44
wirtschaft + weiterbildung
03_2014
training und coaching
Bei der Kategorisierung eines Apfels werden
strenge Vorschriften angewandt: nicht zu klein,
nicht zu leicht, genau richtig gefärbt - dann darf er
ins deutsche Obstregal. Wie aber sieht es im Fall
eines Coachs aus? Fehlende Standards machen
es sehr schwierig, einen guten von einem schlech-
ten Coach zu unterscheiden.
„Ein fauler Apfel verdirbt den ganzen Korb“, das
weiß jedes Kind. Wieso also darf sich jemand ohne
nachvollziehbare oder vergleichbare Qualifikation
auf demselben beruflichen Niveau bewegen wie
ein Kollege, der sein Coaching-Metier wirklich
versteht? Was signalisiert der Begriff „Coach“ an
Qualität, wenn ein hervorragender Coach in den
gleichen „Korb“ mit einem anderen geworfen wird,
der diese Berufsbezeichnung in drei Wochenend-
seminaren erworben hat? Da stellt sich doch die
Frage, wie in einem Land, in dem jedes lebensmit-
teltechnische Produkt bis ins letzte Detail überprüft
wird, bevor es in den Handel gelangt, das Wort
„Coach“ als ein Überbegriff für professionelle
Unterstützung genauso wie für Scharlatanerie und
Quacksalberei steht? Da muss man wohl in den
sauren Apfel beißen …
Schlecht ausgebildete Coachs sind oft davon
überzeugt, jede Situation mit den erlernten Tools
handhaben zu können. Gute Coaching-Werkzeuge
allein können aber alleine nicht jede Wendung in
einem Coaching-Gespräch auffangen. Die erlernten
Fragetechniken mögen bei einem reflektierten
Coach hilfreich und zielführend sein. Bei dem
unerfahrenen oder ungeeigneten Kollegen kann
eine Coaching-Situation jedoch leicht aus dem
Ruder laufen: Wie weitermachen, wenn unvermittelt
negative Gedankenmuster und destruktive innere
Einstellungen beim Klienten zutage treten? Wenige
Grundmuster, aufgrund derer die Klienten um
Rat suchen, sind positiver Natur. Leicht kann die
Wirkung einer auswendig gelernten Fragetechnik
unterschätzt werden. Was tun mit dem Klienten,
der durch die Wunderfrage seines Coachs ent-
deckt, dass seine Business-Probleme von einem
Trauma aus der Kindheit herrühren?
Wie aber kann die „Apfelmisere“ im Coaching
behoben werden? Langfristig wäre eine Ausbildung
mit einheitlichen Zulassungsvoraussetzungen,
einer Mindestdauer, vergleichbaren Inhalten und
ausreichend Zeit für Selbsterfahrung wichtig. Bis
sich Staat und Coaching-Verbände darauf geeinigt
haben, schlage ich als Sofortmaßnahme vor, für
jeden Neuling ein (hohes) Maß an Selbsterfah-
rung festzulegen. So essenziell wie Sonnenlicht
und Wasser für die Entstehung eines Apfels, so
wichtig sind Supervision und Selbsterfahrung für
die Ausbildung zum Coach. Zwischenmenschliche
Fähigkeiten sollten bindend für eine Zulassung
zur Berufsausübung sein. Sie müssen
durch kontinuierliche Selbsterfahrung bei
einem zertifizierten Coach oder Psycho-
logen herausgebildet werden – und nicht
durch Kleingruppengespanne unter den
Mitauszubildenden. Hierdurch könnte
sich der angehende Coach seiner eige-
nen Persönlichkeit gewahr werden und sich seiner
Vergangenheit stellen. Durch eine ausreichende
Anzahl an Selbsterfahrungsstunden hätte er die
Chance, seine eigene Lebensgeschichte „aufzuräu-
men“ und so ausschließlich für die Belange seines
Coachees da zu sein. Das brächte auf der Seite
der Klienten mehr Vertrauen - weil kein fauler Apfel
mehr den ganzen Korb verdirbt.
Gastkommentar
Wenn Coachs wie
Äpfel wären …
Dr. med. Kathrin Munaretto ist promovierte Ärztin, Business Health Coach und Mental-Trainerin. Sie verfügt über eine langjährige Praxiserfahrung in der
Psychosomatischen Medizin, PMR und Achtsamkeit. Sie coacht Fach- und Führungskräfte und berät Unternehmen, Verbände und öffentliche Arbeitgeber.
Dr. Kathrin Munaretto
Zwischenmenschliche Fähigkeiten
müssen durch kontinuierliche Selbst
erfahrung bei einem zertifizierten Lehr-
Coach herausgebildet werden.
„
„