Seite 7 - CONTROLLER_Magazin_2010_05

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Hinzu kommt noch, dass der Wunsch nach we-
niger Briefen, E-mails oder Faxen aus zwei
Gründen unvernünftig ist: Sehr wahrscheinlich
wird er sich nicht erfüllen, und wenn er sich er-
füllt, ist der Arbeitsplatz in Gefahr.
Es sind also
nicht die Fakten, die stressen
, sondern un-
sere persönlichen Lieferungen, die uns stres-
sen. Dies lässt sich auch daran erkennen, dass
dieselbe Situation den einen Menschen sehr
stark und den anderen gar nicht stresst. Daher
ist das Ausschlaggebende nicht die Situation,
sondern die persönliche Wahrnehmung
(also die Gedanken)
, die Stress auslösen.
Lösungsweg
Die Bearbeitung des Gedankens hat folgen-
dermaßen ausgesehen
: Auf der einen Seite
erkennt die Person bei der Bearbeitung, dass
sie bereits allein der Gedanke stresst (bspw.
Gefühle der Überforderung oder Freudlosigkeit)
und stellt sich vor, wie ein Arbeitstag ohne die-
sen aussehen würde (bspw. zuversichtlich und
konzentriert arbeitend). Danach werden Um-
kehrungen und Beispiele für diese aus dem
eigenen Leben gefunden, warum diese Umkeh-
rungen auch wahr oder wahrer sind:
Aus dem Gedanken
„Ich muss mehrere Aufga-
ben gleichzeitig machen“
wurden vom Coach
folgende Gedanken durch Umkehrungen gefun-
den:
Ich
darf nicht
(Gegenteil von „müssen“) meh-
rere Aufgaben gleichzeitig erledigen.
t
Mit diesem Gedanken würde ich ja genau
das tun, was mir jeder Experte für Zeitma-
nagement und Arbeitsorganisation rät – au-
ßerdem will mein Chef ja auch, dass ich
schnell und ohne Fehler arbeite. Das schaffe
ich nur, wenn ich „eins nach dem anderen“
bearbeite.
t
Wenn ich mir vorstelle, wie ich mit diesem
Gedanken arbeite, wird mir ganz wohlig im
Herz: Ich sehe die Arbeiten vor mir, sortiere
sie nach Prioritäten und gehe mit Elan und
Kontrollgefühl an meine Arbeit. Das macht
Spaß! Außerdem würde ich nicht mehr so
fahrig sein und käme sicherlich nicht so ab-
gekämpft nach Hause – so hätte ich auch
noch mehr Kraft für meine Familie und meine
Hobbies.
t
Ohne diesen Gedanken produziere ich Fehler
– wie letztens, als ich dem Kunden die fal-
sche Information gegeben habe.
t
…oder als ich einem Kollegen „im nebenbei“
eine falsche Information gegeben habe, so
dass er Ware zu einem falschen Kunden ge-
sendet hat.
Ich muss mehrere Aufgaben gleichzeitig
unter-
lassen
(Gegenteil von „erledigen“).
t
Wenn ich fünf Aufgaben habe und Prioritäten
setzen will, muss ich mich für eine Aufgabe
entscheiden und vier Aufgaben unterlassen.
t
Einer meiner Kollegen versucht mir immer
wieder, seine eigenen Aufgaben zuzuschie-
ben – ich müsste da einfach mal Nein sagen
und diese Aufgaben unterlassen.
Ich muss mehrere
Pausen
(Gegenteil von „Auf-
gaben“) gleichzeitig erledigen.
t
Ich sollte wirklich häufiger Pausen machen –
dann habe ich nachmittags noch viel mehr
Kraft und automatisch mehr Spaß an der
Arbeit.
t
Letztens habe ich eine Woche lang jeden Tag
einen kleine Pause gemacht, das hat mir
richtig gut getan – unter dem Strich habe ich
sogar mehr geschafft als sonst.
Mein Kollege
(Gegenteil von „ich“) sollte meh-
rere Aufgaben gleichzeitig erledigen.
t
Mein Kollege ist „eigentlich“ für drei Aufga-
benbereiche zuständig, kümmert sich aber
nur um zwei davon – der Rest bleibt bei mir
und einem anderen Kollegen liegen. Ich sollte
ihn daraufhin ansprechen.
t
Mein Kollege arbeitet sehr oft sehr genau
und steigert sich in eine Aufgabe hinein, so
dass er für sie sehr lange braucht und ich
ihm dann ganz oft aus Termingründen dabei
helfe, rechtzeitig fertig zu werden. Ich werde
ihm sagen, dass das so nicht mehr funktio-
niert und er mehrere Arbeiten im Blick haben
muss.
Diese Bearbeitung erscheint oft auf den ers-
ten Blick als „Wortklauberei“ oder als „Denk-
akrobatik“. Auf den wichtigen zweiten Blick
spürt der Coachee durch diese Bearbeitung
tief in seinem Inneren,
dass andere Gedan-
ken als der Stressgedanke ebenso wahr
oder sogar wahrer sind
. Dies ist oft eine tief
bewegende Erleichterung, weil sich der
Stressgedanke in seiner Absolutheit auflöst
und durch entspanntere Gedanken ergänzt
wird. Manchmal wird dann, wie in diesem Bei-
spiel, gehandelt, manchmal reichen aber auch
schon die weiteren Gedanken aus, um sich
der Situation mit größerer Leichtigkeit zuzu-
wenden.
Fazit
Dieses Beispiel zeigt ganz deutlich: Stress ist
ein Geschenk, weil er uns aufzeigt, dass wir et-
was Unmögliches versuchen und darüber nach-
denken sollten, wie wir eine Situation anders
betrachten und angehen können.
Letztlich lässt sich die Kraft dieser „The Work”
genannten Methode nur schwer beschreiben,
man muss sie erleben. Hierfür findet sich auf
der Website des Autors eine Anleitung. Damit
können Sie in einer ruhigen Minute persönli-
che stressbeladene Gedanken auf den Punkt
bringen und so bearbeiten, dass neue, ent-
spannte Sichtweisen und Handlungen entste-
hen können.
Wenn Sie jetzt verärgert oder gestresst denken
sollten
„Dafür habe ich keine Zeit!“,
ist das der
erste Gedanke, den Sie bearbeiten können.
Autor
Dipl.-Päd. Christian Bremer
arbeitet seit mehr als 18 Jahren als Coach und Trainer. In
Deutsch und Englisch sorgt er europaweit für „Glückliche Kom-
munikation”. Er gehört zu den ersten Coaches in Europa, die
eine Ausbildung in The Work genossen haben. Seine Kunden
sind erfolgreiche Unternehmen aus dem Mittelstand und dem
Konzernbereich. Gratis-Selbstlernprogramme und weitere Infor-
mationen finden sich unter
CM September / Oktober 2010