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Lieber Herr Eiselmayer,
wieder einmal fand ich Ihr Editorial bildhaft,
auch wenn es vor allem aus Worten bestand –
und dem Bild von Ihnen.
Das Navi liefert ein Bild, auch Sprache, mit
einem System dahinter. Das Zitat von Saint-
Exupéry besteht auch aus Worten, will uns aber
bildhaft die Gefahr beschreiben, dass wir uns
auf die Intelligenz der Werkzeuge zu sehr ver-
lassen, ja, dass sie das Kommando überneh-
men.
Alle bwl. Systeme arbeiten innerhalb überge-
ordneter Systeme, z. B. dem Geldsystem. „Ich
lasse mein Geld arbeiten“ – ein Satz, der schnell
gesprochen und geschrieben ist.
Aber Geld arbeitet nicht. Nur Menschen mit ih-
rer Intelligenz, mit ihrer Körperkraft und den
Werkzeugen schaffen etwas.
Trotzdem hat die Bedienung des Geldvermö-
gens durch Zinsen (für Eigen- und Fremdkapi-
tal) Vorrang in unserem Wirtschaftssystem.
Deswegen heißt es Kapitalismus. Für die Schaf-
fenskraft der großen Mehrheit der Menschen
blieb im zu Ende gehenden Jahrzehnt wenig
übrig.
Wenn die Bundeskanzlerin als Begründung für
das Sparpaket sagt, dass Deutschland über
seine Verhältnisse gelebt hat, dann trifft das
nur für den Staat zu. Deutschland hat als Gan-
zes – der staatliche und der private Sektor zu-
sammen genommen – unter seinen Verhältnis-
sen gelebt. Die Sparquote ist hoch, entspre-
chend niedrig der Konsum. Der Konsum ist vor
allem deswegen niedrig, weil die große Mehr-
heit der Bevölkerung nicht ausreichend am Pro-
duktivitätszuwachs beteiligt wurde. Die Reichen
wurden reicher an Geld, weil sie nicht mehr
konsumieren konnten; die Ärmeren blieben arm
oder wurden ärmer (Niedriglohnsektor).
Was hat das mit der Controller-Arbeit zu tun?
Im Gewinnbedarfsbudget denken wir an dieje-
nigen, die einen Anspruch an das Unterneh-
mensergebnis stellen können: 1. Eigentümer,
2. Kreditgeber, 3. Unternehmen selber, 4. Staat
(für die Infrastruktur im weiteren Sinne, also
z. B. auch für das Rechtssystem).
Da Eigentümer und Kreditgeber nicht nachge-
geben haben, wurden die Löhne gedrückt oder
wuchsen nicht mit der Produktivität. Dies wirkte
sich auf den Konsum aus und auf Punkt 3 im
Gewinnbedarfsbudget.
Wenn die Nachfrage sinkt, wird auch weniger
investiert. Damit die Arbeitslosigkeit nicht zu
sehr steigt, gab und gibt es noch Kurzarbeit.
Diese führt zu Schulden beim Staat. Davon pro-
fitieren die Gläubiger, also Banken und Private,
die Geld haben. Wo Schulden sind, gibt es auch
Gläubiger. Wenn die Schulden steigen, wächst
das Vermögen der Geldbesitzer {…}
Noch ein Gedanke. Durch die erhöhte Wettbe-
werbsfähigkeit Deutschlands (Stichwor te:
Agenda 2010, Hartz IV, Ausweitung des Nied-
riglohnsektors, Leiharbeit) leben alle Länder,
mit denen Deutschland einen Leistungsbilanz-
überschuss hat, über ihre Verhältnisse. Früher
hat man bei Schuldennachlass an arme Länder
Afrikas und Süd- und Mittelamerikas gedacht.
Wann werden wir Griechenland, Portugal, …
Schulden nachlassen müssen, vielleicht im
Sinne eines Finanzausgleichs wie innerhalb
Deutschlands?
Ich wünsche Ihnen mit Ihrer Frau und den
Kindern wunderschöne Ferien.
Ihr Alfred Blazek
P.S. Bernd Rürup, früher Vorsitzender der 5
Weisen, hat einmal gesagt: „Der Zinseszins ist
das 8. Weltwunder“ (Gothaer Magazin, 02/07).
Der Zinseszins ist eine exponentielle Funktion.
Er sprengt zwangsläufig jedes Geldsystem.
Wenn das Geld nicht wieder zum Tauschmittel
wird (als solches wurde es erfunden), der Zins
ein Preis für Angebot und Nachfrage nach Geld
und eine Methode gefunden wird, dass Geld im
Umlauf bleibt, dann erwarte ich die nächste
Finanzkrise 2015.
Alfred Blazek
Kreuzweg 16a
82131 Stockdorf
Email:
Leserbrief
Gedanken zum Editorial im CM 4, 2010 und weiter …
von Dr. Alfred Blazek
CM November / Dezember 2010