Gärten und Nachbarschaften
Urbane Landwirtschaft – ein Beitrag zur
zukunftsfähigen Stadt(entwicklung)?
Fast jeder Beitrag zur aktuellen städtischen (Frei-)Raumnutzung oder zu innovativen Ansätzen einer zukunftsfähigen Stadt-
entwicklung befasst sich mit dem Phänomen des urbanen Gärtnerns und der urbanen Landwirtschaft. Gesprochen wird von
Gemeinschaftsgärten, City Farms, interkulturellen Gärten, Nachbarschaftsgärten, Bewohnergärten, Krautgärten. Diese neuen
städtischen Gärten ergänzen die traditionellen Formen der Schrebergärten und Mietergärten und werden als Zeichen einer
neuen urbanen Gartenkultur interpretiert.
Die auftretende Vielfalt der neuen Gärten
steht für unterschiedliche fachliche, dis-
ziplinäre und politische Zugänge und
Zielsetzungen der aktuellen produktiven
Freiraumnutzung in den Städten. Aber auch
der klassischen landwirtschaftlichen Pro-
duktion in der Stadt wird eine neue Bedeu-
tung zugesprochen.
Die inhaltliche Konkretisierung und genaue
Definition beziehungsweise Abgrenzung
der Begriffe urbanes Gärtnern und urbane
Landwirtschaft erfolgt durchaus strittig
und nicht einheitlich. Eine mögliche Unter-
scheidung schlägt Frank Lohrberg (2011)
vor. Er definiert einerseits Urban Farming,
das heißt urbane Landwirtschaft, die auf
größere landwirtschaftliche Flächen, den
stadtregionalen Maßstab, den professi-
onellen Akteur (Landwirt), die Flur und
deren ökologische und ästhetische Qua-
litäten fokussiert. In Abgrenzung dazu
fasst er unter Urban Gardening, das heißt
urbanem Gärtnern, die Projekte, die sich
auf einzelne gartenbaulich genutzte Orte,
den Maßstab der Nachbarschaf t, den
nicht-professionellen Akteur, den Garten
und dessen soziale Qualitäten konzent-
rieren. Ungeklärt ist bisher das Verhältnis
der neuen Formen urbanen Gärtnerns zu
Kleingärten und anderen gärtnerischen
Nutzungen in der Stadt.
Vielfältige Formen urbaner
Landwirtschaft
Unabhängig von der Frage der Begriffs-
definition greifen fast alle aktuellen Kon-
zepte nachhaltiger Stadtentwicklung und
des Stadtumbaus ebenso wie innovative
Landnutzungskonzepte und Ansätze zum
Umgang mit dem Klimawandel die Stich-
worte „urbane Landwirtschaft/urbanes
Gärtnern“ auf. Erhofft werden von den
neuen städtischen Landnutzungskonzepten
innovative Beiträge zur Stärkung ökonomi-
scher, ökologischer und sozialer Nachhal-
tigkeit, zur dezentralen Energieversorgung
und zum Klimaschutz. Hervorgehoben wird
ihr Beitrag zur gesunden Ernährung sowie
zur kostengünstigen Bewirtschaftung städ-
tischer Freiflächen und Brachen.
Gleichzeitig bieten die Orte urbanen Gärt-
nerns und urbaner Landwirtschaft Raum
für neue Formen zivilgesellschaftlichen
Engagements, auch von sozial benachtei-
ligten Menschen. Nicht nur in interkultu-
rellen Gärten, die schon seit über einem
Jahrzehnt an Bedeutung gewinnen, auch
im öffentlichen Raum beginnen in letzter
Zeit immer mehr Akteure, ihr Gemüse
selbst anzubauen. Sie begrünen (ohne zu
fragen) die Straßen, in denen sie wohnen,
pflegen Baumscheiben, entmüllen brach-
liegende Flächen, übernehmen städtische
Parks in Eigenregie, legen dort Gemüse-
beete an und schaffen praktische Lernorte
für Kinder und neue Impulse für Kulturen
des Miteinanders; Stadtteile gewinnen an
Lebensqualität. Neben internationalen und
interkulturellen Gärten entstehen in Nach-
barschaftsgärten, Selbstversorgerprojekten
oder Kinderbauernhöfen mitten in der
Stadt grüne Oasen und neue Sichtweisen
auf Urbanität. Diese tragen auch zu einer
Verbesserung der Lebensqualität in städ-
tischen Wohnquartieren bei. Zentrale Ele-
mente des urbanen Gärtnerns sind damit
Partizipation, Gemeinschaft, die Aneignung
von Flächen sowie politisches Handeln. Die
Wiederentdeckung des Erntens im urbanen
Alltag wird als Kontrapunkt zur Globalisie-
rung und Mobilität der Stadtgesellschaft
verstanden.
Neue Aufgaben für die Kommunen
Kommunen kommt im Rahmen neuer, aber
auch klassischer Projekte urbaner Land-
wirtschaft und urbanen Gärtnerns eine
veränderte Rolle zu. Auf der einen Seite
sind landwirtschaftliche Flächen in den
Städten noch immer – wenn auch in unter-
schiedlichen Ausprägungen – quantitativ
von Bedeutung. Der Anteil der klassischen
Landwirtschaft an der Stadtfläche liegt
beispielsweise in Berlin bei 4,9 Prozent, in
München bei 15,4 Prozent, in Düsseldorf
Nachbarschaftsgarten Ton Steine Gärten in Berlin
Quelle:
Dr. Stephanie Bock
Die Wohnungswirtschaft
10/2011
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Städtebau
Grün- und Freiflächen