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wirtschaft + weiterbildung
03_2014
„Mir geht es nicht ums Geld, sondern um die Größe der Aufgabe“
Wie waren nach Abschluss Ihres Studiums die Reakti-
onen der Menschen, wenn Sie sich als Turbo-Student zu
erkennen gaben?
Robert Grünwald:
Die Reaktionen fielen immer entweder
sehr positiv oder sehr negativ aus. Nur selten interessierte
sich jemand für die Details. Dabei hätte ich mir gewünscht,
die Leute würden die Dinge erst einmal hinterfragen, bevor
sie sich eine Meinung bilden. Nur selten fragten sich zum
Beispiel Personalchefs ernsthaft: „Was haben Leute zu
bieten, die Regelbrecher sind?“ Streng genommen hatten
die meisten Personaler Bedenken wegen unserer Anders-
artigkeit.
Inzwischen haben Sie ja eine gewisse Berufserfah-
rung gesammelt. Was könnten Unternehmen besser
machen, wenn sie junge Menschen, die direkt von der
Universität kommen, gezielt weiterbilden wollen?
Grünwald:
Die meisten Hochschulabsolventen können
sich mit ihrem Einstiegsjob sehr gut identifizieren, aber
sie fragen sich ziemlich schnell: Was kommt danach? Die
Personalchefs sollten zeigen, wo man sich im Unterneh-
men selbst verwirklichen kann. Sie sollten frühzeitig Kar-
rierewege aufzeigen und diese Entwicklungsmöglichkeiten
kommunizieren. Jeder weiß doch gerne, wie ihn sein Arbeit-
geber mit seinen Stärken und Schwächen sieht und wo
er ihn künftig einsetzen will. Die Fluktuation bei jungen
Mitarbeitern ist nach meiner Beobachtung recht hoch. Ich
glaube, die Unternehmen tun genug für die Persönlichkeits-
Interview.
Robert Grünwald ist einer der drei Turbo-Studenten. Im Interview mit
„wirtschaft + weiterbildung“ erklärt er, warum er nach einem Jahr bei der Bertelsmann-
Tochter Arvato kündigte und ein eigenes Unternehmen gründete, das damit wirbt, eine
Dienstleistung „zügiger“ als andere zu erbringen.
entwicklung, aber sie helfen zu wenig bei der konkreten,
individuellen Karriereplanung.
Sie selbst waren nach dem Studium Vorstandsassistent
eines Vorstands der Arvato AG, Gütersloh, einer erfolg-
reichen Bertelsmann-Tochter. Warum haben Sie nach
einem Jahr gekündigt?
Grünwald:
Ich war dafür vorgesehen, in das Key Account
Management zu wechseln, hatte aber den Eindruck, dass
ich in einem Angestelltenverhältnis nicht glücklich werden
würde. Trotz meiner hohen Leistungen gab es nur einge-
schränkte Möglichkeiten, schnell Karriere zu machen.
Einen Aufstieg gab es nur in kleinen Stufen. Ich aber wollte
den Fahrstuhl nach oben und den gibt es nur in der Selbst-
ständigkeit. Mir geht es nicht ums Geld, sondern um die
Größe der Aufgabe, für die ich zuständig sein darf.
Ihnen wurde nichts zugetraut?
Grünwald:
Mir persönlich schon, aber nach meiner Beo-
bachtung wird in der Wirtschaft einfach keinem unter 30
eine wirklich verantwortungsvolle Führungsposition über-
tragen. Man hat immer mit dem (unausgesprochenen)
Problem zu kämpfen, dass einen die älteren Mitarbeiter
nicht ganz ernst nehmen und respektieren könnten. Junge
Leute werden einfach nicht auf verantwortungsvolle Jobs
gesetzt.
Wenn Sie an die Seminare denken, auf die Sie Ihr
Arbeitgeber geschickt hat, was hätte da aus Ihrer Sicht
besser sein können?
Grünwald:
Ich hätte gern mehr schriftliches Material
gehabt, um ein Seminar vor- und nachbereiten zu können.
Am wichtigsten erscheint es mir aber, dass bei Seminaren,
bei denen die Wissensvermittlung im Vordergrund steht,
auch wirklich schriftliche Tests nach dem Seminar durch-
geführt werden. Das brächte eine gewisse Ernsthaftigkeit
ins Seminar, die mir gefehlt hat. Wenn es in einem Semi-
nar um Verhaltensveränderungen geht, dann würde ich mir
praktische Übungen wünschen. Die Forderung wäre, mehr
spielend zu lernen.
Welche E-Learning-Angebote finden Sie gut?
Grünwald:
Ich denke, dass der „Sofa-Tutor“ und die Bil-
dungssuchmaschine „Google Scholar“ gut geeignet sind,
Buchtipp.
Das Buch
„Die Turbo-Studenten“
von Robert Grünwald,
Marcel Kopper und
Marcel Pohl ist im Sep-
tember 2013 im Gabal
Verlag in Offenbach
erschienen (240 Sei-
ten, 24,90 Euro).