Seite 17 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_10_2011

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auch abends eine Beschäftigung finden, dass ein Club oder Ähnliches
gebaut wird. Wir haben, aus der Not geboren, früh anfangen müssen, uns
mit Serviceleistungen zu beschäftigen. Rostock verlor nach der Wende einen
großen Teil seiner Einwohner, weil der industrielle Arbeitsmarkt, der heute
wieder Arbeitskräfte fordert, zusammenbrach. Heute besteht die paradoxe
Situation, dass der Arbeitsmarkt wächst, aber die Arbeitslosigkeitsquote
relativ stabil bleibt, weil Arbeitskräfte mit entsprechenden Qualifikationen
zuwandern. Auch diese gilt es zu integrieren: Unsere Verpflichtung ist des-
halb, dafür Sorge zu tragen, den Plattenbaubestand – der kein schlechtes
Produkt ist, sondern eine dauerhafte Berechtigung am Wohnungsmarkt
hat – so aufzuwerten und zu gestalten, dass sich auch Gutverdiener dort
wohl fühlen.
Wir müssen Chancengleichheit bereits in jungen Jahren gewährleisten. Das
fängt bei den 50 Cent an, die Kinder für die Schulspeisung von zuhause
nicht mitbekommen, die aber gewährleisten, dass sie mit allen anderen am
Tisch sitzen und sich im Zweifelsfall nicht schon jetzt aus der Gemeinschaft
verabschieden. Es hört bei der ungleichen Qualität der Schulen auf, und
dem Aspekt, dass man gerne auf den Lehrkörper Einfluss nehmen würde,
wenn man eine Schule schon massiv unterstützt … Wir können in einem
schwierigen Gebiet ein hohes Maß an Zuwanderung generieren, wenn in
diesem die beste Schule steht. Dann ändert sich die Einstellung zu dem
Gebiet schlagartig. Vielleicht muss man das auch über private Schulen
etablieren…?
Rostock ist anders, ein wenig heile Welt
vielleicht: Gegen den Trend entwickeln
sich Einwohner- und Arbeitsplatzzahlen
positiv. Als Unternehmen haben wir einen
Leerstand von nur zwei Prozent, einen
Marktanteil von über 30 Prozent, mit den
Genossenschaften zusammen sogar deut-
lich über 60 Prozent. Wir prägen den Stand-
ort. In den letzten 16 Jahren haben wir den
gesamten Bestand und das Umfeld saniert.
Als Wohnungswirtschaft haben wir meines
Erachtens jedoch eine Verpflichtung, auch
ohne staatliche Förderung dafür Sorge zu tragen, dass unsere Quartiere
funktionieren. Das ist Teil unserer Daseinsberechtigung. Nur Wohnungen
bereitzuhalten, wäre zu wenig. Das sagt sich in Rostock relativ leicht, weil
wir über die Integration von Migranten nicht reden müssen. Der Ausländer-
anteil in Rostock liegt bei drei Prozent. Diese Mitbürger, die lange vor der
Wende aus Asien oder Afrika kamen, sind heute integriert, haben Arbeit
und sprechen auch in der zweiten Generation fließend Deutsch.
Unser Integrationsthema heißt Integration von Alt und Jung. Wenn wir um
Stadtteile aufzuwerten, mit Aktionen Studenten in den Wohnungsbestand
holen, prallen unterschiedliche Tagesrhythmen und Lebensmodelle aufein-
ander. Wir müssen beispielsweise dafür Sorge tragen, dass die jungen Leute
Ralf Zimlich, Vorsitzender der Geschäftsführung WIRO Wohnen in Rostock Wohnungsgesellschaft mbH
„Unser Integrationsthema heißt Integration
von Alt und Jung“
gation und soziale Mischung ausformuliert, wären wir von der Öffentlich-
keit zerrissen worden. Unser Pfund sind unsere guten Mitarbeiter vor Ort,
die mit Fingerspitzengefühl die Bestände belegen und auf die ethnische
und kulturelle Zusammensetzung achten.
Wir sind alle gut beraten, auch aus egoistischen Gründen, Stadtteilreparatur
und Stadtteilentwicklung zu betreiben, denn der sozialen Erosion folgt die
Erosion der Immobilienwerte. Wir sind in gleicher Weise gefordert, betriebs-
wirtschaftlich und sozial zu agieren. Nur so viel: Es war immer eine Kom-
petenz der Wohnungsunternehmen, unterschiedliche Ethnien und soziale
Gruppen integrieren zu können – von den Kriegsflüchtlingen über die Gast-
arbeiter bis hin zu Armutsflüchtlingen. Wir netzwerken, stoßen an, entwickeln
Maßnahmen, arbeiten zusammen, fördern. Wir werden uns dieser Kompetenz
niemals entledigen können, soweit meine Prognose für die Zukunft.
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Die Wohnungswirtschaft
10/2011