Seite 32 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_10_2011

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urbanen Gärtner und Gärtnerinnen an eine
aktive gefragte und ungefragte Teilhabe an
Stadt und ihrer Entwicklung zu berücksich-
tigen und neue Formen der Mitwirkung und
Kooperation zu entwickeln.
Aktuelle Herausforderungen
Auch wenn die landwirtschaftliche und
gärtnerische Nutzung von städtischen
Freiflächen kein wirklich neues Thema der
Stadtentwicklung ist, stellen sich vor dem
Hintergrund der jüngsten und raschen Ent-
wicklung neuer Formen des urbanen Gärt-
nerns und der urbanen Landwirtschaft vor
allem für Kommunen sowie für die urbanen
Landwirte und Gärtner selbst, aber auch für
die Wissenschaft verschiedene Herausfor-
derungen:
<
Die Begriffsbestimmung urbane Land-
wirtschaft/urbanes Gärtnern ist (noch)
unklar. Geklärt werden sollte unter
anderem, welche Ansätze dazu zählen
und wo die Unterschiede zwischen
Landwirtschaft und Gärtnern liegen
beziehungsweise inwieweit diese Diffe-
renzierung relevant ist.
<
Neue Formen der stadtnahen Landwirt-
schaft erfordern seitens der Kommune
Kooperation und Kommunikation mit
den Landwirten als unverzichtbarer
Partner. Die Akzeptanz der Landwirte
für kommunale Konzepte und innovative
Ansätze ist eine wichtige Voraussetzung
für die Stärkung urbaner Landwirtschaft.
Zudem ist zu berücksichtigen, dass die
Landwirtschaft selbst Träger von Innova-
tionen ist.
<
Vor dem Hintergrund möglicher Gemein-
samkeiten zwischen Kleingärtnern und
urbanen Gärtnern sollten Allianzen
zwischen diesen zwei Nutzergruppen
entstehen. Dabei kann es nicht um ein
Ineinanderaufgehen beider Gruppen
gehen. Vielmehr sollten die Unterschiede
sichtbar bleiben, aber gemeinsam für not-
wendige Rahmenbedingungen gestritten
werden. Potenziale für urbane Gärtner
könnten eventuell auf brachgefallenen
Flächen der Kleingärtner liegen.
<
Urbanes Gärtnern ist ein niedrigschwel-
liger Einstieg in die partizipative Stadt-
entwicklung. Die Beteiligten wollen sich
nicht nur an einem Garten beteiligen,
sondern zudem teilhaben an Stadt(teil)-
entwicklung, sie wollen Nachbarschaften
mitgestalten und interessieren sich für
Stadt. In diesem Kontext können Pro-
jekte des urbanen Gärtners allerdings
auch in Konflikte zu Stadtentwicklungs-
projekten geraten.
<
Kommunen sollten urbane Landwirt-
schaft/urbanes Gärtnern durch Inte-
gration in Stadtentwicklungskonzepte
und Schaffung geeigneter Rahmenbe-
dingungen stärker unterstützen. Bei-
spielgebend hierfür können kommunale
Förderansätze in Nordamerika (New
York, Philadelphia, Montreal) oder Däne-
mark sein. Kommunen können aber auch
mit ihren eigenen landwirtschaftlichen
Betrieben den Wandel zur ökologischen
Landwirtschaft unterstützen und als
Vorbild auftreten, da die ökologischen
und sozialen Funktionen der städtischen
landwirtschaftlichen Betriebe immer
mehr in den Vordergrund rücken. Die
zunehmende Bedeutung einer nach-
haltigen und verbraucherorientierten
Landwirtschaft ist Motor dieser Ent-
wicklung. Auch die erhöhte Nachfrage
nach regional erzeugten, landwirtschaft-
lichen Produkten stärkt die Bedeutung
und Akzeptanz von Landwirtschaft in
der Stadt. Wichtig ist in diesem Zusam-
menhang auch die ressortübergreifende
Zusammenarbeit innerhalb der Stadtver-
waltung (Stichworte: Stadtentwicklungs-
perspektive und Zwischennutzung).
Ob der derzeit zu verzeichnende Boom des
urbanen Gärtnerns das Gesicht der Städte
nachhaltig verändern wird, lässt sich noch
nicht abschätzen. Schon jetzt aber lässt sich
feststellen, dass der Anbau von Gemüse
auf der eigenen Parzelle oder im Gemein-
schaftsgarten an Bedeutung gewinnt, dass
Weizenfelder und Streuobstwiesen in land-
schaftsplanerischen Konzepten in neue
Stadtlandschaften integriert werden und
dass auch der professionelle Anbau von
Lebensmitteln in Hochhäusern oder auf
Dächern neu diskutiert wird. Schon heute
führen die in Eigenregie entstandenen
gärtnerisch genutzten Orte zu mehr Lebens-
qualität, vor allem in verdichteten Stadtge-
bieten. Ein Qualitätsgewinn, der auch von
Akteuren aus den Kommunen, der Immobi-
lien- und Wohnungswirtschaft nachhaltig
unterstützt werden sollte.
Dr. Stephanie Bock
Deutsches Institut für Urbanistik,
bock@difu.de
Christa Böhme
Deutsches Institut für Urbanistik,
boehme@difu.de
Quellen:
Lohrberg, Frank (2011): Urbane Landwirtschaft
– Urbane Agrarlandschaften. Vortrag im Rahmen
des Difu-Seminars „Urbane Landwirtschaft – ein
Beitrag zur zukunftsfähigen Stadt(entwicklung)?“
am 26./27. Mai 2011 in Berlin.
Friderich, Gabriele (2009): Landwirtschaft rund um
die Stadt – Ressource für Bauland und mehr? In:
Bayerische Akademie Ländlicher Raum e. V. (Hrsg.):
Stadt – Land – Wirtschaft. Zukunft oder Vergangen-
heit? Dokumentation des Sommerkolloquiums am
23. Juli in München. München 2009. S. 18-22.
Projekte wie der auf einem unbebauten Grundstück mit
Hilfe von Bäckerkisten zwischengenutzte Prinzessin-
nengarten in Berlin-Kreuzberg oder der offene Garten
auf einem Tiefgaragendeck in Hamburg St. Pauli sind
Beispiele für urbane „Landwirtschaft.“ Kompostieren
in der Küche? Ausgeklügelte effiziente Pflanzgefäße?
Blumenkästen an der Wäscheleine? Gibt es eine Poesie
der Pflanzgefäße? Studierende der Hamburger Hoch-
schule (HFBK) für bildende Künste haben sich mit dem
Thema auseinandergesetzt und experimentiert. Eine
Ausstellung auf dem IBA-Dock im Juli dieses Jahres
und ein ungewöhnlicher Ausstellungkatalog sind das
Ergebnis. Ideengeber für das Projekt war der österrei-
chische Designer und HFBK-Gastprofessor Dr. Harald
Gründl, der sich schwerpunktmäßig mit dem Design von Lebenswelten beschäftigt und
zum Thema „Agriculture and the City“ an der HFBK lehrte. Auch die Aufmachung zeigt
die Künstlerhandschrift: Ein Karton enthält auf Plakaten plus Leitartikel acht Semester-
arbeiten, praktischerweise zum Lesen und Aufhängen gleichermaßen geeignet.
Agriculture & the City. Katalog in acht Plakaten. Material-Verlag an der HFBK,
Hamburg 10,00 Euro (inklusive Versandkosten)
Bäckerkisten und Wäscheleinen –
kreative Landwirtschaft in der Stadt
Die Wohnungswirtschaft
10/2011
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Städtebau
Grün- und Freiflächen