Seite 89 - CONTROLLER_Magazin_2010_06

Basic HTML-Version

87
Operative Instrumente der Krisenbewältigung
genießen in der Sanierungspraxis einen hohen
Stellenwert. Da in der akuten Krise operative
Sofortmaßnahmen zur Bewältigung der Insol-
venztatbestände „Zahlungsunfähigkeit“ und
„Überschuldung“ eingeleitet werden müssen,
ist dies ist nicht weiter verwunderlich. Werden
zu diesem Zeitpunkt anstatt dessen Strategie-
diskussionen geführt, so können diese Überle-
gungen als obsolet betrachtet werden, da das
Unternehmen aller Wahrscheinlichkeit nach in
die Insolvenz geht. Dennoch
sollte nicht ver-
gessen werden, dass Krisenunternehmen
neben operativen in der Regel auch strate-
gische Schwachstellen aufweisen
.
1
Die
fehlende Priorität strategischer Konzepte in
der akuten Krise sollte daher nicht darüber
hinwegtäuschen, dass nach erfolgter finanz-
wirtschaftlicher Sanierung eine strategische
Neuorientierung zur Sicherung des langfris-
tigen Sanierungserfolges erforderlich ist. In
diesem Zusammenhang spielt die Erschlie-
ßung von Kostensenkungspotenzialen eine be-
sondere Rolle.
2
Inwieweit das Erfahrungskurvenkonzept einen
Ansatzpunkt zur nachhaltigen Verbesserung
der Kostensituation in Krisenunternehmen dar-
stellen kann, soll im weiteren Verlauf dieser Ar-
beit aufgezeigt werden.
Begriff und Arten der
Unternehmenskrise
Eine Unternehmenskrise kann als ungewollte
und zugleich bedrohliche Situation verstanden
werden, in der ohne Einleitung entsprechender
Sanierungs- bzw. Restrukturierungsmaß-
nahmen die Existenz eines Unternehmens
nachhaltig bedroht wird.
3
Die Krise eines Unter-
nehmens wird in der Regel als schleichende
Entwicklung und nicht als plötzliches Ereignis
angesehen.
Zu Beginn der Krisenentwicklung steht die
Stakeholderkrise
, die durch ein nachlässiges
Führungsverhalten geprägt wird. Die Gründe
für dieses Verhalten können in der Erkrankung
von Führungskräften, in Streitigkeiten innerhalb
der Unternehmensführung oder in einer ge-
scheiterten Nachfolgeregelung liegen.
4
Der
Stakeholderkrise
folgt die Strategiekrise.
Dem Unternehmen fehlt aufgrund der Schwä-
chen im Führungsverhalten eine stringente
strategische Ausrichtung. Das Unternehmen
sieht sich mit einer strategischen Lücke kon-
frontiert, da „zwischen der Position eines Un-
ternehmens, seiner Strategie und den vorhan-
denen und benötigten Ressourcen ein existenz-
bedrohendes Missverhältnis auftritt“.
5
Wird der Strategiekrise durch Restrukturie-
rungsmaßnahmen nicht entsprechend gegen-
gesteuert, gleitet das Unternehmen zwangsläu-
fig in die
Ertragskrise
ab. Die Ertragskrise ist
durch sinkende Umsätze und Erträge sowie
durch eine Zunahme der Verschuldung und
durch ein Absinken der Eigenkapitalquote ge-
kennzeichnet.
6
Wenn keine wirksamen Maßnahmen zur Be-
wältigung der Ertragskrise eingeleitet werden,
so steuert das Unternehmen auf eine
Liquidi-
tätskrise
zu. Die Liquiditätskrise ist durch er-
hebliche Zahlungsschwierigkeiten gekenn-
zeichnet, was mit einer akuten Existenzgefähr-
dung des Unternehmens verbunden ist. Gelingt
es nicht, dem Unternehmen frisches Kapital zu-
zuführen, so ist das Management gezwungen,
Insolvenz anzumelden.
7
Die
Insolvenz
ist die letzte Phase des Krisen-
prozesses, die rein juristisch definiert ist. In der
Regel muss ein Unternehmen dann Insolvenz
anmelden, wenn es zahlungsunfähig ist oder
von einer Zahlungsunfähigkeit bedroht ist und /
oder überschuldet ist.
8
Die Insolvenz kann in
diesem Sinne als die Folge nicht bzw. zu spät
erkannter Krisensymptome und fehlender bzw.
nicht rechtzeitig eingeleiteter Sanierungsmaß-
nahmen angesehen werden.
Begriff der Sanierungsstrategie
In der betriebswirtschaftlichen Literatur wird
der Sanierungsbegriff in einem engeren und in
einem erweiterten Sinne verstanden:
°
Sanierung im engeren Sinne:
Das Unter-
nehmen befindet sich in einer ernsten, exis-
tenzbedrohenden Liquiditätskrise. Die Sa-
nierung umfasst hier ausschließlich finanz-
wirtschaftliche Maßnahmen, die mit dem
Ziel eingeleitet werden, das finanzielle
Gleichgewicht des Unternehmens wieder-
herzustellen.
9
°
Sanierung im erweiterten Sinne:
Neben
den oben erwähnten finanzwirtschaftlichen
Maßnahmen umfasst die Sanierung im er-
weiterten Sinne auch leistungswirtschaft-
liche und strategische Maßnahmen, die zur
nachhaltigen Sicherung des Sanierungser-
folges eingeleitet werden.
10
Der Begriff der Sanierungsstrategie ist dem er-
weiterten Sanierungsbegriff zuzuordnen. Die
Sanierungsstrategie umfasst alle Maßnahmen,
Die Erfahrungskurve als strategisches
Instrument der Krisenbewältigung
Eine Betrachtung der Möglichkeiten und Grenzen
von Hannes Danner und Stefan Razik
CM November / Dezember 2010