Seite 19 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_10_2011

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rikanischen Fonds, der die GAGFAH kaufte.
Damals wurde behauptet, kommunale
Unternehmen seien „undermanaged“. Dies
würde heute kein Mensch mehr behaupten.
In vielen Unternehmen wurden die struk-
turellen Aufgaben beherzt angegangen –
zudem wurde die Kompetenz entwickelt,
Quartiere verstehen und lesen zu können.
Wir sind in den Stadtteilen inzwischen in
der Lage, genau zu erkennen, wo welche
Probleme liegen und wo es Potenziale gibt.
Diese Fähigkeit können und sollten wir
deutlich ausbauen. Ich betrachte uns nicht
als Reparaturbetriebe, sondern als Immo-
bilienunternehmen, die Quartiersaufgaben
wahrnehmen, stabile Nachbarschaften und
Quartiere kreieren. Das ist ein Wert, der
weit darüber hinausgeht, einfach nur Voll-
vermietung herzustellen.
In der „alten“ Wohnungswirtschaft wurde
einer Schule ein Spendenscheck überreicht.
Heute setzt sie sich mit Bildungs- und quar-
tiersbezogenen Kulturfragen auseinander,
versteht sich als Akteur der Quartiersent-
wicklung. Das ist relativ neu und sollte drin-
gend ausgebaut werden. Es ist inzwischen
ein realer Wettbewerbsvorteil.
Klaus Graniki:
Ich gebe Ihnen Recht. Die
kommunale Wohnungswirtschaft und auch
die Landesgesellschaften sind nicht mehr
so verschlafen wie früher. Wir haben uns
betriebswirtschaftlich völlig neu aufge-
stellt. „Undermanaged“ zu sein ginge schon
deshalb nicht mehr, weil wir auf langfris-
tige Finanzierungen und Investitionssi-
cherheit angewiesen sind. Investieren wir
heute, führen wir Standort- und Quartiers-
untersuchungen, weil wir Geld verdienen
müssen, nicht, weil wir Stadtentwicklungs-
politik gestalten wollen. Das Auftauchen
von Finanzinvestoren war dabei unter
Umständen sogar hilfreich. Es hat uns zu
dem Punkt gebracht, an dem wir heute
sind.
Ulrich Pfeiffer:
Vor 15 Jahren waren
Wohnungsunternehmen einfach nur gute
Vermieter. Auch die Kommunen waren in
Sachen Quartiersentwicklung noch nicht
präsent, und die Schulen hatten kein Ver-
ständnis für eine Nachbarschaftspers-
pektive. Mittlerweile hat sich eine Menge
getan. Wohnungsunternehmen haben
einen Lernprozess hinter sich und über-
nehmen gemeinsam Verantwortung für ihre
Quartiere.
Bernhard Spiller:
Richtig, es hat sich
seitdem in unseren Unternehmen viel ver-
ändert. Mittlerweile schulen wir Mitarbeiter
im Bereich interkulturelle Kompetenz,
stellen Auszubildende mit einem entspre-
chenden ethnischen Hintergrund ein und
versuchen auf diese Weise, unser Know-how
auszubauen sowie Nähe zu Mietern mit
Migrationshintergrund aufzubauen.
Soziales Agieren und betriebswirtschaft-
liche Notwendigkeiten sind kein Konflikt-
feld mehr, sondern eine Einheit. Inzwischen
könnenwir diesen Bereich auch als Kernkom-
petenz unserer Unternehmen betrachten, in
dem wir sehr erfolgreich sind.
Hendrik Jellema:
Wir müssen betriebswirt-
schaftlich und sozial handeln – das schließt
sich nicht aus. Ich möchte zwei Beispiele für
das neue quartiersbezogene Handeln der
Wohnungsunternehmen nennen: Wir sind
eine Kooperation mit Grundschulen einge-
gangen und organisieren unter anderemmit
der Sarah-Wiener-Stiftung Essenangebote
für Schüler und Lehrer. Entstanden ist das
aus der Erkenntnis, dass viele Kinder ohne
Essen in die Schule kommen, wir aber nicht
einfach die Schulspeisung übernehmen
können. Der Nebeneffekt ist, dass eine
Kommunikationsbasis zwischen Schulen,
Wohnungsunternehmen und Quartier ent-
steht.
