Seite 15 - 2007-02

Basic HTML-Version

CM
Controller magazin
2/07
Fluch und Segen unserer evolutio–
nären EnhA/icklung
Evolution hieß sehr lange.
„Durch Über–
leben weitergeben, was erfolgreich
ist".
|7| Aus dieser Entwicklung über
mehrere Mi l l ionen lahre entstand der sich
uns heute präsentierende Mensch. Sehr
viele Mi tmenschen lassen an dieser Stelle
der Betrachtung gern, bedingt durch die
Fokussierung auf das ihnen gegebene
Zeitfenster von ca. 100 jähren und die
individuel le selektive Wahrnehmung in
ihrer Lebenszeit, etwas Unscharfe zu.
Aktuel le Erkenntnisse der Verhaltens–
biologie zeigen jedoch, dass das über
lahrmi l l ionen erfolgreiche evolutionäre
Programm nur sehr gering modifiziert in
der Kollektivgemeinschaft der Weltbevöl–
kerung heute noch voll wi rkt . |8|
Herausforderung Kommunikation und
Sprache im Projektteam
leder Beteiligte im Projekt hat sozusagen
zwei Vergangenheiten: zum einen die
genetische, die ihm seine Eltern und
deren Vorfahren aus den vielen Millio–
nen lahren mitgegeben haben, und des
weiteren seine bisherige eigene Persönlich–
kei tsentwicklung in seinem Leben. Aus
diesen beiden Erfahrungsquellen kon–
struiert jeder sein
Erklärungsmodell von
der Welt, sozusagen seine individuelle
Landkarte
des von ihm wahrgenomme–
nen Territoriums |11| . Da nun alle Pro–
jektbeteiligten aus ihrer Entwicklungsver–
gangenheit unterschiedliche Erfahrun–
gen mi tbr i ngen, werden auch deren
sogenannte Landkarten unterschiedlich
sein. Gelingt es einem Projektteam, diese
Landkarten aufeinander abzugleichen,
und haben die Mitglieder ausreichend
Zeit, sich aufeinander einzustellen |10|,
werden sie sehr erfolgreich mi teinander
interagieren können.
Denn jegliche sprachliche Informat ion
(gesprochen, verschriftet, Körpersprache,
Zeichen... - man kann nicht nicht kom mu–
nizieren) zur gemeinsamen Interakt ion
nehmen wi r durch unsere Sinnesorgane
auf und verknüpfen diese Information mi t
vorhandenen Erfahrungen aus unserem
Leben. Da evolutionär bedingt unser Ge–
hirn nicht alle Informat ionen verarbeiten
kann, sind wi r gezwungen, einen Großteil
der Informat ion auszufi ltern |9|, um sie
dann zu verarbeiten und eine Reaktion
an unsere Umwelt zurückzugeben. Aus
dieser Erkenntnis lassen sich auch die
vielen Missverständnisse und sprachli–
chen Kommunikat ionsschwier igkei ten
besser verstehen.
Denn wenn wi r anerkennen, dass jeder
Mensch ganzheitl ich individuel l ist |11 j ,
werden wi r auch verstehen, dass jedes
von uns ausgesandte Kommunikations–
angebot individuell interpretiert wi rd
(die
Botschaft entsteht beim Empfänger).
Somit wi rd also vom Empfänger praktisch
fast nie das als Botschaft assoziiert, was
ich als Sender beabsichtigt hatte. Nur ein
individueller Abgleich der Landkarten der
Kommunikat ionspartner |10| kann
zu
einer Vergrößerung der Schnittmen–
ge des gleichen Verständnis führen.
Denn Worte sind nicht objektive Realität,
welche sie zu beschreiben versuchen,
sondern reine, auf Konvention beruhen–
de Symbole, welche im Gebrauch ihre
Bedeutung sogar noch verändern. Dieser
Abgleich als Voraussetzung einer opti–
malen Kooperation in einem arbeitsteilig
agierenden Team benöt igt jedoch Zeit
und den Aufwand emot ionaler Energie
sowiedie Notwendigkeit des persönlichen
Kennenlernens |8|.
