Controller magazin
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KULTUR UND KREATIVITÄT
IM LOTSENBOOT
Wege zu effizientem Controlling
von Dipl.-Betriebswirt Ulrich
Müller,
Lüneburg
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Diplom-Betriebswirt Ulrich Müller ist bei der
Matsushita Electronic Components (Europe)
GmbH als Manager Controlling & Infonnation
Systems verantwortlich für das interne und exter–
ne Berichtswesen. Planung und Forecasting,
sowie Einsatz und Weiterentwicklung der IT. In–
haltliche Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind der–
zeit die Umsetzung dezentraler Controlling–
konzepte und die Einfühnjng einer integrierten
Standardsoftware
0 EIN LITERARISCHER APERITIF =
Kaum ein Charakter der Literatur des
zwanzigsten Jahrhunderts findet sich in
einer derartigen Breite und Vielfalt als
Gegenstand wissenschaftl icher Interpre–
tationen wieder, als der unvergleichl iche
Winnie the Pooh des engl ischen Autors
A. A. Mi lne. Dass der kleine Kinderheld
sehr woh l seinen Platz auch im Con–
trolling findet, möge eine kleine Anekdo–
te aus seinem Dasein beschreiben.
Eines Morgens beschließt Winnie, seinen
Vorrat an Honigtöpfen zu zählen. Irgend
ein unbest immtes Gefühl sagte ihm also,
dass es Zeit für eine Standortbestimmung
wäre. Seine folgende Inventur ist von
seiner mathemat i schen Inkompetenz
geprägt und führt zu abweichenden Er–
gebnissen. Als sein Gefährte Rabbitt hin–
zustößt , verliert er vol lends den Über–
blick und fragt diesen, ob er wüsste, wie–
viele Töpfe es denn nun wären. Vierzehn
oder fünfzehn. Sein Freund stellt ihm die
substantielle Gegenfrage, ob das denn
wicht ig wäre. Pooh beschl ießt diesen
Exkurs mit der Feststellung, dass er
es
einfach gern gewusst hätte. Es würde
ihm ein gutes Gefühl geben zu wissen,
wieviele Honigtöpfe er denn nun besäße.
Auch im Control l ing geht es letztlich um
das gute Gefühl.
Das
gute
Gefühl
eines
Unternehmens zu wissen, wo es steht.
Das sche i nbar schl i chte Gemüt des
Stofftierbären ist offenbar
stärker v on
seinem Wuns ch nach Transparenz ge–
p r ä g t u n d w e n i g e r v o n h o c h –
kompetenter
Me t hod i k
In kurzen, prä–
gnanten Statements zum Stand der Din–
ge im modernen Control l ing ist oftmals
die Rede von der Einfachheit und zeitli–
chen sowie operat iven Relevanz von In–
formationen. Die folgenden Ausfühmn-
gen zum Thema „Kultur und Kreativität
im Lotsenboot" entstammen der Unter–
nehmenspraxis und zielen letztlich dar–
auf ab, ein gutes Gefühl durch eine ent–
sprechende Control l ingperformance zu
ermögl ichen. Winnie the Pooh jedenfalls
bleibt auch nach allen wissenschaftlichen
Diskursen über
seine
Existenz
ein glück–
licher Bär
1
CONTROLLING ? SHIRIMASEN !
Der japanische Begriff
'Shi r imasen'
be
sagt soviel wie
'ist i n me iner Welt n i cht
existent ' .
Dies ist in Zusammenhang mit
dem Thema Control l ing für jeden über–
zeugten Control ler natür l ich zunächst
eine unglaubl iche Äußerung. Ein ganzer
Bemfszweig wi rd hier per se in Abrede
gestellt. So scheint es zumindest vorder–
gründig. Die Frage, wie japanische Unter–
nehmen dennoch erfolgreich sein kön–
nen, formuliert sich somit zwangsläufig.
Beleuchtet man die Hintergründe aber
intensiver, zeigt sich ein
Konst rukt v on
U n t eme hme n s k u l t u r u n d Manage –
me n t s t r a t e g i e ,
das l e t z t l i ch den
Ur sp r ungsgedanken v o n Cont ro l l ing
nicht negiert, sondern nur anders er–
scheinen lässt.
1. 1 Von der Nichtexistenz des
Controllingbegriffs im japanischen
Management
Cont rol l ing ist n i cht nu r sprachl i ch e i n
unbekanntes Phänomen
im Manage–
ment vieler japanischer Großunterneh–
men, sondern es findet ganz einfach nicht
statt. Eine Cont rol l ingabtei lung oder
selbst ein Control ler in Person ist
nicht
existent. Entsprechend reagieren japani –
sche Manager natürl ich höflich verwi r r t
bis seicht ignorierend, wenn sie auf der
business card mit dem Thema konfron–
tiert werden. Konkrete Konzepte, Strate–
gien und dergleichen, die dem nunmehr
frustrierten Control ler die Umstände des
„trotzdem erfolgreichen Seins" erklären
könnten, sind allerdings rar Die Geheim–
nisse liegen nicht an der Oberfläche.
1.2 Erfolgreich ohne „Controlling" -
Das Managementkonzept
Der Luxus, auf Control l ing i. e. S. verzich–
ten zu können, basiert auf dem Zusam–
menspiel von mehreren Faktoren.
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