Seite 20 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_10_2011

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Dr. Peter Schaffner:
Ich kann mich noch
gut an die Verleihung des letzten DW-
Zukunftspreises in Garmisch-Partenkirchen
erinnern. Da wurde der Hilfswerk-Siedlungs-
gesellschaft aus Berlin ein Preis verliehen, die
eine Siedlung mit etwa 1.500 Wohnungen
und rund 20 Prozent Leerstandmittels gering­
investiver Maßnahmen zu einem Mehrgene-
rationenquartier umgebaut hatte. Hier wurde
geschickt auch in die Nachbarschaft inves-
tiert, so dass
m i t t l e r we i l e
nur noch ein
Leerstand von
einem Prozent
existiert (siehe
DW 7/2011,
S. 12). Rechnet
man das grob
hoch, erlöst das
Unternehmen
bei 1.500Wohn-
einheiten jährlich rund eine Million Euro
Miete mehr. Gehe ich von einer zehnprozen-
tigen Kapitalisierung aus, ergibt das rund
zehn Millionen Euro für die Verbesserung der
Nachbarschaft, und auf den Quadratmeter
bezogen schätzungsweise 100 bis 120 Euro
– eine Summe, mit der eine Menge erreicht
werden kann. Vor diesem Hintergrund macht
es für das Unternehmen Sinn, in die Kinder-
betreuung zu investieren, um den Standort
für Familien attraktiver zu machen.
Axel Gedaschko:
Ich stelle nochmals die
Frage, welche Rolle der Staat hat. Natürlich
ist es eine Aufgabe der Wohnungswirtschaft,
sich in den Quartieren zu engagieren. Es ist
auch aus betriebswirtschaftlichen Gründen
ihr ureigenes Interesse. Die Beispiele aus
unseren Unternehmen sind vorbildlich und
werden nicht ohne Grund immer wieder aus-
gezeichnet. Gleichwohl ist unser Handeln
nicht losgelöst vom gesellschaftlichen
Umfeld und betrifft gesamtstaatliche Auf-
gaben. Die „überforderten Nachbarschaften“
setzten eine Diskussion in Gang und halfen
mit, das Bund-Länder-Programm Soziale
Stadt zu initiieren. Wir müssen die Zusam-
menhänge im Blick behalten und von der
Politik eine umfassende Reform, eine andere
Problembehandlung fordern. Wenn die
Grundstruktur jedoch nicht stimmt, doktern
wir nur an Symptomen herum. Viele, die bei
uns wohnen, haben keine Lobby. Wir können
nicht nach dem Motto verfahren: Die, die
bei uns wohnen, haben Glück gehabt, die
anderen aber leider Pech. Der Staat ist teil-
weise leider meilenweit davon entfernt, seine
Kernaufgabe zu erfüllen. Wie lösen wir das?
Bernhard Spiller:
Das Programm „Soziale
Stadt“ hat erstmalig das Bauliche mit
dem Sozialen vereint. Wir sind in fast
allen größeren
Wohnungsbe-
ständen aktiv,
um vor Or t
soziale Netz-
werke anzu-
schieben. Der
Net zwerkcha-
rakter ist das
w e s e n t l i c h e
Element für
die Quartiere.
Eine weitere Unterstützung und öffent-
liche Förderung wäre wichtig, leider wickelt
die Politik dieses wichtige Element jedoch
gerade wieder ab.
Ralf Zimlich:
Ich möchte nochmals auf
einen bedeutsamen Punkt zu sprechen
kommen: Wir können sicherlich eine Vielzahl
unterschiedlicher Problemlagen bewältigen
und eine Menge für unsere Bestände tun,
stoßen jedoch dort an unsere Grenzen, wo
diese direkt neben Beständen von Private-
Equi ty -Unter -
nehmen liegen.
