Seite 37 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_2015_01

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des Gemeinwohls“ fehle den zumeist forschungs-
und technikorientierten Smart-City-Konzepten.
Knackpunkt Datenschutz
Die Freunde der Smart City ihrerseits verweisen
auf die Herausforderungen, die mit dem Wachs-
tum der Städte verbunden sind. „Der Trend zum
Leben in Städten ist weltweit ungebrochen“, stellt
VDE-Präsidiumsmitglied Prof. Dr. IngoWolff fest.
In den Städten ballten sich die Herausforderun-
gen: erheblicher Energieverbrauch, hohe Abfall-
produktion, erschwerte Verwaltungsprozesse,
große Sicherheitsprobleme. Wolffs Folgerung:
„Ummit allen diesen auf die Stadt zukommenden
Problemen in der Zukunft leben zu können, ist der
Einsatz von technischen Hilfsmitteln unvermeid-
lich. Intelligente Technologien helfen bei der Op-
timierung von Entscheidungen und Prozessen in
der Stadt.“ Dafür braucht es nach den Worten der
Verfechter der Smart City Hochgeschwindigkeits-
Internet und ausgebaute Sensornetzwerke. „Big
Data“, erklärt Wolff, „ist eine Grundvoraussetzung
für den Betrieb einer Smart City.“
Zwar betonen die Anhänger des Smart-City-
Konzeptes, dass selbstverständlich die strengen
Regeln des deutschen Rechts einzuhalten seien.
Doch wenn VDE-Vertreter Wolff von der spani-
schen Stadt Santander schwärmt, in der tausende
von Sensoren permanent Temperatur, Verkehrs-
aufkommen undweitere Datenmessen, läuft nicht
nur Datenschützern ein kalter Schauer den Rücken
hinunter. „Wer sichmit Smart Cities befasst, muss
zuallererst die individuelle Freiheit und die dunkle
Seite der Digitalisierung in den Fokus nehmen“,
schreibt denn auch Prof. Harald Herrmann, Di-
rektor des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und
Raumforschung (BBSR), im Vorwort zur BBSR-
Publikation „Auf dem Weg zu Smart Cities“.
Herausforderung für die Wohnungswirtschaft
Mit all diesen Fragen hat sich auch dieWohnungs-
wirtschaft auseinanderzusetzen, ist sie doch über
die Gebäudeeffizienz und auch dieMobilität direkt
mit den Kernthemen der Smart City verbunden.
Darüber hinaus ist unübersehbar, dass viele der
Aspekte, die rund um Smart Home und Ambient
Assisted Living (AAL) diskutiert wurden, jetzt –
gewissermaßen auf höherer Ebene – bei der Smart
City erörtert werden.
Dr. Claus Wedemeier, Referent für Multimedia,
IT und Wohnen für ein langes Leben beim GdW
Bundesverband deutscher Wohnungs- und Im-
mobilienunternehmen, nimmt eine differenzierte
Einschätzung vor. „Die Megatrends demografi-
scher Wandel, Klimaschutz und wachsende Mo-
bilität verlangen angesichts der fortschreitenden
Digitalisierung unserer Gesellschaft nach smarten
technischen Lösungen, die einmobiles, energieef-
fizientes und altersgerechtes Leben erleichtern“,
hält er fest. Dabei biete die Digitalisierung „ein
enormes Potenzial für innovativeres, vernetztes
und damit zukunftsfähiges Wohnen“.
Gleichzeitig gebe es beim Smart Home und damit
auch der Smart City hohe Hürden insbesondere in
puncto Sicherheit und Kosten. „Die Smart City“,
betontWedemeier, „darf keine Frage des Geldbeu-
tels werden.“ Ferner müsse die Datensicherheit
gewährleistet werden. Und schließlich, betont er:
„Der effektive Nutzen smarter Technik muss im
Vordergrund stehen, denn nicht alles, was tech-
nischmachbar ist, ist für denMieter auch sinnvoll.“
„Dringender Aufklärungsbedarf“
Auch die Ingenieure stellen sich die Frage, wel-
che Anwendungen sich die Menschen eigentlich
wünschen. Ernüchterndes Ergebnis: Wirklich groß
scheint das Interesse an „smarten“ Lösungen nicht
zu sein. Jedenfalls zeigten sich 62% von gut tau-
send Bundesbürgern, die der VDE befragen ließ,
an vernetzten, ferngesteuerten Haushaltsgeräten
wie Herd, Kühlschrank oder Waschmaschine de-
zidiert nicht interessiert. 51% erklärten, keinen
Bedarf an vernetzter Unterhaltungselektronik
zu haben. Kommentar von Dr.-Ing. Hans Heinz
Zimmer, Vorstandsvorsitzender des VDE: „Hier
besteht dringender Aufklärungsbedarf.“
Noch ein anderes bemerkenswertes Ergebnis
brachte die Umfrage zutage: 84% der Befragten
können mit dem Begriff Smart City nicht viel ver-
binden; trotzdem finden rund 70% die Smart City
gut – oder jedenfalls das Ziel, in einer intelligen-
ten Stadt Infrastrukturen, Technologien, Produk-
te und Dienstleistungen effizienter zu gestalten.
Dass der Weg dahin noch lang sein dürfte, ist auch
den Smart-City-Befürwortern bewusst: „Wir ste-
hen erst am Anfang“, sagte VDE-Vertreter Ingo
Wolff auf dem Kongress in Frankfurt am Main.
„Wir brauchen etwa zehn Jahre, umdas komplexe
Monstrum einer Smart City zu kontrollieren.“
Vernetzte Mobilität ist ein wichtiges Element einer Smart City. Einen guten ÖPNV-Anschluss und ein dichtes Radwegnetz hat z. B. die Hamburger Hafencity
Quelle: HafenCity Hamburg GmbH, Foto: Miguel Ferraz