Alten‘ wollen sich einbringen und
ein aktiver Teil der Gesellschaft sein.“
Christian Hunziker, Berlin
Preise nach Halle
und Wolfsburg
Am Rande des Zukunftsforums Langes
Leben hat die Initiative „Deutschland –
Land des langen Lebens“ ihre Preise für
vorbildliche Projekte verliehen. In der
Kategorie „Architektur und Stadtent-
wicklung“ wurden die Franckeschen Stif-
tungen und Architekt Wilfried Ziegemeier
für das 2005 eröffnete „Haus der Gene-
rationen“ in Halle (Saale) ausgezeichnet.
Es beinhaltet ein Altenpflegeheim
und eine Grundschule, die im Inneren
des Gebäudekomplexes miteinander
verzahnt sind. Den Preis in der Kategorie
„Vernetztes Leben“ erhielt die Neuland
Wohnungsgesellschaft mbH in Wolfs-
burg für ihr Wohnprojekt Neue Burg.
Es handelt sich dabei um ein Wohnen-
semble, in das eine Wohngemeinschaft
für Demenzkranke integriert ist. Der
Preis in der Kategorie „Technologische
Produkte und Mobilität“ ging an die
Scemtec Automation GmbH in Velbert für
ein von ihr entwickeltes drahtloses Senso-
rensystem mit integriertem Notruf.
FÜHRENDES UNTERNEHMEN FÜR
BALKONE
IN EUROPA
VERGLASTE BALKONE • OFFENE BALKONE • LAUBENGANG-VERGLASUNG
Ein engagiertes
Plädoyer für eine
Wohnungsgestal-
tung, die allen
Altersgruppen
gerecht wird,
hielt der Berliner
Architekt Eckhard
Feddersen.
Quelle: Gesundheitsstadt
Berlin/Foto: Philipp von
Recklinghausen
Die Wohnungswirtschaft
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