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Bei der Suche nach mehr Liquidität und ent-
sprechend höherer Eigenkapitalquote haben
Unternehmen mit Serien- bzw. Chargenferti-
gung eine hervorragende Möglichkeit, nämlich
über die Reduzierung der Losgrößen. Dies kann
deutlich günstiger sein als Leasing, Factoring
und Mezzanine-Kapital.
Das „genaue“
Ausrichten der Losgrößen
nach der Formel von Andler
kann für ein Un-
ternehmen mit knapper Liquidität bzw. Eigen-
kapitalquote kontraproduktiv sein. Eine Verrin-
gerung der Losgrößen kann enorme Zugewinne
an Liquidität bringen, und zwar bei vergleichs-
weise geringen Mehrkosten.
Am Beispiel eines mittelständischen Unterneh-
mens lassen sich – allein durch Reduzierung
der Losgrößen um 30 % – immerhin 5 Mio. Euro
Liquidität freisetzen; die dabei entstehenden
Mehrkosten betragen nur 0,14 Mio. Euro.
Vorteile der Andler-Formel
Professor Andler veröffentlichte 1928 seine
Formel
, mit welcher der Schnittpunkt der Kurven
von Stückkostendegression in der Fertigung von
Serienprodukten einerseits und der Lagerkos-
tenprogression andererseits rechnerisch ermit-
telt werden kann. Dieser Schnittpunkt stellt das
Optimum dieser beiden Kostenkategorien dar.
Die Formel lautet:
Quadratwurzel aus [(200 x Jahresabsatzmenge
x Rüstkosten) geteilt durch (Herstellkosten pro
Stück des einzulagernden Artikels x Lagerkos-
tensatz in %)]
Im og. Beispiel hat das Unternehmen 2000 Pro-
dukte mit durchschnittlich 10.000 Stück Jah-
resabsatz, Rüstkosten pro Vorgang einschl.
sonstiger auftragsfixer Kosten in Höhe von
240,25 Euro, Herstellkosten von 1,70 Euro pro
Stück sowie pauschale Lagerungskosten in
Höhe von 13,4 %, so ergibt sich gem. obiger
Formel eine Menge von 4.592 Stück als durch-
schnittliche (kosten-)optimale Losgröße. Damit
optimiert das Unternehmen also seine Rentabi-
lität und ist insofern dank der Andler-Formel
normalerweise gut orientiert.
Besonderheiten auf der
Liquiditätsseite
Hat das Unternehmen jedoch Bedarf an mehr
Liquidität bzw. eine zu geringe Eigenkapital-
quote, so ist in vielen Fällen eine Reduzierung
dieser optimalen Losgröße zielführend. Derar-
tige Situationen ergeben sich meist durch Ver-
änderung der Kredit-Bedingungen (s. Basel II),
die Notwendigkeit von Kapazitätserhöhungen
z.B. im Lagerbereich oder die Eröffnung neuer
vielversprechender Geschäftsfelder.
Wie weit sollte die sog. „optimale“
Losgröße unterschritten werden?
Diese Frage läßt sich weder pauschal richtig
beantworten, noch mit Hilfe der Losgrößen-
Formel ermitteln. Die gute Nachricht ist jedoch,
dass diese Aufgabenstellung rechnerisch abso-
lut beherrschbar ist.
Dabei ist es wichtig, etwaige Unterschiede von
Produkt zu Produkt in der Berechnung zu be-
achten, die in der Andler-Formel nicht berück-
sichtigt werden:
Ist Produkt A beispielsweise sehr voluminös,
Produkt B dagegen sehr klein, so wird man bei A
die Losgröße sinnvollerweise deutlich nach un-
ten ausrichten, weil man bei einer bestimmten
Menge relativ viele Palettenplätze zur Lagerung
benötigt, während beim anderen Produkt (B)
eine Losgröße nahe der mit Andler ermittelten
anzusetzen ist, eventuell sogar darüber.
Es wäre nicht zielführend, die reduzierten Los-
größen nach der Versuch-Irrtum-Methode an-
zusetzen. Dies könnte schnell dazu führen,
dass die Produktions-Kapazität ans Limit
kommt, da kleinere Losgrößen grundsätzlich in
der Summe zu einem höheren Anteil der Rüst-
zeiten führen und direkt die produktiv nutzbare
Zeit der Fertigungslinien entsprechend reduzie-
ren. Die angepeilten Jahresmengen können
deshalb eventuell nicht erreicht werden, was zu
Lieferengpässen und dem Verfehlen von Um-
satzzielen führen kann. Ebenso könnten die
Rüstkosten die eingesparten Lagerkosten zu
weit überkompensieren, womit das Betriebser-
gebnis unnötig stark dezimiert würde.
Letztlich optimal
Hinsichtlich
Rentabilität
als auch
Liquidität
und unter
Beachtung der Kapazitäten
in Pro-
duktion und Lager lässt sich die Veränderung
der Losgrößen nur gestalten, wenn alle relevan-
ten Einflussgrößen Berücksichtigung finden.
Dazu gehören:
t
Investitionssumme für Lagerplätze
t
Investitionssumme für den Aufbau weiterer
Fertigungslinien
t
die Anzahl der über die relevante Fertigungs-
linie produzierten Artikel
t
die Jahresabsatzmenge dieser Artikel
t
die durchschnittliche Menge zur Befüllung
einer Lagerpalette
t
die Höhe des gewünschten Sicherheitsbe-
standes (% vom Jahresabsatz)
t
die Zahl der jährlichen Arbeitstage
t
die Anzahl der Arbeitsschichten pro Tag
t
die Zahl der Arbeitsstunden pro Schicht
t
der %-Satz der intern verrechneten Kapital-
kosten
t
die Zeit für die Fertigung eines Produktes
t
der Maschinenstundensatz
t
die Anzahl der in einer Fertigungslinie benö-
tigten Arbeitskräfte
t
Stundensatz dieser Arbeitskräfte incl. Perso-
nal-Nebenkosten.
Liquidität qua Losgröße
Ist die optimale Losgröße wirklich optimal?
von Dietmar Schreiner
Liquidität qua Losgröße