Seite 34 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_10_2011

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Wer zieht in deutsche Großstädte – warum und wohin?
Zurück in die Stadt – turbulentes Stadtleben
statt Rückzug ins Grüne?
In vielen Großstädten wachsen die Bevölkerungszahlen gegen den allgemeinen Trend. Zugleich ist eine rückläufige
Suburbanisierung zu beobachten. Welche Faktoren das Wachstum beeinflussen, was die Anziehungskraft der
Städte ausmacht und wen sie erreicht, hat das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in einem
Forschungsprojekt untersucht. Zehn deutsche Großstädte (Fallstudienstädte) wurden miteinander verglichen: Aachen, Bonn,
Dresden, Freiburg, Ingolstadt, Jena, Karlsruhe, Köln, München und Potsdam. Alle haben in den letzten Jahren Einwohner
hinzugewonnen.
Gesellschaft und Lebensformen haben sich
in den vergangenen Jahrzehnten verändert.
Die Anzahl der Einpersonenhaushalte ist
kontinuierlich gestiegen, Arbeitsalltag und
Arbeitsverhältnisse sind flexibler geworden.
Aufenthalt und Präsenz in öffentlichen
Stadträumen sind zum festen Bestandteil
des alltäglichen Lebens geworden, und
junge Singles zieht es ehedem eher in die
Stadt als aufs Land. Der Übergang von der
Ausbildung zum „gesettelten“ Leben, mit
fester Arbeitsstelle und festem Arbeitsort
– als wichtige Grundlage für die Eigen-
tumsbildung am Rand oder außerhalb der
Städte – hat sich in der Lebensphase nach
hinten verschoben. Aber selbst unter den-
jenigen, die sich mit Job und Familie eta-
bliert haben, zeichnet sich in qualitativen
Fallanalysen oder auch in Umfragen eine
Nachfrage nach städtischem Wohnen ab
1
.
Statistische Belege
Großstädte in Deutschland waren lange
Zeit die Verlierer der Bevölkerungsentwick-
lung. Nach einem Zwischenhoch Anfang
der 1990er Jahre, von dem als Effekt der
Wiedervereinigung einige westdeutsche
Städte profitierten, gingen die Bevölke-
rungszahlen wieder zurück. Seit 1998 zeigt
sich ein Anstieg der Bevölkerungszahlen –
besonders in den Jahren seit 2002. Nach
den Daten der Laufenden Raumbeobach-
tung des BBSR verzeichnen für den Zeitraum
2002 bis 2009 40 von 77 kreisfreien oder
kreisangehörigen Großstädten mit mehr als
100.000 Einwohnern einen positiven Saldo.
Dabei ist erstens zu berücksichtigen, dass
einige Städte erst nach einer Phase enormer
Einbrüche wieder positive Salden erzielen
(zum Beispiel Leipzig oder Dresden). Zwei-
tens hat in einigen Fällen die Einführung
der Zweitwohnsitzsteuer in der vergangenen
Dekade den Anstieg der Wohnbevölkerung
rein statistisch noch weiter erhöht.
Innerhalb der zehn näher untersuchten
Städte (siehe Abbildung 1) konzentrieren
sich die gestiegenen Einwohnerzahlen im
Stadtgebiet von Fall zu Fall unterschiedlich:
mal auf innerstädtische Bereiche, mal auf
den Stadtrand. In der Mehrzahl der Fälle
waren die Bevölkerungsgewinne in der
Stadt höher als die im Umland. Jena und
Dresden stehen mit wachsenden Bevöl-
kerungszahlen sogar einem Umland mit
hohen Verlusten gegenüber (siehe Abbil-
dung 2), während die Bevölkerugszunahme
im Umland Berlins und Potsdams konkur-
renzlos hoch ist. Jene statistische „neue
Abb. 1
Quelle: BBR
Die Wohnungswirtschaft
10/2011
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Städtebau
Reurbanisierung