Ein anderer Bereich ist der Sport: Türkische
Eltern baten uns, ein für Jugendliche pas-
sendes Programm zu initiieren. Entstanden
ist ein großes Sportangebot, das mittels
Boxsport Disziplin, Anerkennung und
Respekt vermittelt. Das wirkt sich auf die
Nachbarschaften aus, leistet einen Beitrag
zur Integration und färbt positiv auf die
Schulleistungen ab. Wichtig ist, dass die
Nachbarschaft anders wahrgenommen
wird – die türkischen Jungs mit den schräg
aufgesetzten Kappen sind nun „unsere“
Jungs, sie sind zu den Jungs aus unserem
Kiez geworden.
Frank Bielka:
Schön, dass Sie das noch
einmal ansprechen. Ich sprach bereits über
unsere Bildungsverbünde. Die Ergebnisse
sind faszinierend. Im Quartier Wedding-
Brunnenviertel starteten wir vor zwei Jahren
mit einer Schule, die einen 95-prozentigen
Migrantenanteil und ein schwaches Leis-
tungsniveau hatte. Um wieder deutschspra-
chige Kinder ins Quartier zu holen, wurde
ein Konzept entworfen, in dem in einer
ersten Klasse Naturwissenschafts- und Eng-
lischunterricht angeboten wurde – gute
Deutschkenntnisse wurden als Eingangsvo-
raussetzung definiert. Nach ersten Anfein-
dungen zeigte sich, dass eine erste Klasse
besetzt werden konnte – unter anderem mit
Schülern auch aus gut entwickelten Nach-
barkiezen wie Mitte und Prenzlauer Berg,
wo die Latte-Macchiato-Fraktion wohnt.
Der entscheidende Punkt war, dass man
bildungsorientierte Eltern aus dem Quar-
tier steht auf einmal in die Schule locken
konnte. Die Lehrer schwärmen von einer
erstmals wieder multikulturellen Situation,
in der neben türkisch-arabischen nun auch
afrikanische, asiatische und deutsche Kinder
gemeinsam auf einem Niveau lernen.
Ulrich Pfeiffer:
Dieses Modell sollte mas-
senhaft nachgeahmt werden. Es ist die pro-
duktivste Lösung, die ich gesehen habe!
Bernhard Spiller:
Die Frage ist: Wie defi-
nieren wir Bildung? Bringen wir in Netz-
werken alle zusammen, die im weitesten
Sinne für Bildung stehen? Das wären neben
Schulen auch die Vereine, die Volksbil-
dungswerke, die Politik und die Ortsbeiräte.
Was wir vorfinden, ist oft ernüchternd: Meist
müssen wir erst einmal die Sprachlosigkeit
überwinden, bevor wir überhaupt Themen
besprechen, geschweige denn Konzepte
entwickeln können.
Frank Bielka:
Als wir vor sechs Jahren
im Brunnenviertel mit unserer integrierten
Quartiersentwicklungsstrategie begonnen
haben, hatten wir einen Leerstand von etwa
sieben Prozent. Heute liegen wir unter einem
Prozent. Die ins Quartier Zugezogenen
bilden mittlerweile die bunte Mischung der
Berliner Bevölkerung ab. Ihre Einkommen
liegen am oberen Ende des Unternehmens-
durchschnitts. Es hat sich gerechnet – auch
wenn der Prozess anfangs mühsamer war
als gedacht.
Bernhard Spiller:
Ich kann nur unterstrei-
chen, dass Bildung das zentrale Thema ist.
Laut einer aktuellen Emnid-Umfrage sehen
74 Prozent aller Eltern mit schulpflichtigen
Kindern einen Zusammenhang zwischen
Schulerfolg und Quartier.
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Die Wohnungswirtschaft
10/2011