88
die der ganzheitlichen und langfristigen Neu-
ausrichtung des Unternehmens dienen. Kon-
kret geht es vor dem Hintergrund der strate-
gischen Schwachstellen eines Unternehmens
darum, die Effizienz der betrieblichen Prozesse
zu steigern und die Wettbewerbsfähigkeit zu
erhöhen.
11
Grundlagen des Erfahrungskur-
venkonzeptes
Die Erfahrungskurve beschreibt den empirisch
belegten Effekt, dass in einem Unternehmen
bei jeder
Verdopplung der kumulierten
Ausbringungsmenge
die auf den eigenen
Wertschöpfungsanteil bezogenen und inflati-
onsbereinigten
Stückkosten
(Kosten nach
Abzug zugelieferter Teile und / oder Dienstleis-
tungen)
potenziell um 20% bis 30% sinken
können (vgl. Abbildung 1). Die Erfahrungskur-
ve bezieht sich auf sämtliche Funktionsbe-
reiche eines Unternehmens und umfasst alle
Kostenarten, d.h. neben den Fertigungskosten
sind auch die Forschungs- und Entwicklungs-
kosten sowie die Verwaltungs- und Vertriebs-
kosten betroffen.
12
Die Erfahrungskurve hat im Wesentlichen zwei
Ursachen. Zum einen die
Größendegressi-
onseffekte
, die die Kostensenkung durch das
Anwachsen der Ausbringungsmenge pro Peri-
ode erklären. Zum anderen ist die
Lernkurve
als Bestimmungsfaktor der Erfahrungskurve zu
erwähnen. Diese beschreibt den Effekt, dass
Arbeiter mit zunehmender Geübtheit ihre Fer-
tigkeiten verbessern und dadurch Übungsge-
winne realisieren.
13
Aus dem Konzept der Erfahrungskurve lassen
sich folgende Schlussfolgerungen für das stra-
tegische Management ableiten: Erstens sollten
Unternehmen
versuchen
, in der relevanten
Branche einen
möglichst großen Marktanteil
zu erlangen
. Somit haben sie die Möglichkeit,
sich mit jeder Verdoppelung der Produktions-
menge einen Kostenvorteil gegenüber Wettbe-
werbern aufzubauen. In Kombination mit der
Strategie der Marktführerschaft sollten Unter-
nehmen zweitens eine Preis-Mengen-Strategie
verfolgen; d.h. die erlangten Kostenvorteile sind
dahingehend zu nutzen, das Produktangebot
preisgünstiger als die Konkurrenz zu entwi-
ckeln, zu produzieren und zu vertreiben.
14
Die Erfahrungskurve als Teil der
Sanierungsstrategie:
Eine Betrachtung der Möglichkeiten
und Grenzen
Sanierungsstrategien haben neben der unter-
nehmerischen Neuausrichtung die nachhaltige
Verbesserung der Kostenstrukturen von Krisen-
unternehmen zum Ziel. Weitreichende Möglich-
keiten zur Erschließung von Kostensenkungs-
potenzialen bietet das Konzept der Erfahrungs-
kurve, wobei im Besonderen die bereits oben
erwähnten Größendegressionseffekte von Re-
levanz sind. Hierbei wird implizit davon ausge-
gangen, dass Krisenunternehmen eine für die
Branche zu geringe Betriebsgröße und somit
Kostennachteile in wichtigen Funktionsbe-
reichen gegenüber ihren Wettbewerbern ha-
ben.
15
Eine optimale Betriebsgröße ist z. B. für
Unternehmen aus der chemischen Industrie
und der Elektroindustrie von großer Bedeutung,
ebenso jedoch auch für Dienstleister aus der IT-
Branche und dem Finanzsektor.
Der Schlüssel zur Realisierung von Erfahrungs-
kurven liegt bei Krisenunternehmen jedoch nicht
in einer
Wachstumsstrategie
. Die Besonder-
heit der Krisensituation macht es dem Unterneh-
men unmöglich, sich aus eigener Kraft eine do-
minante Marktposition aufzubauen. Die Realisa-
tion von Größendegressionseffekten in Krisen-
unternehmen kann vielmehr durch den Aufbau
von
Kooperationen in ausgewählten Funkti-
onsbereichen
erfolgen.
16
Zu erwähnen ist in
diesem Zusammenhang zunächst die so ge-
nannte Fixkostendegression, die neben den Be-
reichen FuE, Vertrieb und Einkauf insbesondere
in der Produktion von Relevanz ist.
Durch die Verknüpfung von Fertigungskapazi-
täten kann eine bessere Auslastung verwirk-
licht werden, die dazu führt, dass der Anteil der
zu tragenden beschäftigungsunabhängigen
Kosten pro Stück sinkt.
17
Darüber hinaus können
Größendegressionseffekte durch sogenannte
„Economies of Scale“
begründet werden.
„Economies of Scale“ beschreiben den Effekt,
dass mit der Erhöhung der Betriebsgröße die
gesamten Stückkosten sinken.
18
Krisenunter-
nehmen können durch systematische Koopera-
tionen eine virtuelle Betriebsgröße aufbauen,
die die Basis für die Realisation von Kostensen-
kungspotenzialen darstellt. So ist z. B. aufgrund
der vergrößerten Kapazitäten im Produktions-
bereich die Nutzung größerer, leistungsfähiger
und kostenoptimaler Anlagen möglich. Die ge-
stiegene Betriebsgröße ist im Einkaufsbereich
gleichbedeutend mit einer höheren Einkaufs-
macht, die eine Verbesserung der Beschaf-
fungskonditionen zur Folge hat.
19
Last but not
least ermöglichen Vertriebskooperationen auf-
grund der gestiegene Kundenzahl den Einsatz
kosteneffizienter Vermarktungstechnologien
(z. B. E-Commerce).
Die Wirksamkeit des oben geschilderten Grö-
ßendegressionseffektes in Krisenunternehmen
kann u.a. noch durch die folgenden Maßnah-
men gesteigert werden:
20
t
Standardisierung des Leistungsangebotes
t
Verbesserung der Prozesse in ausgewählten
Funktionsbereichen
t
Ersatz kostenintensiver Ressourcen durch
preisgünstigere Komponenten
Abb. 1: Das Erfahrungskurvenkonzept (eigene Darstellung)
Kosten pro Stück
kumulierte Menge
Erfahrungskurve in der Krisenbewältigung