Seite 73 - CONTROLLER_Magazin_2010_05

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Aufkündigung von Lieferantenkrediten, Liefe-
rung gegen Vorkasse
t
Stockende Bedienung von Krediten, Fällig-
stellung von Bankverbindlichkeiten.
Die
Liquiditätskrise
ist in der Regel nicht als
eine Zeitpunkterscheinung anzusehen. Häufig
ist sie vielmehr
das Endstadium der krisen-
haften Entwicklung eines Unternehmens
.
Ihr vorgelagert ist die schleichende Verschlech-
terung des Erfolgspotenzials (strategische Kri-
se) eines Unternehmens und die darauf folgen-
de Aufzehrung der Vermögenswerte (Erfolgs-
krise). Die Liquiditätskrise kann in diesem Sin-
ne als die Folge nicht bzw. zu spät erkannter
Krisensymptome und fehlender bzw. nicht
rechtzeitig eingeleiteter Sanierungsmaßnah-
men angesehen werden.
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Neben der oben aufgeführten schleichenden
Entwicklung, kann der Eintritt der Liquiditäts-
krise aber auch auf plötzliche Gegebenheiten
zurückgeführt werden, wie etwa den Ausfall
eines großen Kunden und den damit verbun-
denen Forderungsausfall.
Sanierung
Der Sanierungsbegriff wird in der betriebswirt-
schaftlichen Literatur in einem engeren und in
einem erweiterten Sinne verstanden. Der Sa-
nierungsbegriff im engeren Sinne wird dann
verwendet, wenn sich ein Unternehmen in ei-
ner existenzbedrohenden Liquiditätskrise be-
findet.
Die Sanierung umfasst hier alle Maßnahmen,
die dazu dienen, das finanzielle Gleichgewicht
eines Unternehmens unverzüglich wieder her-
zustellen. Konkret geht es um die
Beseiti-
gung von Zahlungsunfähigkeit und Über-
schuldung durch Zuführung finanzieller
Mittel
.
Werden nach der erfolgreichen Einleitung fi-
nanzieller Sofortmaßnahmen weitere Schritte
mit dem Ziel eingeleitet, den Fortbestand des
Unternehmens mittel- bis langfristig zu sichern,
so wird von einer Sanierung im erweiterten
Sinne gesprochen. Hierzu zählen bspw. Maß-
nahmen wie die Neuausrichtung der Geschäfts-
felder, die Optimierung von Prozessen oder die
Freisetzung von Mitarbeitern.
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Skizzierung der Anforderungen
an krisentaugliche Liquiditäts-
kennzahlen
Wie in der Abbildung 1 aufgezeigt, wird in der
betriebswirtschaftlichen Literatur und Praxis
eine Vielzahl von Kennzahlen zur Messung der
Liquidität unterschieden.
Zu nennen sind in diesem Zusammenhang zu-
nächst die an die Finanzstruktur eines Unter-
nehmens angelehnten statischen Liquiditäts-
grade. Weiterhin werden zur Beurteilung der
Unternehmensliquidität dynamische Kennzah-
len, wie etwa der operative Cash Flow, verwen-
det. Ebenso zu erwähnen sind die Kennzahlen,
die auf Forderungen, Verbindlichkeiten und
Vorräten basieren und die Liquidität eher indi-
rekt messen.
Wie nachfolgend aufgezeigt wird, sind diese
Kennzahlen jedoch nur bedingt geeignet, Liqui-
ditätskrisen zu diagnostizieren.
Zum einem gehen diese Kennzahlen vom Nor-
malfall des „going concern“, d.h. von einem
Nichtkrisenunternehmen aus. Der Ausnahme-
fall der Liquiditätskrise mit drohender Insolvenz
wird mit seinen geschilderten Merkmalen nicht
berücksichtigt. Für die zu bildenden Liquiditäts-
kennzahlen müssen daher Arbeitshypothesen
bzgl. ihrer Krisenrelevanz gebildet werden.
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Zum anderen basieren diese Kennzahlen auf
dem
Jahresabschluss
(Bilanz & GuV) eines
Unternehmens, der
für die Beurteilung von
dessen aktueller Liquiditätslage nur wenig
tauglich
ist, da durch die handelsrechtlichen
Bewertungsvorschriften die wirtschaftliche Si-
tuation eines Unternehmens nur verzerrt wie-
dergegeben wird. Zudem stellen die Daten des
Jahresabschlusses lediglich einen zahlenmä-
ßigen Blick in die Vergangenheit dar. Sie sind in
der Regel
bereits zum Zeitpunkt der Analyse
veraltet
. Bei der Berechnung krisenrelevanter
Liquiditätskennzahlen ist daher auf Daten der
internen Betriebsrechnung zurückzugreifen, die
weitgehend frei von Verzerrungen und monats-
aktuell sind.
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Darüber hinaus müssen die krisenrelevanten Li-
quiditätskennzahlen sämtliche Zahlungsbewe-
gungen eines Unternehmens erfassen und sich
nicht nur auf die Finanzstruktur beschränken.
Es reicht daher, wie im Fall der klassischen
Liquiditätsgrade, keineswegs aus, sich aus-
schließlich auf die kurzfristigen Verbindlichkei-
ten zu konzentrieren. Vielmehr müssen auch
nicht in der Bilanz erscheinende Zahlungsver-
pflichtungen, wie etwa Löhne, Gehälter, Mieten,
Leasingraten etc. mit berücksichtigt werden.
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Schlussendlich ist in der Liquiditätskrise der
zeitliche Handlungsspielraum stark einge-
schränkt.
Oft sind es nur wenige Tage oder
sogar Stunden, die über die weitere Exis-
tenz eines Unternehmens entscheiden kön-
nen
. Der frühzeitigen Diagnose von Zahlungs-
engpässen kommt daher eine hohe Bedeutung
zu. Daher gilt es Kennzahlen einzusetzen, die
Abb. 1: Verschiedene Kennzahlen zur Messung der Liquidität
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CM September / Oktober 2010