Europa-Kolumne
Die größte nachhaltige Siedlung
in Großbritannien: Graylingwell Park
In der südenglischen Kleinstadt Chichester entsteht die größte CO
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-neutrale Siedlung Großbritanniens. Sie zeigt, wie sich
neue energieeffiziente Häuser behutsam in eine Parklandschaft mit alten Gebäuden integrieren lassen. Gleichzeitig macht
sie deutlich, dass in Großbritannien immer mehr Anstrengungen unternommen werden, um durch nachhaltiges Bauen und
energetische Sanierung ehrgeizige Klimaschutzziele zu erreichen.
Graylingwell Park ist ein
geme i nsames Pro j ek t
der Wohnungsbaugesell-
schaften Linden Homes und
Affinity Sutton Housing
Association. Der Master-
plan stammt vom Archi-
tekturbüro John Thompson
and Partners in London.
Am Konzept haben aber
auch viele Bürger, Politiker,
Denkmal-undNaturschützer
mitgearbeitet. Ziel war, die
Natur und die Gebäude auf
dem rund 340.000 Quad-
ratmeter großen Gelände
so weit wie möglich zu
erhalten. Zu den Gebäuden
zählen die viktorianischen
Backsteinbauten des ehemaligen psychia-
trischen Krankenhauses Graylingwell, ein
alter Wasserturm sowie ein Bauernhaus
und eine Kapelle, die unter Denkmalschutz
stehen. All diese Gebäude sollen saniert und
später genutzt werden; im Klinikkomplex
entstehen Wohnungen. Auf dem Gelände
sind insgesamt 750 Wohnungen und
Häuser mit zwei bis sechs Zimmern geplant.
Es handelt sich um ein- bis dreistöckige
Gebäude, die bis auf das Krankenhaus alle
neu gebaut werden. 40 Prozent der Wohn-
einheiten erhalten Menschen mit geringen
Einkommen. Ein Teil davon sind Sozialwoh-
nungen, der andere Teil ist Beschäftigten
aus der Region vorbehalten, die entweder
im öffentlichen Dienst arbeiten oder zum
ersten Mal Wohneigentum erwerben. Nach
dem Shared-Ownership-Prinzip erwerben sie
mindestens 25 Prozent der Wohnung und
bezahlen für den Rest eine Miete. Später
können sie weitere Teile kaufen, bis ihnen
die Wohnung ganz gehört.
Mittlerweile wird in Graylingwell Park kräftig
gebaut. Im März dieses Jahres sind die
ersten Bewohner eingezogen. In der ersten
Bauphase entstehen 105 Wohneinheiten,
Reihenhäuser und einige Wohnungen im
ehemaligen Verwaltungsgebäude des Kran-
kenhauses. In rund acht Jahren soll das
Städtebauprojekt abgeschlossen sein.
Ressourcen sparen
Für die Errichtung der Gebäude griffen
die Baufirmen auf Materialien zurück,
die sie, wenn möglich, in einem Umkreis
von 50 Kilometern beschafften. Die gut
isolierten Neubauten haben dreifach ver-
glaste Fenster. Im ehemaligen Krankenhaus
werden die alten Fenster gegen zweifach-
verglaste ausgetauscht und die Gebäude
von innen isoliert. Die Dächer vieler Häuser
sind mit Photovoltaikanlagen bestückt, die
mehr Energie erzeugen, als verbraucht wird.
Die überschüssige Menge wird ins natio-
nale Stromnetz eingespeist. Hauptenergie-
quelle ist ein Gasmotor-Blockheizkraftwerk,
das warmes Wasser und Heizenergie liefert.
LüftungsanlagenmitWärmerückgewinnung
sorgen für den notwendigen Luftaustausch
in den Häusern. Um den Wasserverbrauch
um ein Drittel zu senken, sind sie mit
wassersparenden Duschen und Toilet-
tenspülungen sowie Regentonnen ausge-
stattet. Außerdem können
die Bewohner nicht nur in
eigenen Gärten, sondern
auch auf Gemeinschafts-
flächen Obst und Gemüse
anbauen und ihren Biomüll
zu Komposthaufen auf dem
Gelände bringen.
Umweltbewusst leben
Ökologisch zu leben wird
in Graylingwell Park gezielt
gefördert. Als die staat-
liche Entwicklungsagentur
Homes and Communities
Agency das Gelände an
die beiden Wohnungsbau-
gesellschaften verkaufte,
mussten sie sich dazu verpflichten, einen
Community Development Trust ins Leben
zu rufen. Diese gemeinnützige Organisa-
tion soll gemeinschaftliche Aktivitäten
organisieren und für einen umweltfreund-
lichen Lebensstil werben. Außerdem wird
sie die öffentlichen Flächen und Gebäude
der Siedlung verwalten. Dazu werden die
Kapelle, der Wasserturm, eine neue Mehr-
zweckhalle, rund 30 Künstlerateliers in ehe-
maligen Stallgebäuden, ein Obstgarten mit
140 Bäumen sowie Gemüsegärten gehören.
Die Organisation will die Bewohner dazu
anregen, vorrangig Bus, Bahn oder Fahrrad
zu benutzen. Sie wird Mitfahrgelegenheiten
vermitteln sowie einen Car-Sharing-Club
gründen. Für diese Aktivitäten erhält die
Organisation auf dem Gelände ein eigenes
Büro. Das notwendige Personal soll durch
die Vermietung von Gemeinschaftseinrich-
tungen bezahlt werden. Außerdem muss
jeder Haushalt jährlich rund 60 Euro für
die Arbeit des Trusts bezahlen. Ob die
Bewohner das vielfältige Angebot des Trusts
annehmen, wird sich erst in etlichen Jahren,
nach Abschluss des Projekts, zeigen.
Gabriele Kunz, Hamburg
Innovative Gebäude in der südenglischen Siedlung Graylingwell Park.
Quelle: The House Group
Die Wohnungswirtschaft
10/2011
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Grenzenloses Europa