Führungsgeflüster PROF. HEIDI STOPPER ist eine der gefragtesten C-Level-Coachs. Sie hat viele Jahre erfolgreich als Führungskraft in verschiedenen Branchen und Ländern gearbeitet, zuletzt als CHRO im M-Dax. Die Professorin für Leadership und Organisational Behaviour sitzt in vielen Beiräten und engagiert sich für soziale Themen. Die Schattenseiten der Sonne E s gibt sie, diese leuchtenden Figuren, um die alles in einer Organisation kreist – wie die Planeten um eine Sonne: Führungspersonen, die eine hohe Anziehungskraft auf andere haben. Einer meiner Coachees gehört zu dieser Spezies: Der Geschäftsführer eines großen Unternehmens ist gewinnend und smart. Investoren erobert er im Sturm. Er ist erfolgreich, sympathisch, leuchtend: eine echte Ausnahmeerscheinung. Alle wollen sich in seinem Licht sonnen und ihm möglichst nah sein. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Er liefert, das war nie ein Thema. Er ist kein Blender, sondern die Geschäftsergebnisse stimmten bisher immer. Aber in einem System, das sich der Sonne unterordnet, stirbt jede Form von Widerspruch. Kritik verkümmert, Innovation versandet. Entscheidungen fallen nach Vorliebe des Chefs, nicht nach Sinnhaftigkeit. Menschen reisen der Lichtgestalt hinterher – physisch wie mental. Und das Unternehmen? Wird zum Wanderzirkus mit einem Mann im Mittelpunkt der Manege. Das ist ein immenses Risiko für jede Firma. Das Ganze kam aufs Tapet, weil mein Coachee an sich arbeitet und noch besser werden will. Ich sollte mich in seinem Leadership-Team umhören, was die Führungskräfte über ihn sagen. Deren Berichte waren erhellend und beunruhigend zugleich: Sie bewundern ihn. Sie folgen ihm. Sie wollen ihm gefallen. Und genau das ist das Problem. Wenn jemand, der über Beförderung der anderen entscheidet, im Meeting gleich seine Meinung kundtut, wissen alle, was sie zu sagen haben – und was nicht. Und sie halten sich daran. Das ging tatsächlich so weit, dass sie ihrem Chef physisch nahe sein wollten, sich informierten, welche Standorte des Unternehmens er besucht und ihre Reisepläne daran anpassten. So entstehen Abhängigkeitsverhältnisse: Menschen im Dunstkreis der Sonne entwickeln sich nicht weiter. In Coachingsitzungen gehen wir nun tiefer – etwa mit der Frage: Wie wäre es, wenn das Team ihn nicht mehr so anbetet? Seine Antwort: unerträglich. Er ist eine Sonne geworden, weil er das Bedürfnis hat, von anderen bewundert zu werden. Die Vorteile liegen auf der Hand: Jeder möchte mit ihm arbeiten, er wirbt Topleute von anderen Firmen ab. Aber immer zu gefallen, ist nicht machbar. Als Führungskraft muss man auch harte Personalentscheidungen treffen – und das fällt ihm schwer. Was kann er also tun? Er kann keine andere Persönlichkeit werden, er würde das Licht im Unternehmen dimmen. Die Kunst besteht darin, sich zu fragen, wann die eigenen Strahlen funktional sind – und wann dysfunktional. Wir sind gemeinsam die Situationen durchgegangen: Was sagt er in Meetings? Wann äußert er seine Meinung – gleich zu Beginn oder wie wäre es, wenn er erst die anderen zum Zug kommen lässt? Wann muss er offener ansprechen, dass er sich über die Nähe der anderen freut, sie aber gerade an anderer Stelle braucht? Es geht darum, eine gute Balance zu finden – indem er austariert, wann er es aushalten kann, dass andere Leute anderer Meinung sind. Heute lassen sich schon Änderungen erkennen. Das ist die eigentliche Leadership-Aufgabe: Nicht, weniger zu scheinen, sondern verbrannte Erde zu erkennen – wenn Charisma zum Ideenkiller wird. Wenn Zustimmung zu Unterwerfung mutiert. Es geht darum zu lernen, wie man andere Sterne neben sich zum Leuchten bringt – statt sie in den Schatten zu stellen. 78 neues lernen – 06/2025
RkJQdWJsaXNoZXIy Mjc4MQ==