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20
wirtschaft + weiterbildung
03_2014
Das sehr schnelle und trotzdem mit guten
Noten absolvierte Bachelor- und Master-
Studium des 21-jährigen Bewerbers war
keine Einzelleistung, sondern die Ge-
meinschaftsleistung von drei Freunden.
Sie heißen Robert Grünwald, Marcel
Kopper und Marcel Pohl und studierten
an der Fachhochschule für Ökonomie
und Management FOM in Dortmund,
der größten privaten Hochschule in
Deutschland, gemeinsam Betriebswirt-
schaftslehre. Über ihre spezielle Art, sich
das nötige Wissen im Schnelldurchgang
anzueignen, haben sie Ende letzten Jah-
res ein Buch veröffentlicht („Die Turbo-
Studenten“, Gabal Verlag). Dabei geben
sich die drei als echte „Regelbrecher“ zu
erkennen, die erstaunliche Maßnahmen
zur Beschleunigung ihres Lernens ergrif-
fen haben. Im Wesentlichen waren das:
1 Lernen in der Gruppe
Jeder der drei Turbo-Studenten besuchte
andere Vorlesungen. Anschließend
brachte jeder den beiden anderen „sei-
nen“ Stoff in komprimierter Form bei.
Am Ende eines Semesters wusste jeder so
viel wie ein Einzelkämpfer nach drei Se-
mestern. Außerdem wurde in der Gruppe
nicht nur Wissen weitergegeben, es
zeigte sich auch, dass durch die Gemein-
schaftsarbeit ein tieferes Verständnis der
jeweiligen Inhalte entstand. Da unter der
Woche jeder mit „seinen“ Vorlesungen
und Übungen sowie dem Selbstlernen be-
schäftigt war, blieben für das Lernen in
der Gruppe nur die Sonntage übrig – ein
Opfer, das die drei Turbo-Studenten gerne
brachten, weil sie gleichermaßen ehrgei-
zig waren und ein klares Ziel hatten.
Alle wussten aber auch, dass sie ihr
Ziel nie erreichen würden, wenn nur
einer damit anfangen sollte, seine Vorle-
sungen zu schwänzen. Der Erfolg einer
Lerngruppe ist nach Meinung der „Tur-
bos“ dann gegeben, wenn sich möglichst
schnell „die Richtigen“ zusammentun
– Menschen, die Verantwortung für eine
Gruppe übernehmen und sich an Abspra-
chen halten. Robert Grünwald und Mar-
cel Kopper kannten sich schon von der
Schulzeit her und wussten, dass sie sich
aufeinander verlassen konnten. Marcel
Pohl stieß im ersten Semester zur Gruppe
dazu. Er kannte Grünwald von einer ge-
meinsamen Banklehre her. Zur Sicherheit
legten sich die drei einen Gruppen-Codex
zu:
Grundregel Nr. 1:
„Der Beitrag jedes
Einzelnen ist prinzipiell ein wesentlicher
Team-Beitrag und wird so schnell wie
möglich mit einem Feedback beantwor-
tet.“ Damit definierten sich die drei Team-
mitglieder als ebenbürtig. Jeder schätzte
die fachlichen Beiträge des anderen hoch
ein – unabhängig von dessen Spezialstär-
ken. Durch Feedback sollte die Koopera-
tionsbereitschaft gestärkt werden, denn
das Feedback vermittelte das Gefühl, dass
man mit seinem Anteil unverzichtbar ist
für die Teamleistung.
Grundregel Nr. 2:
„Unbedingte Disziplin
bei der Einhaltung aller abgesprochenen
Termine, absolute Zuverlässigkeit bei der
Aufgabenerledigung, vorbereitet sein, ab-
solute Pünktlichkeit in der täglichen kom-
munikativen Rückmeldepraxis.“ Jeder
Einzelne hatte somit kontinuierlich seine
Zuarbeit für die Gruppe zu erbringen und
zu kommunizieren.
Grundregel Nr. 3:
„Wir verständigen uns
vorbehaltlos und permanent über unsere
individuelle Entwicklung in der Gruppe
und über die erlebte Gruppendynamik
selbst.“ Jeder sollte sich frei fühlen, es
auszusprechen, wenn ihm etwas an der
Art der Zusammenarbeit nicht passte. In
jeder noch so geringen Unzufriedenheit
eines Gruppenmitglieds wurde ein pro-
duktiver Keim zur Reifung des Teams ge-
sehen. „Sobald man aufhört, über die ei-
genen Erwartungen oder Enttäuschungen
zu sprechen, riskiert man Entfremdung“,
schreiben die Turbo-Studenten in ihrem
Buch. „Wenn wir als Team besser sein
wollten als jeder Einzelne von uns, muss-
ten wir unsere Entwicklung aufmerksam
überwachen.“
Heinz Mandel, emeritierter Psycholo-
gie-Professor der Ludwig-Maximilians-
Universität in München, gilt als einer
der bedeutendsten deutschen Experten
für kooperatives Lernen. Er schätzt auf-
grund seiner Forschungsarbeit das Poten-
zial von Lerngruppen als sehr hoch ein.
Gleichzeitig warnte er immer davor, dass
Lernteams von innen heraus leicht zer-
brechen könnten. Um das zu verhindern,
stellte er Ratschläge zusammen, die von
den Turbo-Studenten (unbewusst) genau
befolgt wurden:
• Alle Gruppenmitglieder sollten ein
gleich starkes Interesse an einer hohen
Ergebnisqualität haben.
• Keiner sollte sich den Löwenanteil der
Teamaufgaben unter den Nagel rei-
ßen, damit ja die eigenen Qualitätsan-
sprüche nicht leiden müssten. (Solche
Selbst-ist-der-Mann-Typen steigen
schnell aus jedem Teamprojekt aus und
ziehen ihre Sache alleine durch.)
• Es müsse eine „wechselseitige Interde-
pendenz“ entstehen: Jeder ist abhängig
davon, dass die anderen ihren Job erle-
digen. (Das gibt allen das gute Gefühl,
ihren Teil zum Gruppenerfolg beizutra-
gen.)
R
04.
Die Gruppenmitglieder unter-
schiedliche Stärken haben, um
sich zu
ergänzen.
05.
Die Gesamtleistung
abhängig
davon ist, dass jeder seine
Teilaufgabe erledigt.
06.
Ein außerordentliches
Ziel
alle Mitglieder der Gruppe
zusammenschweißt.