titelthema
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wirtschaft + weiterbildung
02_2015
habe Intrigenspiele nicht durchschaut
und das Beharrungsvermögen des „rö-
mischen Zentralismus“ unterschätzt.
Vatikankritiker sprachen zu Benedikts
Zeiten von einer um sich selbst kreisen-
den Kirche, die durch die Regelungswut
der Kurie immer mehr Fahrt aufnehme.
Der dienende Charakter der Kurie gegen-
über der Ortskirche wurde schmerzlich
vermisst. Der am 13. März 2013 gewählte
Papst Franziskus verdankt seine Wahl
nach Einschätzung von Jürgen Erbacher
dem Umstand, dass die Mehrheit der aus
aller Welt angereisten Kardinäle einen
„Aufräumer“ auf dem Heiligen Stuhl
sehen wollten.
Die Liste der „15 Krankheiten“
Mehrfach hat Papst Franziskus die „hö-
fischen Gewohnheiten“ und insbesondere
die Günstlingswirtschaft in der Kurie zum
Thema seiner Ansprachen gemacht. Der
Höhepunkt war bislang, dass er auf dem
Empfang für die Leiter der römischen
Kurie am 22. Dezember 2014 gewisse
Missstände als „Krankheiten“ angepran-
gert hat. Die Mitglieder der Kurie leiden
demnach (zitiert nach einer Übersetzung
von Radio Vatikan) an …
1.
der Krankheit, sich unersetzlich
zu fühlen.
Eine Kurie, die sich selbst nicht kritisiert,
die sich nicht erneuert, die nicht besser
werden will, ist ein kranker Körper. Diese
Krankheit rührt oft von der Sucht nach
Macht und vom Narzissmus her.
2.
der Krankheit der übertriebenen
Arbeitswut.
Eine Rast für diejenigen, die ihre Arbeit
getan haben, ist notwendig und sollte
ernst genommen werden. Die nötige
Ruhe zu vernachlässigen, führt zu Stress
und schlechter Arbeit.
3.
der Krankheit der geistigen
Versteinerung.
Wer ein Herz aus Stein hat, wird halsstar-
rig und zur Verwaltungsmaschine. Es ist
gefährlich, das menschliche Mitgefühl
zu verlieren, das man braucht, um mit
den Weinenden zu weinen und sich mit
denen zu freuen, die froh sind!
4.
der Krankheit der ausufernden
Planung.
Wer alles haarklein plant und glaubt, dass
mit einer perfekten Planung die Dinge ef-
fektiv vorangehen, wird zu einem Buch-
halter und Betriebswirt. Gute Vorberei-
tung ist notwendig, aber immer ohne der
Versuchung zu erliegen, die Freiheit des
Heiligen Geistes einschränken und steu-
ern zu wollen.
04.
Vermeide die Isolation.
Der
Dialog ist die einzige Möglich-
keit, Wände einzureißen!
05.
Pragmatismus geht über Ide-
ologie.
Es gilt, gegensätzliche
Denkrichtungen zu vereinen!
06.
Führe dein Büro wie ein Feld-
lazarett.
Möglichst viele Ent-
scheidungen dezentralisieren!
R
„Der neue Papst macht mir zunehmend
Freude. Gestern hat er die Kurie abge-
kanzelt und das in wunderbarer Form“,
so startete am 23. Dezember Prof. Dr.
Fritz B. Simon den Eintrag in seinen Blog
„systemische Kehrwoche“, der über die
Homepage des Heidelberger Carl Auer
lebenden Pionier der systemischen The-
rapie und der systemischen Organisati-
onsentwicklung gefiel besonders, dass
der Papst ausgerechnet eine interne
Weihnachtsfeier dazu nutzte, die Vertre-
ter der Vatikan-Verwaltung ins Gebet zu
nehmen. Die Fehler, die er ihnen vorwarf,
charakterisierte der Papst sehr einpräg-
sam als „Krankheiten“. Insgesamt kam er
auf 15 solcher Malaisen.
Warum wurde ausgerechnet die Kurie kri-
tisiert? Dazu lohnt sich ein Blick in die
Vergangenheit. Als „Römische Kurie“
wird die Gesamtheit der Leitungs- und
Verwaltungsorgane der katholischen Kir-
che bezeichnet. Sowohl Papst Johannes
Paul II., ein leidenschaftlicher Seelsor-
ger, der um die Welt reiste, als auch sein
Nachfolger, der gelehrte Papst Benedikt
XVI., waren keine Verwaltungsmenschen
und überließen die Kurie mehr oder we-
niger sich selbst.
Der ZDF-Redakteur und Vatikan-Experte
Jürgen Erbacher schreibt in seinem
Buch „Ein radikaler Papst“ (Pattloch Ver-
lag, München 2014) über den aktuellen
„Handlungsbedarf“ in Sachen Kurie,
dass insbesondere das Verhältnis der
römischen Zentrale zu den Ortskirchen
im Argen liege, dass aber besonders die
Kooperation innerhalb der Kurie mangel-
haft sei und dass insbesondere der skan-
dalumwitterte Finanzsektor des Vatikans
reformiert werden müsse. Benedikt XVI.
Finanzen.
Das US-Wirtschaftsmagazin
„Fortune“ (1. September 2014) lobt den
Papst für die Restrukturierung der vatika-
nischen Finanzen mit externer Hilfe.