Seite 42 - wirtschaft_und_weiterbildung_2015_02

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training und coaching
42
wirtschaft + weiterbildung
02_2015
Beispiel Angst, (latente) Wut, Ohnmacht,
(versteckte) Überlegenheit – auf intuiti-
vem Weg erschlossen werden. Danach
soll ein empfundenes „Machtgefälle“
durch ein anderes kommunikatives Ver-
halten oder durch einen Zugriff auf ei-
gene Ressourcen ausgeglichen werden.
Dauer:
20 bis 50 Minuten
Benötigtes Material: Verschiedene Tier-
figuren aus dem Spielwarenhandel; er-
satzweise Bilder oder Illustrationen von
Tieren.
Vorgehen:
Die Arbeit mit Tierfiguren lässt
sich am besten in folgenden sechs Schrit-
ten durchführen:
Schritt 1:
Der Coach lädt den Coachee
ein, sich kurz in die Tierwelt zu ver-
setzen: „Welches dieser Tiere wäre Ihr
Konfliktpartner?“ und „Welches Tier
wären Sie?“
Schritt 2:
Der Coachee platziert die
entsprechenden Tiere auf dem Tisch.
Diese Wahl wird reflektiert: Welche
Eigenschaften, welches Verhalten asso-
ziiert der Coachee mit den beiden Tie-
ren? und „Welches Verhältnis zwischen
ihnen resultiert aus ihren Unterschie-
den?
Schritt 3:
Der Coach fragt den Coachee
danach, welches Tier er gerne stattdes-
sen wäre.
Schritt 4:
Der Coachee wählt das ent-
sprechende Tier und setzt es an die
Stelle des vorigen „Repräsentanten“.
Schritt 5:
Es folgt eine Reflexion, was
nun anders wäre und was der Coachee
stattdessen tun oder sagen würde.
Schritt 6:
Es wird erarbeitet, wer oder
was den Coachee dabei unterstützen
kann, diese Eigenschaften zu entwi-
ckeln; was ihn dazu ermutigen kann,
dieses Verhalten zu zeigen (zum Bei-
spiel innere/äußere Ressourcen, Vorbil-
der, „Belohnungen“, konkrete Ziele).
Ein Fallbeispiel zur Arbeit mit Tierfigu-
ren: Frau Weich, Anfang 50, Volksschul-
lehrerin, leidet unter einem schwelenden
Konflikt mit ihrer Kollegin, Frau Hart.
Während Frau Weich ein ruhiges Auftre-
ten zeigt und ein ausgleichendes Tempe-
rament hat, ist Frau Hart „unberechen-
bar“ und „aufbrausend“. Auch grenzt ihr
Verhalten laut Weich an „Mobbing“, da
sie das Engagement von Weich immer
wieder schlecht mache und deren geplan-
ten Klassenprojekte sabotiere. Von der
Direktorin erhält Frau Weich keine Rü-
ckendeckung.
Das „unberechenbare Angriffsverhalten“
von Hart geht Weich sehr nahe. Auch ge-
genüber den Schülern verhält sich Hart
aggressiv, sodass Kollegen sie zur Rede
stellen. Hart reagiert darauf mit Rumbrül-
len und Weglaufen. Seit die Direktorin
Frau Weich angeboten hat, stellvertretend
die Schulleitung zu übernehmen, häufen
sich die Auseinandersetzungen mit Frau
Hart. Frau Weich weiß nun nicht mehr,
wie sie sich Frau Hart gegenüber verhal-
ten soll.
Der Coach lädt Frau Weich zu einer
Übung mit Tierfiguren ein. Er bittet sie,
sich spontan ein Tier für sich und eines
für ihre Kollegin auszusuchen. Für sich
wählt sie den Hund, für ihre Kollegin den
Leoparden. Dann fragt der Coach, welche
Eigenschaften sie mit dem Hund verbin-
det. Sie antwortet, dass dieser gutmütig,
gehorsam, anhänglich und treu ergeben
sei. Auf die Frage, was sie mit dem Le-
oparden verbindet, meint sie: „Er lauert
seiner Beute auf, ist angsteinflößend,
reizbar und sehr gefährlich.“
Dann will der Coach wissen, was an die-
sem „Paar“ sichtbar wird. Frau Weich
meint, dass beide offenkundig sehr ver-
schieden seien: „Der Hund gibt aus Angst
vor dem Leoparden keinen Laut von sich
und will den Leoparden besänftigen.“ Da-
raufhin fragt der Coach, welches Tier sie
denn – angesichts des Leoparden – gerne
stattdessen wäre. Sie wählt den Löwen.
Auf die Frage, was sie mit dem Löwen
verbinde, kommt die Antwort: „Der Löwe
ist erhaben, stark und ist sich seiner
Macht bewusst. Und er brüllt, wenn es
nötig ist.“
Dann bittet sie der Coach, den Hund (der
abgewandt vom Leoparden stand) gegen
den Löwen auszutauschen. Frau Weich
meint, dass sich dadurch etwas verän-
dert: „Der Löwe kann dem Leopard direkt
ins Gesicht sehen.“ Er fühlt sich „stark
und ebenbürtig“ – vielleicht sogar „über-
legen“. „Der Löwe würde vor dem Leo-
parden seine Meinung mit einer großen
Selbstverständlichkeit äußern, notfalls
sie auch kraftvoll verteidigen.“ Auf die
Frage des Coachs, woran der Leopard das
konkret merken würde, sagt Frau Weich:
„Wenn sich der Löwe zu Unrecht ange-
griffen fühlt, würde er brüllen, sodass der
Leopard sofort weiß, dass er zu weit ge-
gangen ist.“
Dann frage sie der Coach, was nach ihrer
„Verwandlung“ zwischen ihr und ihrer
Kollegin außerdem noch anders wäre. Sie
meint, dass sich die täglichen Begegnun-
gen für sie ganz anders anfühlen würden.
Sie sei innerlich nicht so angespannt und
würde der Gegenspielerin mit offenem
Blick und ohne Angst begegnen. Und das
Fauchen des Leoparden würde sie nicht
mehr so berühren.
Im nächsten Schritt erarbeiten Coach
und Coacheee wie sich die „Existenz
als Löwin“ im Angesicht einer Leopar-
din ganz konkret im Berufsalltag zeigen
sollte. Daraufhin reflektiert Frau Weich
verschiedene Situationen im Schulalltag,
die bisher Angriffsflächen für ihre Kolle-
gin darstellten. Jede dieser Situationen
wird nun neu bewertet und als Chance
für ein möglichst konstruktives Verhalten
erkannt.
Von allen genannten Inventionen gibt
es Varianten. Selbstverständlich können
Coachs die Interventionen der jeweiligen
Coaching-Situation angemessen modifi-
zieren. Sie sollten dies sogar situationsab-
hängig tun. Denn je größer das Repertoire
an möglichen Interventionen ist, umso
flexibler können Coachs abhängig vom
Gegenüber und von der Konfliktsituation
und -konstellation agieren.
Sabine Prohaska
R
Sabine Prohaska
ist Inhaberin des
Trainings- und
Beratungsunter -
nehmens „Semi-
nar Consult Prohaska“, Wien, das
unter anderem Trainer und Coachs
ausbildet. Im Oktober 2013 erschien
ihr Buch „Coaching in der Praxis:
Tipps, Übungen und Methoden für
unterschiedliche Coaching-Anlässe“.
Seminar Consult Prohaska
Märzstraße 55/13
A-1150 Wien
Tel. +43 664 3851767
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