Brauchen wir noch „Führer" im
Projekt?
Wie schon vorher erwähnt , ist es höchst
unwahrscheinl ich, dass die einsamen
Entscheidungen heroischer Manager
(der von der Komplexität des Schlachtfel–
des überforderte Feldherr auf dem Hügel)
auf Dauer zu tragfähigen Ergebnissen
führen werden. Langfristig kann dieses
traditionel le, autoritäre Führungsmodel l
(Führungsanspruch, Führungsverspre–
chen, Führungshoffnung) als i rrat ional
und zum Untergang verdammt angese–
hen werden. Die wesentl ichen Aufgaben
des Projektmanagers in unserer sich zu
immer komplexeren Strukturen entwik-
kelnden Gesellschaft |12| werden sich
verändern. |10| Der Projektmanager
muss nicht mehr Entscheidungen tref–
fen, sondern hat seine hierarchische
Macht und Verantwor tung dafür zu nut–
zen,
dass ein Kommunikationsprozess
(zwischen den am Projekt betei l ig–
ten Methodenspezial isten)
zustande
kommt , der zur Abst immung der
individuellen Landkarten und Ziele
der Projektbeteiligten
und schließlich
zu intel l igenten Entscheidungen und
deren Umsetzung führ t .
Auf der inhaltl ichen Ebene ist der Pro–
jektleiter den anderen gleichgestellt und
verfügt somi t lediglich über „formale"
Macht. Daher muss im Team nicht um
die Machtposi t ion gekämpft werden j 15|,
weil klar ist, wer sie im Zweifelsfall ausübt.
Das Paradox: Dieses Setting funkt ioniert
nur, wenn der Projektleiter seine theore–
tisch gegebenen Machtbefugnisse nicht
benutzt. Er muss Teammitglieder betei–
ligten, die etwas können, was er nicht
beherrscht. Nur dann kann er das Team
sich selbst organisieren lassen und muss
nicht eingreifen. Im Idealfall wi rd das
Team dadurch kreativ und leistungsfähig
und trifft mi t höherer Wahrscheinlichkeit
intelligente Entscheidungen.
Wissensmanagement als Schlüssel
zur erfolgreicheren Projektarbeit
„Ideen und Mi tarbei ter sind Kapital, der
Rest ist nur Geld„; „Hinterher sieht alles
ganz einfach aus, wi r suchen Leute für
vorher". An diesen Aussagen aktueller
Anzeigen unseres Al l tags kann man
erkennen, dass im heutigen „Globalen
Binnenmarkt" der Mensch zum entschei–
denden Di f ferenzierungskr i ter ium im
Wettbewerb wi rd. Durch sein kreatives
Element und seine vielfältige Gehirn–
leistung und die daraus resultierende
schöpferische Begabung besitzt er Wis–
sen und Know How, was sich nur sehr
selten von seiner Person trennen und
oft nur mühevol l vervielfältigen lässt.
Technische Lösungen hingegen lassen
sich heutzutage relativ einfach kopieren
oder nach kurzer Zeit schon erfolgreich
nachahmen.
Der amerikanische Psychologe Stanley
Mi lgram hat Ende der 1960er-|ahre zwei
berühmte Experimente durchgeführt, die
beide bis heute für Gesprächsstoff sorgen.
Er formul ierte die
Theorie der „Small
World",
die Idee der „sechs Ecken", über
die die gesamte Menschheit mi tanander
verbunden sei. 1998 unterzogen die
Mathemat iker Duncan Watts und Steve
Strogatz Mi lgrams Exper iment einer
eingehenden theoretischen Überprüfung.
Nach monatelangen Tüfteleien im Com–
puter gelang es den beiden Forschern
tatsächl ich, sechs Mi l l iarden Punkte,
die die Weltbevölkerung symbol isieren,
so zu verbinden, dass jeder Punkt über
max ima l sechs Schr i t te von jedem
anderen Punkt aus erreicht werden
kann. |4|
121