Ich möchte der Aussage widersprechen,
wir seien nicht der Reparaturbetrieb der
Gesellschaft. Wir sind es – nicht in einem
allumfassenden Sinne, aber faktisch. Als
kommunale Wohnungsunternehmen kön-
nen wir bestimmte Probleme in unseren
Beständen sehr schnell und deutlich erken-
nen. Wir können und müssen uns einbrin-
gen, wenn öffentliche Institutionen und
Ämter dabei versagen, im Zusammenspiel
eine koordinierte Quartiersentwicklung zu
starten. Auch ein Wohnungsunternehmen
ist ein Akteur, der im Sinne einer integrierten Entwicklung wirken kann.
Das heißt nicht, riesige Geldbeträge in die Hand nehmen zu müssen. Es gilt
vielmehr, mit geringen Mitteln Entwicklungen anstoßen. Es kommt nicht
auf die Beträge, sondern darauf an, Initiative zu zeigen, Passivität aufzubre-
chen, Leute zu vernetzen und zu ermutigen, etwas zu bewerkstelligen.
Beobachtungen aus unseren unterschiedlichen Wohnsiedlungen – die
degewo hat ihre Bestände überwiegend in den Berliner Großsiedlungen,
feinere Adressen sind die Ausnahme – machen deutlich: Wenn wir über
Bildung reden, müssen wir den Begriff sehr weit fassen. Viele Bewohner
unserer Quartiere beherrschen einfachste Sozialtechniken nicht. Es kom-
men Kinder in die Schule, die keine Schnürsenkel binden oder nicht auf
einer Linie geradeaus laufen können. Die Fehlentwicklung beginnt schon
in den ersten Lebensjahren. Nicht die Schulen, sondern schon die Kinderta-
gesstätten sind die Orte, an denen das niedrigere Entwicklungsniveau der
Kinder aufgefangen werden muss.
Integrierte Quartiersentwicklung heißt nicht nur Bildung. Sie bedeutet
auch, die eigene Vermietungspraxis oder aber den Umgang mit den Dau-
erthemen Sicherheit, Sauberkeit und Ordnung oder der Drogenkriminalität
in den Quartieren kritisch zu hinterfragen. Bildung ist ein Aspekt einer
großen Bandbreite an Handlungsfeldern, die ein Unternehmen bearbeiten
muss, um etwas verändern zu können – aber ein wichtiger. Wir haben
deshalb in einigen Quartieren im Wedding, in der Gropiusstadt und in
Marienfelde Bildungsverbünde initiiert, die die Schulen in einem Quartier
zusammenbringen. Unser Aha-Erlebnis war, dass nicht nur Sportvereine
nicht mit Schulen reden, sondern die Schulen untereinander auch nicht:
die Grundschule weiß nicht, was in der Oberschule passiert, und die KITA
nicht, was die Grundschule von ihr erwartet. In vielen Fällen sind die Leh-
rer gerade in belasteten Quartieren frustriert und versuchen nur, bis zum
Pensionsalter durchzuhalten. Unsere Investition in den Verbünden ist nur,
dass wir eine Person finanzieren, die vernetzt, steuert und zeigt, wo es Best-
Practice-Beispiele gibt, die man vielleicht adaptieren kann.
Die Lern- und Sprachfähigkeit hängt bekannterweise stark mit der Bewe-
gung zusammen, weil sie dieselben Bereiche des Gehirns beanspruchen.
Sport und Bewegung sind daher für die ganz kleinen Kinder sehr wichtig.
Daher haben wir im Sinne der Bildungsverbünde zusammen mit der Deut-
schen Olympischen Gesellschaft im Stadtteil Wedding vier Kindertagesstät-
ten in eine Sportförderung aufgenommen.
Die Ergebnisse sind im Zusammenhang mit anderen Maßnahmen zur Ver-
besserung der Bestände positiv. Es ist also durchaus im Interesse der Woh-
nungswirtschaft, Reparaturbetrieb zu sein.
Frank Bielka, Vorstand degewo AG, Berlin
„Es gilt, mit geringen Mitteln Entwicklungen anstoßen. Es
kommt nicht auf die Beträge an, sondern darauf, Initiative
zu zeigen, Passivität aufzubrechen und Leute zu vernetzen“
strukturellen Voraussetzungen gibt es Übergänge aus Grundschulen in die
Gymnasien mit 40 Prozent oder nur 15 Prozent. Dadurch entsteht eine Bil-
dungs- und Integrationslotterie. Wohnungsunternehmen haben in diesem
Zusammenhang eine wichtige Rolle. Sie können und müssen Sprachrohr
der Interessen ihrer Mieter werden, weil in schwierigen oder benachtei-
ligten Gebieten die politische Artikulation fehlt. Migranten haben kein
Wahlrecht, Frustrierte ziehen sich oft zurück – hier versagt der demokrati-
sche Prozess. Der Staat sät Ungleichheit. Die Wohnungsunternehmen tun
bereits sehr viel, aber sie müssen nachdrücklicher artikulieren, wo welche
Ungleichheit entsteht! Einige Kommunen und Wohnungsunternehmen
haben aber das Thema Bildung und die Bedeutung des Schulimages für die
langfristige Vermietbarkeit von Wohnungen noch nicht erkannt.
Wir wissen nicht genau, was wirklich in den Siedlungen los ist. Wanderungs-
quoten in Höhe von bis zu 15 Prozent führen in manchen Quartieren zu
einem beachtlichen Austausch der Bewohner. Statushöhere ziehen immer
noch weg, Bevölkerungsteile mit einem schlechten Integrationsstand zie-
hen zu. Selektive Wanderungen führen zu ständig neuen Belastungen in
Derzeit führe ich eine Wiederholungsstu-
die mit sieben Nachbarschaften durch
– 15 Jahre nach meiner ersten Studie zu
den überforderten Nachbarschaften. Mein
Eindruck aus den Befragungen und aus
unzähligen Evaluationsstudien ist: Die Situ-
ation ist heute entspannter und friedlicher
als vor 10, 15 Jahren. An keiner Stelle war
bisher von „saufenden Russen“, „drecki-
gen Türken“ oder „blöden Aussiedlern“ die
Rede. Die Sprache ist zivilisierter geworden.
Das ist ein Indikator. Vor 15 Jahren war die
Stimmung aufgeheizter, aggressiver. Es gibt eine resignative Toleranz –
nach dem Motto: „Ich will mit den Ausländern nichts zu tun haben, aber
die sind freundlich und tun mir nichts.“
Aus meiner Sicht ist das zentrale Thema die Bildung. Das große Problem in
den Gebieten ist die ungleiche Qualität der Schulen. Unter gleichen sozial-
Ulrich Pfeiffer, Ministerialdirektor a. D., empirica ag
„Der Staat eröffnet über die Schulen und ihre ungleiche
Qualität in den gleichen Gebieten eine Integrationslotterie“
12
Thema des Monats
12. Brandenburger-Hof -Gespräch
Die Wohnungswirtschaft
10/2011