Personalmagazin plus Kanzleien 7/2026

personalmagazin Kanzleien 2026 Kanzleien im Arbeitsrecht 6 Mandate in vergleichbaren Themen bekommen hat. Wenn nicht, gibt es zwei Lesarten: Entweder wurde zwar „gewonnen“, aber mit so viel Flurschaden, dass danach Funkstille war. Oder die Sache war wirklich befriedet – dann braucht man keinen Anwalt mehr. Holen Sie Referenzen ein und prüfen Sie diese. Bei einer kleinen Zahlungsklage mag das zu viel Aufwand mit sich bringen; bei einem Beschlussverfahren zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat kann es (für beide Seiten!) existenziell werden. Tipp 4: Gehen Sie mit einer Mini-Checkliste in den Beauty Contest: Was zählt für Sie mehr? Sieg im Prozess, schneller Rechtsfrieden oder Wirkung nach innen/außen? Sie sind nie allein – Ihre Stakeholder Ein arbeitsrechtlicher Streit ist fast nie nur „zwischen uns beiden“ – weder für Arbeitgeber noch für Arbeitnehmende. Auf dem Papier sind es zwei Parteien. In Wahrheit hängen sofort Leute mit dran, die mitdenken, mitreden oder mitentscheiden. Auf Arbeitnehmerseite sind das Kolleginnen und Kollegen, Betriebsrat, Familie – manchmal das gesamte Umfeld. Warum? Weil man Veränderung sieht. Wer nach einer fristlosen Kündigung ohne Dienstwagen auftaucht oder tagsüber dauerhaft „zu Hause“ ist, handelt sich Fragen ein. Und Fragen erzeugen Druck – egal, wie der Prozess am Ende ausgeht. Die Familie ist dabei ein eigener Verstärker. Wie verändert sich das Zusammenleben, wenn jemand plötzlich unfreiwillig zu Hause ist? Loriots „Papa ante Portas“ trifft den Ton – im echten Leben kommen aber schnell Existenzfragen dazu: Lebensstandard, Verpflichtungen, Kinder, Pflege, Unterstützung. Spätestens dann kippt der Fokus von „Recht haben“ zu „Wie kommen wir da wirtschaftlich und menschlich sauber durch?“ Ein Beispiel: Eine Bekannte erzählte, sie habe ihre Assistentin zweimal abgemahnt – und trotzdem passierte derselbe Fehler erneut. Sie brauchte keinen juristischen Vortrag, sondern eine ehrliche Einschätzung zur Führungssituation. Denn in ihrem Umfeld (kleinere Stadt, jeder kennt jeden) sind Kündigungen sofort Gesprächsthema. In solchen Konstellationen ist Stakeholder Management manchmal wichtiger als juristische „Höchstform“. Auch der Betriebsrat und die Belegschaft entscheiden im Kopf mit – nur nach anderen Maßstäben als das Gesetz. Und aus Arbeitgebersicht kommt nach einem verlorenen Kündigungsschutzprozess die nächste Realität: Entweder kehrt der Gekündigte zurück (nicht selten mit demonstrativem Selbstbewusstsein). Oder es wird eine sehr hohe Abfindung gezahlt. Beides spricht sich herum – Schweigeklausel hin oder her. Tipp 5: Zeichnen Sie früh eine Stakeholder-Landkarte: Wer ist wirklich relevant? Und dann: Machen Sie den Streit nicht zum Prinzip. Entscheidend ist immer, dass man danach noch zusammenarbeiten – oder sich wenigstens wieder in die Augen schauen – kann. Spezielle Themen erfordern zumeist auch spezielle Experten Manche Themen gehören in Spezialistenhände: Für Themen wie etwa die betriebliche Altersversorgung, Arbeitnehmererfindungsrecht, Tarifrecht oder Datenschutz sollten Sie ausgewiesene Experten verpflichten. Nur als Beispiele. Das kann eine Großkanzlei sein – oder eine Boutique. Hauptsache: echte Tiefe. Wer diese Materie nur nebenbei „mitmacht“, stochert schnell im Nebel und trifft am Ende Zufallsentscheidungen. Ich erinnere mich an einen Fall, der in den ersten beiden Instanzen pro Arbeitgeber ausging – und beim BAG dann pro Arbeitnehmer kippte. Auf meinen Satz „Das kam jetzt überraschend“ sagte der gegnerische Anwalt herrlich ehrlich: „Glauben Sie mir – für mich noch überraschender als für Sie.“ Wenn Sie seit Jahren einen Anwalt haben, dem Sie vertrauen – vielleicht aus Kaufrecht, Reklamationen oder gesellschaftsrechtlichen Alltagsfragen? Das kann auch im Arbeitsrecht funktionieren. Wer langfristig beraten möchte, sagt klar, wo seine Grenzen sind – und zieht bei Bedarf passende Spezialisten hinzu. Der „Feld-Wald-und-Wiesen-Anwalt“ kann also sehr wohl eine gute Wahl sein. Für Arbeitnehmende ist der Gewerkschaftsrechtsschutz oft ein starkes Paket, für Arbeitgeber der Jurist des Arbeitgeberverbands. Die Beteiligten kennen sich häufig, arbeiten regelmäßig miteinander und haben stabile Drähte zu den Gerichten. Wenn Sie „ehrbarer Kaufmann“ nicht nur als Spruch, sondern als Stil suchen: Hier werden Konflikte oft erstaunlich gradlinig gelöst – weniger Taktik, mehr Ergebnis. Und was soll ich nun tatsächlich machen? Bis hierhin klingt vieles nach „Es kommt darauf an“. Ja. Aber damit Sie am Ende eine gute Entscheidung treffen, hier eine kurze Praxis-Checkliste: Don’ts: · „100 Prozent sicher gewinnen wir“: Danke – weiter · Bulldozer Ton: laut, teuer, ungewisses Ergebnis · Sofort Urteil ohne Fragen: Warnsignal Dos: · Standard Alltag: solider Allgemeinanwalt · Regionaler Standardfall: Verbandjuristen nutzen · International: echtes Labour & Employment-Team erforderlich · Spezialthema: Spezialisten/Boutique Arbeitsrecht ist – wie ein Arztbesuch – vor allem Vertrauenssache. Kaum ein Rechtsgebiet ist so stark von Wertungen geprägt, so auslegungsfähig und so abhängig von Kommunikation. Machen Sie deshalb nicht den Fehler, Qualität an einer angeblich objektiven „Erfolgsquote“ festzunageln. Entscheidend ist: Fühlen Sie sich verstanden? Werden Risiken, Kosten und Timing klar benannt? Passt Strategie – und Ton – zu Ihrer Lage und zu Ihrer Organisation? Und wenn das Bauchgefühl nicht stimmt: wechseln. Wer regelmäßig arbeitsrechtliche Themen hat, sollte außerdem über interne Expertise oder klar definierte externe Strukturen nachdenken. Das zahlt sich meistens lange vor dem ersten Gerichtstermin aus. ALEXANDER R. ZUMKELLER ist Vorstand eines führenden Technologieunternehmens und Präsident des Bundesverbandes der Arbeitsrechtler im Unternehmen.

RkJQdWJsaXNoZXIy Mjc4MQ==