Wi r können
sicherlich über
die Bestands-
grenzen hin-
ausgehen, aber
nicht in der
Tiefe, wie es
gegebenenfalls
nötig wäre. Da
dor tige Prob-
leme unsere Bestände infizieren können,
ist die Politik gefordert, dafür zu sorgen,
dass diese Unternehmen zumindest das
Gröbste tun, damit sich Quartiere positiv
entwickeln.
Ulrich Pfeiffer:
Es geht gar nicht darum,
dass alle im Gleichschritt gehen, sondern
darum, mit Kommunen und anderen Part-
nern kreative Projekte für die Quartiere zu
entwickeln, die sichtbar sind und zeigen,
wie Nachbarschaft und Integration organi-
siert werden kann.
Dr. Peter Schaffner:
Es ist faszinierend,
so geballt zu hören, was alles getan wird.
Ich frage mich nur: Wird das eigentlich auch
außerhalb der Branche wahrgenommen?
Wenn Politiker mittlerweile wieder über-
legen, zur Entschuldung ihrer Haushalte
Wohnungsunternehmen zu verkaufen,
frage ich mich, ob die Wohnungswirtschaft
gut genug kommuniziert, welche volkswirt-
schaftliche und sozialpolitische Bedeutung
sie für dieses Land hat. Die Wohnungswirt-
schaft sollte mehr Öffentlichkeitsarbeit und
Marketing machen.
Axel Gedaschko:
Droht den kommunalen
Unternehmen tatsächlich der Verkauf?
Meines Erachtens droht derzeit vielmehr
eine Überforderung der kommunalen Unter-
nehmen dadurch, dass sie sowohl Erträge
abführen müssen als auch all die Dinge
erfüllen sollen, die man so leicht unter Stadt-
rendite subsumiert. Es ist wesentlich klüger,
die Kenntnisse der Unternehmen vor Ort
und im Sinne einer sozialen Quartiersent-
wicklung einzusetzen – ohne dass dies ihre
Kernaufgaben verletzt – als Erträge abzufor-
dern. Deshalb wehre ich mich auch dagegen,
all dies den Wohnungsunternehmen zu
überantworten. Es ist die Kernaufgabe ins-
besondere der Kommunen, aber auch der
Länder und des Bundes, soziale Probleme
anzugehen. Dafür werden sie mit den ent-
sprechenden Steuermitteln ausgestattet. Wir
dürfen nicht der Gefahr erliegen, hier eine
Abwälzung dieser Aufgaben auf Wohnungs-
unternehmen zuzulassen.
Frank Bielka:
Der Zusammenhang zwi-
schen Eigeninteresse und Gebietsstrategie
ist wichtig. Wir müssen öffentlich deutlicher
machen, dass unsere Quartiersstrategien
eine erhebliche ökonomische Bedeutung
haben – und nicht nur Schnickschnack sind,
den es zusätzlich gibt.
Jürgen Steinert:
Herr Gedaschko wies
völlig zu Recht darauf hin, dass die kommu-
nalen Unternehmen Gefahr laufen, über-
fordert zu werden. Dies resultiert aus einer
neuen, grundsätzlich gewandelten Erwar-
tungshaltung der öffentlichen Hand und
der Öffentlichkeit gegenüber Wohnungsun-
ternehmen beziehungsweise den von ihnen
zu übernehmenden Aufgaben. Es ist gut,
dass sich das geändert hat. Wir müssen aber
darauf achten, dass die Abwehr, die aus der
Überforderung der Wohnungsunternehmen
und aus ihrem Eigeninteresse resultiert,
nicht so stark wird, dass sie wieder aus der
Verantwortung entlassen werden. Zwischen
der Verantwortung für die Koordinierung
und Implementierung von Lösungen und
der Pflicht der öffentlichen Hand, uns nicht
wahllos alles zu überantworten, gibt es ein
Spannungsfeld, das wir gestalten müssen.
Herr Dr. Schaffner hat Recht, wenn er die
ökonomischen Aspekte hervorhebt, die in
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Thema des Monats
12. Brandenburger-Hof -Gespräch
Die Wohnungswirtschaft
10/2011