Seite 75 - CONTROLLER_Magazin_2010_05

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Cash Flow
Eine weitere relevante Bezugsgröße zur Mes-
sung der Liquidität in Krisenunternehmen ist
der Cash Flow, der hier als Indikator der Finanz-
kraft eines Unternehmens verstanden wird. Zur
Berechnung krisenrelevanter Kennzahlen sind
der operative, der investive und der Free Cash
Flow von Relevanz.
Der operative Cash Flow (siehe Abbildung 2)
zeigt an, inwieweit ein Unternehmen in der Lage
ist, aus dem Umsatzprozess genügend Zah-
lungsmittel zu erwirtschaften, um die Auszah-
lungen der laufenden Geschäftstätigkeit zu de-
cken.
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Im Krisenfall ist davon auszugehen, dass
ein Unternehmen aufgrund hoher Kosten und
wegbrechender Märkte einen zunehmend ne-
gativen operativen Cash Flow realisieren wird.
Ein negativer operativer Cash Flow bedeutet
nicht zwangsläufig, dass sich ein Unternehmen
in Zahlungsschwierigkeiten befindet. Das Un-
ternehmen ist zwar nicht mehr in Lage, sich aus
dem laufenden Umsatzprozess zu finanzieren,
fällige Zahlungen können jedoch aus dem Zah-
lungsmittelbestand oder aus anderen Finanzie-
rungsquellen gedeckt werden. Dennoch ist ein
negativer operativer Cash Flow als ein deut-
liches Warnsignal für drohende Zahlungseng-
pässe zu werten, da kein Unternehmen auf
Dauer ohne eine marktbasierende Finanzierung
existieren kann.
Der investive Cash Flow (siehe Abbildung 3)
umfasst den Saldo aus den Auszahlungen für
Investitionen und den Einzahlungen, die aus
Desinvestitionen resultieren.
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Um den negativen Cash Flow aus dem opera-
tiven Geschäft auszugleichen, werden Krisen-
unternehmen zunehmend versuchen, materiel-
le und immaterielle Vermögensgegenstände zu
liquidieren. Der investive Cash Flow wird daher
positiv sein.
Ein positiver investiver Cash Flow ist ein deut-
licher Krisenindikator, denn ein Unternehmen
wird auf Dauer seine Zahlungsfähigkeit nicht
durch den Verkauf seiner materiellen und/oder
immateriellen Substanz aufrechterhalten kön-
nen. Der Saldo von operativem und investivem
Cash Flow definier t den sogenannten Free
Cash Flow (siehe Abbildung 4). Der Free Cash
Flow zeigt den Share- und den Debtholdern
den Gesamtbetrag aller entziehbaren Finanz-
mittel aus einem Unternehmen an.
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In der Regel ist ein Krisenunternehmen durch
Desinvestitionen nicht in der Lage, das Zah-
lungsmitteldefizit aus dem operativen Geschäft
zu decken. Aus Investorensicht wird daher der
Free Cash Flow negativ sein, d. h. es sind dem
Unternehmen weitere finanzielle Mittel zuzufüh-
ren.
Sofern bei einem negativen Free Cash
Flow die Gläubiger und Anteilseigner bereit
sind, die Finanzierungslücke zu decken,
geht das Unternehmen nicht in die Insol-
venz
. Dennoch befindet es sich in einer fragilen
Situation, da es sich aus eigner Kraft nicht mehr
sanieren kann und letztendlich vom Goodwill
der Investoren abhängig ist. Ein negativer Free
Cash Flow ist daher ein deutliches Zeichen für
eine drohende Liquiditätskrise.
Cash Burn Rate
In Verbindung mit dem monatlichen Bestand an
liquiden Mitteln kann auf der Basis des nega-
tiven Free Cash Flow die sogenannte Cash
Burn Rate gebildet werden.
Die Cash Burn Rate gibt Auskunft darüber,
wann dem Unternehmen „das Geld ausgeht“,
d.h.
wie viele Tage die finanziellen Mittel
bis zur Zahlungsunfähigkeit reichen
.
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In der
Regel wird eine Cash Burn Rate von 60 Tagen
als ausreichend empfunden. Eine deutliche
Verkürzung dieser Zeitspanne ist ein Signal für
sich abzeichnende Liquiditätsengpässe. Ange-
sichts der Vorlaufzeit von 60 Tagen hat das Un-
ternehmen jedoch die Gelegenheit, einer even-
tuellen Zahlungsunfähigkeit entgegenzusteu-
ern, bspw. durch die Erweiterung des Kredit-
rahmens oder durch eine Kapitalerhöhung.
Abb. 2: Kennzahl operativer Cash Flow
Abb. 3: Kennzahl investiver Cash Flow
Abb. 4: Kennzahl Free Cash Flow
(Monatlicher Zahlungsmittelbestand / Free
Cash Flow) x 30
CM September / Oktober 2010