Seite 55 - wirtschaft_und_weiterbildung_2013_04

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03_2014
wirtschaft + weiterbildung
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preußischen Tugenden wie Fleiß,
Disziplin, Leistungsbewusstsein anfällig
für den Psycho-Infarkt?
Lüdke:
Dieser Hang zur Disziplin, zum
Aushalten und sich Zusammenreißen
ist tatsächlich eher hinderlich. Es gibt
mittlerweile drei kontrollierte Studien,
die sich mit diesem Thema beschäftigt
haben. Untersucht wurde dabei auch,
was Menschen in schwierigen Lebenssi-
tuationen besonders hilft – nämlich Wert-
schätzung. Wertschätzung hilft heilen,
Wertschätzung schützt vor dem Psycho-
Infarkt. Deutschland ist im internationa-
len Bereich ja auch bekannt als ein Land
der Meckerer. Dabei meckern und jam-
mern wir häufig auf einem sehr hohen
Niveau, ohne zu hinterfragen, ob die ei-
gene Lebenssituation wirklich so unbe-
friedigend ist.
Warum denken so viele Menschen, es sei
die Arbeit, die sie krank macht?
Lüdke:
Es ist einfach so, dass die Men-
schen am Arbeitsplatz einfache Erklä-
rungen für ihre Befindlichkeitsstörungen
finden. Da haben wir den bösen Chef,
die nervenaufreibenden Kollegen, die uns
das Leben schwer machen. Außerdem
verbringen wir den größten Teil unseres
Lebens auf der Arbeit und mit Arbeit.
Ich mache mit meinen Patienten immer
folgende Rechnung auf: Von den 30.000
Tagen, die uns durchschnittlich geschenkt
sind, also 80 Lebensjahren, verschlafen
wir 10.000 und etwa 2.555 benötigen wir
allein zur Körperpflege. Auf das Berufsle-
ben entfallen 9.000 Tage. Das heißt, wir
verbringen wesentlich mehr Zeit auf der
Arbeit als mit unseren Familien und in
unserem Freundeskreis. Auf der Arbeit
wird unsere schlechte Verfassung zudem
umgehend sichtbar: Es fällt auf, wenn ein
Mitarbeiter häufig zu spät kommt, seine
Aufgaben schleifen lässt, nicht mit in die
Kantine geht. Wenn jemand zu Hause
mal das Putzen vernachlässigt, bekommt
das ja nicht sofort jeder mit. Studien be-
legen, dass Belastungsstörungen nur zum
geringsten Teil allein auf eine enorme
Arbeitsbelastung zurückgehen Die Ur-
sachen liegen häufig woanders, in einer
unglücklichen Partnerschaft oder in der
Unzufriedenheit mit sich selbst. Ich be-
zeichne diesen Zustand gern als gemüt-
liches Elend: Die Menschen leben im Ge-
fühl einer stillen Verzweiflung, träumen
davon, dass sich ihr Leben irgendwie
ändert. Dabei warten sie immer auf Ereig-
nisse von außen und genau da erwarten
sie dann auch die Schuldigen.
Sie sagen, wir leben in einer
„Zuvielisation“. Es gibt zu viel Konsum,
zu viele Angebote, zu viele Medien, zu
viele Reize. Droht der gesamten Nation
der Psycho-Kollaps?
Lüdke:
Es besteht die Gefahr, dass wir
zum Land der Erschöpften werden. In
medizinischer Hinsicht gilt: Alles, was
wirkt, hat auch Nebenwirkungen. Das
heißt, je besser ein Medikament an-
schlägt, desto größer Risiken und Neben-
wirkungen. Das gilt im Grunde genom-
men auch für die digitalen Säbelzahnti-
ger, die neuen Medien. Das Internet ist
genial, aber wenn ich mich von der Tech-
nik beherrschen lasse, komme ich einfach
nicht mehr nach. Wir Menschen sind auf
Grund unserer Evolution und Entwick-
lung nicht für diese Geschwindigkeit
gemacht. Wir können nicht verarbeiten,
was da alles auf uns einströmt.
Haben wir uns evolutionstechnisch ein
Schnippchen geschlagen?
Lüdke:
Das Schlimme an den neuen Me-
dien ist ihr enormer Suchtfaktor. Vor zehn
Jahren habe ich das Thema Internet- oder
Medienabhängigkeit eher noch belächelt.
Damals hatte ich auch nur vereinzelt
junge Patienten, die sich 600 SMS pro Tag
hin- und hergeschickt haben – obwohl
sie im gleichen Raum saßen. Heute, zehn
Jahre später, halte ich das Thema Media-
lisation, also diese Internet- und Medien-
abhängigkeit, für dramatischer als etwa
Alkohol- und Cannabissucht, weil sie so
in die Breite geht. Nach Studien von Bert
te Wildt ist das Abhängigkeitsvolumen
sehr hoch – vor allem bei Jungen und
männlichen jungen Erwachsenen. Den
höchsten Suchtfaktor haben Online-Rol-
lenspiele wie World of Warcraft, Counter-
strike, Ego-Shooter. Direkt danach kommt
Teleshopping, also diese ganzen QVC Ver-
kaufssender. Das wird zuerst mal nicht
als Bedrohung erlebt, sondern als eine
Art Rauschzustand. Es ist insofern drin-
gend nötig, Kindern eine gute Medien­
erziehung zukommen zu lassen und die
Internetnutzung zu reglementieren. Noch
vor dem Hochfahren des Rechners soll-
ten sie sich klarmachen, was sie damit
bezwecken – arbeiten oder spielen?
Es scheint aber sehr schwer, das Rad der
Geschichte zurückzudrehen ...
Lüdke:
Diese massiven psychischen Stö-
rungsbilder sind mittlerweile Hauptursa-
che für ein frühzeitiges Ausscheiden aus
dem Beruf. Depression, Ängste, Schmer-
zen und Sucht als die vier Hauptgründe
haben viel mit dieser medialen Überlas-
tung zu tun. Es gibt bereits Unternehmen,
die hier einschreiten: VW zum Beispiel
riegelt nach 18 Uhr die Rechner ab, das
heißt, Mitarbeiter empfangen nach 18
Uhr keine dienstlichen Mails mehr. Bei
der Deutschen Bank gibt es den Screen-
free-Day, also einen Tag ohne Bildschirm-
arbeit. Es sind also durchaus schon Ten-
denzen zum Eindämmen und Zurückru-
dern bemerkbar. Aber der große Strom
wird derzeit noch mitgerissen.
Interview: Petra Jauch
Foto: Terapon
Dr, Christian Lüdke:
„Wehe,
wenn den Mitarbeitern die
Leidenschaft verloren geht.“