Seite 27 - wirtschaft_und_weiterbildung_2013_04

Basic HTML-Version

03_2014
wirtschaft + weiterbildung
27
Fischer:
Im Schlaf passiert viel, wie neu-
rowissenschaftliche Studien zeigen. Über
Nacht wird das am Tag Gelernte an-
derswo im Gehirn abgelegt, dabei wird
es wohl auch umstrukturiert, was einen
Lern­effekt zur Folge hat. Das ist wahr-
scheinlich auch der Grund dafür, warum
Pausen von mehreren Tagen gut sind.
Und wenn man einfach nun einmal zu
spät dran ist?
Fischer:
Wenn man nur noch drei oder
vier Tage Zeit hat, ist es am effektivsten,
am Stück zu lernen. Allerdings wird man
den Lernstoff so wahrscheinlich nicht
längerfristig im Gedächtnis behalten.
Auch beim Lernen en bloc ist es wichtig,
Zeit für zumindest kurze Pausen einzu-
räumen. Wenn einen der Inhalt nicht be-
geistert, sollte man sich zur Motivation
nach einem Lernblock belohnen, zum
Beispiel, indem man etwas Schönes un-
ternimmt.
Manche, die ihrem Lernerfolg nicht
trauen, schreiben Spickzettel. Lernen sie
dabei wenigstens etwas?
Fischer:
Auf einen Spickzettel schreibt
man, was man weiß, und überlegt, was
das Wesentliche ist. Man fasst also zu-
sammen. Wenn man das gut macht,
braucht man den Spickzettel gar nicht
auszupacken, weil man die Inhalte schon
gut drauf hat.
Dann komme ich also beim Lernen gut
voran, wenn ich lauter Zusammenfassun-
gen in Spickzettelform schreibe?
Fischer:
Zusammenfassungen funktio-
nieren leider oft nicht gut. Das Problem
ist: Um eine gute Zusammenfassung zu
schreiben, muss ich entscheiden, was das
Wesentliche ist und dazu wiederum brau-
che ich Wissen, das ich als Anfänger aber
eben nicht habe. Bei Anfängern zeigen
sich gute Effekte von Zusammenfassun-
gen insbesondere dann, wenn sie zuvor
trainiert werden. Denn auch dabei kommt
es darauf an, die neuen Informationen an
das vorhandene Wissen anzuknüpfen.
Bevor man zusammenfasst, könnte man
sich also fragen: Was weiß ich eigentlich
schon außerhalb des Textes zu diesem
Thema? Und die Zusammenfassung darf
nicht zu lang sein. Ein Satz pro Absatz
oder Seite muss reichen.
Und was bringt es, die wichtigsten Stellen
zu markieren oder zu unterstreichen?
Fischer:
Anstreichen allein bringt nichts,
auch nicht in verschiedenen Farben. Vor
allem Anfänger in einem Fach streichen
viel zu viel an. Eine Technik, die auch
bei Anfängern oft erfolgreich ist: Man
beschränkt sich auf höchstens einen Satz
pro Absatz oder Seite. Um zu entschei-
den, was das Allerwichtigste ist, kann ich
nicht anders, als mein Vorwissen zu akti-
vieren. Doch um anschließend weiterzu-
lernen, ist diese Methode problematisch,
weil Anfänger nicht unbedingt den wich-
tigsten Satz finden. Man darf sich also auf
die markierten Stellen nicht verlassen.
Und was wäre noch eine gute Methode?
Fischer:
Für Einsteiger sind Warum-Fra-
gen hilfreich. Sie sollten sich beim Lernen
fragen: „Warum ist dieses oder jenes zu-
treffend?“ Oder: „Warum ist es sinnvoll,
dass ...?“ Beim Erwerb von Können spielt
das Problemlösen eine große Rolle. Für
die meisten Bereiche ist es gut, struktu-
riert anzufangen, etwa mit ausgearbeite-
ten Lösungsbeispielen zu arbeiten, mit
denen man Schritt für Schritt nachvoll-
ziehen kann, wie ein anderer beim Lösen
einer Aufgabe vorgegangen ist, und dann
zu überlegen: „Was hat derjenige ge-
macht und warum macht er das so und
nicht anders?“
Was mache ich, wenn ich in der Prüfung
sitze und einen Blackout habe?
Fischer:
Das ist häufig ein Problem der
Anspannung, mit Entspannungsstrate-
gien lässt sich da gut vorbeugen. In dem
Moment, in dem einen der Blackout er-
wischt, hilft es auch, sich vorzustellen:
Wo saß man, als man gelernt hat? Wie
sah das Lernmaterial aus? Oft kommen so
die Erinnerungen schnell wieder zurück.
Wie wichtig ist meine Begabung für ein
Sachgebiet?
Fischer:
Unterschiede in der Begabung
sind meistens nicht die Ursachen für un-
terschiedliche Leistungen. Es gibt fast kei-
nen Studiengang, in dem Begabung eine
zentrale Rolle spielt. Wer richtig lernt,
kann sehr viel erreichen. Studien zeigen,
wie gut man mit den richtigen Lerntech-
niken und genügend Anstrengung zu
Menschen mit einer höheren Begabung
aufschließen kann, die nicht so viel üben.
Die Begabung spielt am Anfang eine grö-
ßere Rolle, aber die Menschen, die auf
lange Sicht richtig gute Leistungen erbrin-
gen in einem Bereich, sind meistens nicht
überdurchschnittlich begabt. Es sind
unter anderem das Durchhalten, hohe
Leistungsbereitschaft und gute Lerntech-
niken, die für ihre Leistung ausschlagge-
bend sind. Wenn ich nicht Zeit investiere
und gezielt übe, um über die Jahre Wis-
sen und Können aufzubauen, nützt mir
die schönste Begabung nichts.
Überdurchschnittlich erfolgreiche
Menschen lernen also anders?
Fischer:
Menschen, die in einem Bereich
überdurchschnittlich erfolgreich sind,
entwickeln ihr Wissen permanent weiter,
auch nachdem sie eine Ausbildung oder
ein Studium abgeschlossen haben. Sie
üben ein Leben lang, mit einer Mischung
aus Selbsterklärung und Monitoring.
Bei ihnen läuft im Hintergrund stets
eine Art Selbsterklärungsmechanismus
mit. Sie fragen sich: „Das Problem löse
ich nun auf diese und jene Weise, war
das erfolgreich oder sind dadurch neue
Probleme aufgetreten? Könnte ich etwas
ändern?“ Und dann ändern sie es auch
und überwachen, ob es funktioniert, was
man als Monitoring bezeichnen kann.
Das praktizieren sie mindestens zwei
Stunden, jeden Tag, und das oft über
den normalen Arbeitsalltag hinaus. Das
unterscheidet sie von Menschen, die
zwar in ihrem Beruf auch viel Erfahrung
sammeln, aber zu vieles automatisieren,
und dadurch ihre Weiterentwicklung ein-
schränken.
Interview: Nicola Holzapfel, Ludwig-
Maximilians-Universität München
„Durchhalten, hohe Leistungsbereitschaft und
gute Lerntechniken sind wichtiger als überdurch-
schnittliche Begabung.“