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02_2015
wirtschaft + weiterbildung
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Vom Drücker zum Vorstands-Coach
In den 80er- und 90er-Jahren füllte Antony Robbins regel-
mäßig die Kongresshallen der Welt mit Menschen, die ihr
Leben „innerhalb eines Herzschlages“ verändern und zu
den Siegern im wirtschaftlichen Überlebenskampf gehören
wollten. Um Erfolg zu haben, so die Botschaft, muss man
seine Ängste überwinden. Das Symbol dafür, dass man
stark war, bestand darin, barfuß über glühende Kohlen zu
laufen. Robbins Allmachtsfantasien übten durchaus eine
große Anziehungskraft auf seine Zuhörer aus. Seinen Ruf
als aggressiver Verkäufer („Pitchman“) erhielt er deshalb,
weil er seine Attraktivität dazu nutzte, die Besucher seiner
preisgünstigen Massenevents so zu beeinflussen, dass
etliche anschließend eine Serie von teuren Aufbausemi-
naren buchten.
Robbins ist mittlerweile 54 Jahre alt und hat sich laut
„Fortune“ (November 2014) vom harten Verkäufer und
Einpeitscher in Sachen Motivationsshow zum Vorstands-
Coach entwickelt. Alles begann angeblich damit, dass
er den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton während
dessen Amtsenthebungsverfahren beraten durfte. Auch
der Tennisprofi Andre Agassi und der Schauspieler Hugh
Jackman sollen auf Robbins vertraut haben, um ein Tief
zu überwinden. Oft hätten sich aus den Coachings persön-
liche Freundschaften entwickelt, so „Fortune“. Die innige
Art, persönliche Beziehungen aufzubauen, sei geradezu
das Erfolgsgeheimnis von Robbins Coachings, analysiert
das Magazin. Er arbeite mit seinen Vorstands-Coachees
nicht daran, die Leistungsfähigkeit weiter hochzuschrau-
ben, sondern lasse die Manager nach einer persönlichen
Erfüllung in der Arbeit suchen. Dafür bekomme er dann
von einigen Vorstandsvorsitzenden ein sechsstelliges Jah-
reshonorar.
50 Investoren „modelliert“
Zu seinen Freunden zählt auch Paul Tudor, der Inhaber
eines 13-Milliarden-Dollar-Hedge-Funds. Durch die Zusam-
menarbeit mit ihm entstand die Idee, für die breite Masse
ein Buch über krisenfeste Geldanlagen zu schreiben. Es
erschien im November 2014 im Verlag Simon & Schuster
und trägt den Titel „Money - Master the Game: 7 Simple
Steps to Financial Freedom“. Aufgrund seiner Kontakte
Tony Robbins.
Lange bevor der „Wolf der Wall Street“ mit
seinen Verkaufs- und Motivationsvorträgen startete, war Tony
Robbins der ungekrönte König des US-Motivationszirkus.
Der „Erfinder“ des Feuerlaufs zu Motivationszwecken hat es
inzwischen zum Vorstands-Coach gebracht, berichtete das
US-Magazin „Fortune“ (11/2014) voller Bewunderung.
„Fortune“-Titel.
Das US-Magazin
zeichnet den langen Weg von Tony
Robbins zum CEO-Flüsterer nach.
gelang es Robbins, 50 amerikanische Großinvestoren
inklusive Charles Schwab und Warren Buffett zu intervie-
wen. Aus ihren Ratschlägen wurden dann sieben Anlage-
tipps herausgefiltert. Im Wesentlichen geht es darum, sein
Erspartes breit zu streuen und dabei in erster Line auf
die kostengünstigen Index Funds zu setzen. Außerdem
wird vor der Zusammenarbeit mit (erfolgsabhängig bezahl-
ten) Brokern gewarnt. Robbins will nicht das bestehende
Finanzsystem verändern. Die Leute sollten sich auf das
konzentrieren, was sie tun könnten, und das sei nun mal,
das existierende System bestmöglich für die eigenen, lang-
fristigen (!) Ziele zu nutzen.
Der Fortune-Artikel gibt auch Persönliches aus der Kind-
heit Robbins preis: Der Guru wurde als Anthony Maha-
vorick in Los Angeles geboren. Den Namen Robbins ver-
dankt er einem der vielen Stiefväter. Seine alkoholkranke
Mutter war eine große Belastung für die Familie. Robbins
übernahm früh Verantwortung für sich und seine beiden
jüngeren Geschwister. Da das Geld zum Studium fehlte,
wurde Robbins durch Zufall Mitarbeiter in einer Weiterbil-
dungseinrichtung, die dem Motivationsredner Jim Rohn
gehörte. Von ihm lernte er die Grundlagen seines späteren
Geschäfts. Er sei sich im Klaren darüber, dass viele Men-
schen aufgrund seiner fehlenden Bildung auf ihn herab-
schauten, sagte Robbins den Journalisten von „Fortune“.
Aber trotzdem werde er von den Reichen bewundert, weil
er sich ganz praktisch das Know-how erarbeitet habe, bei
Bedarf das eigene Durchhaltevermögen ins Extreme zu
steigern. Vom Guru der Massen zum Einzel-Coach – auch
bei diesem Trend hat Robbins offenbar die Nase vorn.
Martin Pichler