Seite 55 - wirtschaft_und_weiterbildung_2014_09

Basic HTML-Version

09_2014
wirtschaft + weiterbildung
55
des Spiegelns in der Kommunikation be-
leuchtete, die beim provokativen Ansatz
zum Einsatz kommen – wie die von ihm
zusammengestellten Rezepte zeigen:
Das 1. Rezept:
„Erkenne, dass das
größte Übel in Wahrheit noch immer
das kleinste ist.“ Zu einem 50-Jährigen,
der Zukunftsangst hatte, sagte Farrelly
einmal: „Sie haben ja seltsame Prob-
leme. Mit 50 ist deine ganze Zukunft
hinter dir, pflegte mein Vater immer zu
sagen.“
Das 2. Rezept:
„Verwandle Belehrung
in herzliche Gratulation.“ Farrelly zu
einer Frau, die keine Anstrengungen
unternahm, ihre Situation zu verän-
dern: „Wenn Sie nicht wollen, dann
bleibt das Verhältnis von Unglück und
Glück auf dieser Welt wenigstens im
Gleichgewicht.“
Das 3. Rezept:
„Verdirb den Klienten
die beste aller schlechten Launen,
indem du sie gerade dann zum Lachen
bringst!“ Im Gespräch mit einem Jun-
gen, der Angst hatte, einen Vortrag zu
halten, fing Farrelly an, zu stottern und
zur Erheiterung des Jungen auf alle nur
denkbaren Möglichkeiten zu versagen.
Das 4. Rezept:
„Behandle Pseudo-
blinde, als wären sie helle Leuchten.“
Ein Vater, der die Veränderungen seines
Sohnes nicht wahrnahm, wurde von
Farrelly ausgiebig gelobt, wie sehr er
(der Vater) sich in der letzten Zeit zum
Positiven verändert habe.
Das 5. Rezept:
„Beklage die Menschen
in der Umwelt der Klienten, denn sie
sind die wahren Opfer.“ Ein Chef
schimpfte, dass seine Mitarbeiter nicht
mitdenken. Farrelly entschuldigte sie:
„Die Leute hatten das Pech, Sie als Vor-
gesetzten zu bekommen.“
Das 6. Rezept:
„Poliere die Macken des
einen durch die Fehler der anderen
auf Hochglanz.“ Ein Chef klagte über
mangelnde Einfälle seiner Mitarbeiter.
Farrelly: „Wahrscheinlich bringen sie
deshalb keine Ideen, weil sie denken,
nie so gut sein zu können wie Sie.“
Die 15 sehr unterschiedlich gelagerten
Referate des Forums, die vom Einsatz im
Medientraining, Verkauf und Coaching
bis zur Verwendung in Kriseninterven-
tion und Familienberatung reichten, ver-
mittelten einen Eindruck von dem über-
raschend breiten Spektrum, in dem diese
nach Aussagen der Teilnehmer oftmals
sehr effiziente Methode bereits Anwen-
dung findet.
Verena Scholpp
„Das ist keine Technik, die man abspulen kann“
Hat sich das „1. Provokative Forum“ gelohnt?
Dr. Noni Höfner:
Ich denke, es hat sich wirklich gelohnt
– für alle Anwesenden. Ich freue mich am allermeisten
darüber, dass ich sehen konnte, wie viele Therapeuten
und Coachs es gibt, die den provokativen Ansatz in die
unterschiedlichsten Settings einbauen. Diese Methode ist
keine Masche und keine Technik, die man lernt und dann
abspult, sondern eine innere Haltung, die viele Beratungs-
formen bereichern kann. Das ist sehr anschaulich gezeigt
worden.
Obwohl zu erwarten gewesen wäre, dass Frank Farrelly
nach seinem Tod auf einen hohen Sockel gestellt wird,
war davon nichts zu spüren.
Höfner:
Das hätte er auch bestimmt nicht gewollt. Er
war ein absoluter Gegner von Heldenverehrungen. Wenn
jemand sagte, er sei ein Guru, dann wurde er fuchsteufels-
wild. Jede Art von Glorifizierung war ihm zuwider.
Haben Sie eine Vorstellung, wie es mit der provokativen
Therapie weitergeht?
Höfner:
Ich sehe ein immenses Potenzial für diese
Methode. Sie gehört in Deutschland nicht zum Main-
Drei Fragen.
Die Initiatorin des „1. Provokativen Forums“, Dr. Noni Höfner, wünscht sich
eine wachsende Verbreitung der Ideen von Frank Farrelly.
stream. Es gibt ganz viele Menschen, die noch nichts über
sie wissen oder den Ansatz völlig falsch verstehen. Und
eines spricht auch für diese Methode: ihre Leichtigkeit und
der Spaß, den sie allen Beteiligten bringt.
Interview: Verena Scholpp
Dr. Noni Höfer (rechts).
Mitbegründerin und
Leiterin des Deutschen
Instituts für Provoka-
tive Therapie, und ihre
Tochter Dr. Charlotte
Tracht, ebenfalls
Mitglied der
Institutsleitung.