Seite 83 - CONTROLLER_Magazin_2010_05

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So
enthält ein Rechenmodell
zur Findung der
letztlich optimalen Losgröße
ungefähr 20 Para-
meter
, die ein gut geführtes Unternehmen quasi
in der Schublade hat oder mit wenig Aufwand
rasch ermitteln kann. Diese Parameter im Re-
chenmodell abzubilden ist eine Angelegenheit
von Minuten. In einer tabellarischen Übersicht
lässt sich dann jene Losgröße ausloten, bei wel-
cher ein Maximalbetrag an Liquidität freigesetzt
werden könnte. In aller Regel wird jedoch eine
Lösung zwischen diesem Maximalbetrag
und dem rein kostenoptimalen Punkt
zu su-
chen sein. In dem Rechenmodell wird auch so-
fort sichtbar, bei welcher durchschnittlichen
Losgröße die Fertigungskapazitäten oder die La-
gerkapazitäten nicht mehr ausreichen würden.
Wo liegen die größten
Liquiditäts-Reserven?
Es ist nicht gesagt, dass in jenem Lagerbereich,
der (absolut gesehen) die meisten Finanzmittel
bindet, auch das größte Liquiditäts-Potenzial
schlummer t. Das Lager für Rohwaren und
Kaufteile sowie insbesondere das Fertigwaren-
lager sind dafür aber schon erste Adressen. Ein
Betrieb mit mehrstufiger Fertigung, d.h. mit
Zwischenlagerung von Halbfabrikaten, sollte
zuerst dort ansetzen, wo die
Fertigungsstufe
mit der größten Wertschöpfung
ist. Wenn
mit Hilfe des Rechenmodells dort das Optimum
ausgelotet ist, wäre danach die Fertigungsstufe
mit der zweitgrößten Wertschöpfung zu be-
trachten usw.
Das Problem einer sehr großen
Artikel- bzw. Halbfabrikate-Vielfalt
lässt sich in diesem Zusammenhang bewälti-
gen, indem für eine Fertigungslinie innerhalb
einer Fertigungsstufe zunächst Durchschnitts-
Werte der gesamten Produktpalette, die über
gleichartige Fertigungslinien erzeugt wird, an-
gesetzt werden. Sofern innerhalb der Produkt-
Bandbreite sehr signifikante Unterschiede ge-
geben sind (hinsichtlich Volumen, Wert, Anzahl
der Komponenten), so lassen sich mit Hilfe des
Rechenmodells die optimalen Losgrößen jener
Artikel mit signifikanten Abweichungen vom
Durchschnitt aller Artikel rasch ermitteln.
Wenn beispielsweise für den Durchschnitt aller
Artikel eine Reduzierung der Losgrößen um
30% sinnvoll wäre, so sind Losgrößen für Arti-
kel mit
°
besonders großem Volumen um über 30%
zu reduzieren,
°
besonders kleinem Volumen um weniger als
30% zu reduzieren (in Extremfällen sogar
oberhalb der Andler´schen Losgröße anzu-
setzen)
Sofern sich die Struktur der Artikel von Jahr zu
Jahr nicht dramatisch verändert, ist die Orien-
tierung am (gewichteten) Durchschnitt aller ei-
ner Fertigungslinie zuordenbaren Artikel eine
gute Lösung. Auch wenn ein paar „Exoten“
nicht in wirklich optimaler Losgröße gefertigt
werden, wird dies die am Durchschnitt orien-
tierte Optimierung der Losgrößen nicht in Frage
stellen. Das oft bemühte Beispiel gegen die
Verwendung von Durchschnittswerten „
wenn
ich den linken Fuß in 80 Grad heißem Wasser
und den rechten Fuß in Null Grad kaltem Was-
ser habe, ist es im Durchschnitt angenehm“
ist
also in diesem betriebswirtschaftlichen Bereich
kein echtes Gegenargument.
Saisonale Lagerschwankungen
Ähnlich wie bei der Artikelstruktur kann hin-
sichtlich der saisonal bedingten Lagerbe-
standsschwankungen mit der durchschnittli-
chen Losgröße umgegangen werden. Relevant
ist diese Frage bei Unternehmen, die ihre Ferti-
gungskapazitäten und damit den Ausstoß nicht
oder nur begrenzt ihrer saisonal schwankenden
Absatz-Entwicklung anpassen können.
Starke saisonale Absatzschwankungen sind
z.B. in der Spielwarenbranche bekannt, wo in
bestimmten Kategorien üblicherweise
60% der
Jahresmengen in den letzten 6 Wochen des
Jahres im Handel an Endverbraucher ver-
kauft
werden
. Auch mit Zeitkonten der Ar-
beitskräfte eines Herstellers kann die Produkti-
onskapazität nicht so extrem flexibilisiert wer-
den. Vielmehr wird während eines großen Teils
des Jahres auf Lager produziert, was zu ent-
sprechend starken saisonalen Schwankungen
der Lagerbestände führt.
In solchen Fällen ist es nicht sinnvoll, eine für
den Jahresdurchschnitt ermittelte optimale
Losgröße das ganze Jahr über durchzuhalten.
Stattdessen sollte in der Zeit des Lageraufbaus
mit Losgrößen gearbeitet werden, die über den
jahresdurchschnittlich optimalen liegen, und in
der Phase des Lagerabbaus sollten die prakti-
zierten Losgrößen
kleiner als die Jahres-
durchschnitte
gewählt werden. Somit spart
man in Zeiten des Lageraufbaus Rüstzeiten in
der Fertigung und kann in Zeiten des knappe-
ren Lagerbestandes mit kleineren Losgrößen
schneller auf Lücken in der Verfügbarkeit ein-
zelner Artikel reagieren.
Fazit
Die Zeiten, in denen im Unternehmen zwischen
Finanzbereich und Fertigungsbereich über die
Höhe der Fertigungslosgrößen „verhandelt“
wurde, sollten längst überwunden sein. Als
zwischenzeitliche Lösung der Problematik war
die Andler´sche Formel hinsichtlich
optimaler
Kosten
eine wichtige Hilfe. Heute wissen wir,
dass darüberhinaus auch den Aspekten der
Li-
quidität
bzw. der Eigenkapitalquote objektiv
„Rechnung getragen“ werden kann, und zwar
im wahrsten Sinn des Wortes, denn die Zusam-
menhänge zwischen Kosten, Liquidität
und Ka-
pazitäten
sind rechnerisch absolut beherrsch-
bar, wenn es um die Findung der wirklich opti-
malen Losgrößen geht.
Autor
Dipl.-Kfm. Dietmar Schreiner
ist Controller im Ruhestand, Weingarten bei Ravensburg.
E-Mail:
Tel.: 0049 -(0)751-43310
CM September / Oktober 2010