Als Wohnungs- und Entwicklungsunterneh-
men haben wir Wohnungsbestand in 161
Städten und Gemeinden. Was in Frankfurt
passiert, ist nicht in Fulda, Kassel oder Mar-
burg vorzufinden.
45 Prozent unserer Mieter sind über 60
Jahre alt. Das entspricht dem Wert, der im
Bundesdurchschnitt erst im Jahre 2020
erreicht wird. 32 Prozent unserer Mieter
haben einen Migrationshintergrund, regi-
onal unterschiedlich verteilt: in Praunheim
67 Prozent, in Kelsterbach 60 Prozent und in Rüsselsheim 57 Prozent. Sie
kommen aus 112 Nationen. In jedem zweiten Haushalt leben keine Kinder,
in Frankfurt sogar schon in 56 Prozent der Haushalte. Das monatliche
Durchschnittseinkommen unserer Mieter liegt mit 1.325 Euro wesentlich
niedriger als das landesweite Durchschnittseinkommen von 2.089 Euro.
Nur die Hälfte der Mieter verfügt über ein Erwerbseinkommen, 40 Prozent
sind Rentner, zehn Prozent Transfereinkommensbezieher. Die Mehrheit ver-
fügt über ein unteres Bildungsniveau. Unsere Situation ist also mehrheit-
lich nicht durch die Integration von Migranten geprägt, sondern durch die
Kumulation der Problemlagen. Gemäß unserem Unternehmensauftrag,
haben wir breite Bevölkerungsschichten mit Wohnraum versorgt – insbe-
sondere solche, die Probleme haben, sich am freien Markt selbst mit Wohn-
raum zu versorgen. Wir haben die Unterschichten versorgt, und versorgen
nach wie vor bildungsferne Schichten, eine überalterte deutsche Wohn-
bevölkerung sowie Migranten, die andere Lebensstile haben. An diesen
Sollbruchstellen sind wir tätig, müssen Konflikte bearbeiten und lösen.
Wir müssen uns auch mit der Frage auseinandersetzen, wie wir Integration
trotz Segregation bewerkstelligen können. Wir werden Segregation nicht
verhindern können, müssen uns als Unternehmen aber fragen, welche
Durchmischung wo zielführend und erreichbar ist. Denn dort, wo sich sozi-
ale Segregation räumlich konzentriert und sich mit ethnischer Segregation
und den daraus entstehenden Problemen überschneidet, haben wir Ausei-
nandersetzungen in den Siedlungen. Wir Wohnungsunternehmen haben
vor diesem Hintergrund – ohne ausformulierte Konzepte – in den letzten
Jahrzehnten hervorragende Arbeit geleistet. Hätten wir das Thema Segre-
Bernhard Spiller, Leitender Geschäftsführer Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte/Wohnstadt, Frankfurt
„Unsere Situation ist mehrheitlich nicht durch Integration
von Migranten geprägt, sondern durch die Kumulation der
Problemlagen“
In der GEWOBAG haben sehr unterschied-
liche Teile Berlins zusammengefunden:
einerseits die ehemalige Neue Heimat
West-Berlin und die traditionelle, gemein-
nützige GEWOBAG, andererseits die ehema-
lige kommunale Wohnungsverwaltung der
Hauptstadt der DDR im Bezirk Prenzlauer
Berg. Diese ungewöhnliche Zusammenset-
zung bedingt, dass wir auf unterschiedli-
che Kieze achten müssen. Nachbarschaft
ist für uns daher ein zentraler Begriff.
Unser Geschäftsmodell legt den sozialen
Ausgleich in den Wohngebieten und die Förderung von Nachbarschaften
zur Sicherung der Wohnquartiere fest. Die enge Verbundenheit mit dem
Nachbarschaftsbegriff stammt zum Teil noch aus der Vorwendezeit. Die
Nachbarschaften in der DDR stellten ein spezielles soziales Netz dar, das
auch Sicherheit gab und heute teilweise noch zu sehen ist. Wir haben auch
die Altbau- und Sanierungsgebiete, die Kernpunkte der Westberliner Inte-
gration ganz unterschiedlicher Bevölkerungsschichten waren, und zudem
Bestände in den klassischen Großwohnsiedlungen, in denen heute noch
Menschen aus unterschiedlichen Nationen ihren Lebensmittelpunkt finden.
Dies bringt unterschiedliche Herausforderungen mit sich. Als sozial orien-
tiertes kommunales Unternehmen können wir natürlich auf Anfrage oder
nach dem Gießkannenprinzip Initiativen fördern oder Ausbildungsstätten
begleiten. Wir haben uns aber entschieden, unsere Rolle als Quartiersak-
teur aktiver wahrzunehmen, weil dies die Werthaltigkeit unserer Immobilien
entscheidend beeinflusst. Schulen haben auch für uns große Bedeutung als
Integrationsmaschinen, deren Leistungsfähigkeit man unterstützen muss.
Sie sind zudem sehr wichtig für das Image der Quartiere und den Zuzug in
diese. Es ist zentral für Wohnungsunternehmen, sich mit den unterschied-
lichen Entwicklungsbedingungen in den Kiezen auseinanderzusetzen und
die Rolle als Akteur in den Quartieren und in ganz unterschiedlichen Bezie-
hungen anzunehmen.
Leider waren die Angebote zur Integration, zur Nachbarschaftsbildung bis-
her von ungleicher Qualität und selbst die Schulen in einem Problemgebiet
agieren sehr unterschiedlich. Unsere Projekte fokussieren daher in erster
Linie die Schulen und das Sport- und Freizeitangebot für Jugendliche. Als
Wohnungsunternehmen liegt es nicht in unserer Macht, gesellschaftliche
Fehlentwicklungen abzuwenden. Aber wir können als Teil einer Quartiersent-
wicklung mit eigenen Konzepten wirken und einen Beitrag für unterschied-
liche Nachbarschaften leisten – sowohl für die Integration unterschiedlicher
sozialer Schichten und verschiedener Kulturkreise als auch für das Wohnen
von Senioren. In einer Stadt mit einem sehr hohen Anteil an Single-Haushal-
ten stellt die Alterung besondere Anforderungen an die Nachbarschaften
– beispielsweise um Vereinsamung im Alter zu vermeiden.
Hendrik Jellema, Vorstandsmitglied GEWOBAG Wohnungsbau-Aktiengesellschaft Berlin
„Wir nehmen unsere Rolle als Quartiersakteur aktiver wahr,
weil dies die Werthaltigkeit unserer Immobilien entschei-
dend beeinflusst“
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Thema des Monats
12. Brandenburger-Hof -Gespräch
Die Wohnungswirtschaft
10/2011