Stabile Nachbarschaften – gesamtgesellschaftliche Bedeutung
„Kernkompetenz ist heute, Quartiere verstehen
und Handlungskonzepte umsetzen zu können“
Die Trilogie „Gute Nachbarschaften – gefordert, gefördert, überfordert?“ weist auf zentrale Handlungsfelder hin: „gefordert“
sind Wohnungsunternehmen und ihre Mieter – denn stabile Nachbarschaften sind das Fundament für den sozialen
Frieden in den Quartieren, „gefördert“ werden die Nachbarschaften von den Wohnungsunternehmen – gehört es doch
mit zu ihren gesamtgesellschaftlichen Aufgaben, und „überfordert“ werden würden sie, sollten sie als Reparaturbetrieb
gesamtgesellschaftlicher, sozialer Probleme dienen müssen. Die Debatte machte deutlich: Für Wohnungsunternehmen
stellen soziales Engagement und betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten längst eine Einheit dar.
Jürgen Stei-
nert:
In den
bisherigen Bei-
t rägen kam
e i ne gr oße
Vielfalt an Pro-
blemlagen und
Aspekten zum
Ausdruck. Die
von der GdW-
Wohnungswirt-
schaf t heute
verkörperte Rolle wurde vor 15 Jahren
noch nicht akzeptiert. Die Ansprüche, die
die Branche an sich formuliert, sind im
Zusammenhang mit den bevorstehenden
sozial- und gesellschaftspolitischen Heraus-
forderungen unverzichtbar. Was ist jedoch,
wenn uns wieder eine Privatisierungsde-
batte droht? Bekommen wir dann die nötige
Unterstützung? Als Ulrich Pfeiffer 1995 den
Begriff „überforderte Nachbarschaften“ kre-
ierte, leugneten Politik und Öffentlichkeit
massiv, dass es überhaupt Probleme gibt.
Wie sieht es heute aus?
Ulrich Pfeiffer:
Die öffentliche Aufmerk-
samkeit für das Wohnen wandelt sich.
Der durch zyklisch überzogene Subventi-
onen entstandene Superzyklus des Bauens
erzeugte in den 1990er Jahren riesige
Leerstände, die bis vor Kurzem abgebaut
werden. Die Folge ist, dass auch ein län-
gerer Verknappungsprozess bevorsteht.
Schon im Wahlkampf 2013 haben wir
wieder ein Thema, das angesichts von Leer-
ständen und Abrissen fast vergessen schien.
Die Wohnungswirtschaft muss dies für sich
nutzen. Es gilt, die Relevanz des Wohnens
wieder deutlicher zu betonen.
Die Wohnungsunternehmen müssen die
„Wir-sind-nicht-der-Reparaturbetrieb“-
Haltung hinterfragen. Sie sind nicht mehr
nur Wohnungsvermieter, sie verfügen über
das Wissen, was in ihren Gebieten pas-
siert, sie haben
das Know-how
zum Managen
sozialer Pro-
zesse und sie
sind bestens
vernetzt. Die
Gebiete stehen
allerdings vor
e i nem P r o -
gramm- und
Proj ekt chaos ,
da EU, der Bund über das Bau- und das
Familienministerium sowie die Länder mit
eigenen Programmen Einfluss nehmen. Wir
benötigen eine effektive Bündelung auf
kommunaler Ebene.
Jürgen Steinert:
Das ist für die Woh-
nungsunternehmen ein strategischer Punkt.
Die Tatsache, dass die Finanzinvestoren in
die Kritik geraten sind, hat etwas damit zu
tun, wie sie mit den Beständen umgehen.
Wie geht es weiter?
Frank Bielka:
Mir macht der drohende
Wohnungsmangel Sorge: Die von Finanzin-
vestoren geführten Unternehmen werden
noch weniger Notwendigkeiten sehen, ihre
Bestände behutsam und sozial zu entwi-
ckeln, da sie diese problemlos vermieten
können. Für sie gibt es aus ökonomischer
Sicht gar keine Notwendigkeit, sich an
der Quartiersentwicklung zu beteiligen.
Ö f f e n t l i c h e
W o h n u n g s -
unt e rnehmen
werden ein-
treten müssen,
sofern sie in
den Städten
noch existieren.
I n ande r en
Bereichen wird
es ähnlich sein:
Die energetische Sanierung in Berlin wurde
im letzten Jahr zu zwei Dritteln durch die
kommunalen Unternehmen GESOBAU,
GEWOBAG und degewo getragen. Am
letzten Drittel waren zur Hälfte die Genos-
senschaften beteiligt, und das letzte
Sechstel teilten sich freie Eigentümer und
Finanzinvestoren. Das zeigt, dass der Druck
nachlässt, etwas zu tun.
Ulrich Pfeiffer:
Der Analyse stimme ich
zu.
Klaus Graniki:
Es ist bemerkenswert, dass
wir über Wohnungsnot sprechen. Es gibt
aber auch entspannte Wohnungsmärkte.
Wir agieren in
solch einem
Markt. Im Ruhr-
gebiet liegt die
L e e r s t a n d s -
quote um 3,6
Prozent. Hier
müssen Unter-
nehmen inves-
tieren, damit die
Bestände am
Markt gehalten
werden können. Kommunen werden künftig
auch mit Ruinen in den Städten umgehen
müssen. Und sie werden das Problem haben,
ältere Menschen versorgen zu müssen. Die
kommunalen Unternehmen können helfen,
Heimplätze abzubauen – die die Stadt pro
Platz und Jahr 30.000 Euro kosten – und
Menschen in den Wohnungen zu pflegen.
Für diese soziale Aufgabe sind wir prädes
tiniert. Wir können einen Marktvorteil
generieren: Investieren wir, haben wir auch
Vollvermietung, denn was marktfähig ist,
setzt sich durch.
Hendrik Jellema:
Ich komme aus einem
Private-Equity-Unternehmen. Bevor ich zur
GEWOBAG ging, arbeitete ich für den ame-
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Thema des Monats
12. Brandenburger-Hof -Gespräch
Die Wohnungswirtschaft
10/2011