„Die wahre Entdeckung besteht nicht darin, neue Landschaften zu finden, sondern mit neuen Augen zu sehen.“ Diesen Satz soll Ida Pfeiffer gesagt haben. Sie war die erste soloweltreisende Frau und größte Abenteurerin des 19. Jahrhunderts. Er trifft den Kern einer kulturellen Erfahrung, die ich während meines Auslandssemesters 2006 in Singapur gemacht habe. Von dort aus erkundete ich verschiedene Länder Südostasiens. Gemeinsam mit zwei Kommilitonen reiste ich als Rucksacktouristin nach Myanmar. Und ich ahnte nicht, dass mich diese spontane Unternehmung an einen Ort führen würde, der mir seitdem als persönlicher Ruhepol geblieben ist. Heute zählt die historische Königsstadt Bagan zu den wichtigsten touristischen Zielen Myanmars. 2006 allerdings war sie touristisch kaum erschlossen. Keine Reisebusse, keine Menschenansammlungen, keine Smartphone-Kameras auf Selfie-Sticks. Stattdessen: Weite, Stille und mehr als 2.000 Sakralbauten – Tempel, turmartige Gebäude und buddhistische Bauwerke aus Ziegelsteinen, die seit dem 9. bis 13. Jahrhundert auf einem Gebiet von rund 36 Quadratkilometern verstreut liegen. Wir konnten uns die Sehenswürdigkeiten nahezu alleine anschauen. Dabei begegneten wir aufgeschlossenen Mönchen, die uns freundlich zulächelten und – zu unserer Überraschung – bestens über die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland informiert waren. Zudem trafen wir junge Baganer, die die Besonderheiten ihrer Tempel in bis zu sechs Sprachen erklären konnten, obwohl sich damals nur selten ein Tourist dorthin verirrte. Diese Mischung aus Zurückgezogenheit und Weltgewandtheit hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Einer der einprägsamsten Momente ergab sich während eines Tagesausflugs mit einem lokalen Guide. Er führte uns per Pferdekutsche von Tempel zu Tempel – den gesamten Tag über ohne Begegnung mit anderen Besuchern. Die Möglichkeit, die Bauwerke in Ruhe sowohl von außen als auch von innen zu erkunden, betrachte ich rückblickend als Privileg. Schließlich saßen wir auf einem Tempel. Wir blickten auf über 2.000 weitere Bauwerke vor einer steppenartigen Kulisse. Wir beobachteten, wie sich der Sonnenuntergang langsam über dieses Meer aus Ziegeln und Geschichte legte. Bis heute wirkt dieser Eindruck nach: Wenn ich mir im hektischen Alltag einen inneren Kraftort vorstelle, erscheint sofort Bagan vor meinem geistigen Auge. Die Verbindung aus historischer Tiefe, landschaftlicher Weite und besonderer Atmosphäre kann ich immer noch spüren. Warum ich eine solche Reise empfehlen würde? Weil Bagan ein seltenes Zusammenspiel bietet: Kultur, Mystik und Abgeschiedenheit – man erreicht diesen Ort nicht ohne Weiteres, und vielleicht macht ihn gerade das so unverwechselbar. Wer sich darauf einlässt, kommt mit einem Gefühl des Ankommens und der Ehrfurcht zurück. Bagan hat mich gelehrt, mit anderen Augen zu sehen. MAREIKE KIPP ist Leiterin der Business Unit Personal Fire Safety bei Hekatron und Expertin für Brandschutzlösungen in der Wohnungswirtschaft. MIT EHRFURCHT ANKOMMEN Von Kultur, Mystik und Abgeschiedenheit: Warum das ferne Bagan zum persönlichen RUHEPOL taugt. 98 · Immobilienwirtschaft · 01 / 2026 Culture Club Mein schönstes Kulturerlebnis
RkJQdWJsaXNoZXIy Mjc4MQ==