Seite 17 - wirtschaft_und_weiterbildung_2014_07-08

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wirtschaft + weiterbildung
07/08_2014
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Talent hat man oder man hat es nicht!“. Wie kann man nun
die besondere Neigung eines Kindes identifizieren? Die Eltern
sollten sich fragen: „Was macht mein Kind anders als andere?“
und „Wo ist es ganz individuell?“.
Dabei ist es verboten, in der Kategorie „besser oder schlechter“
zu denken. Allein schon das reine Anderssein ist laut Hengst-
schläger besser als jede Durchschnittsnorm. Die Hauptaufgabe
von Eltern und Lehrern besteht im nächsten Schritt darin, dem
Kind Mut zum Anderssein zu machen. Viele Eltern fürchten
(nicht ganz zu unrecht), dass begabte Kinder ausgeschlossen
werden könnten. Der Professor hofft, dass sich diese Furcht
bald in Luft auflöst: „Wenn alle als individuelle Wesen gesehen
werden, dann sind alle anders und Anderssein ist dann die
Norm.“
Auf der Ebene der Unternehmen ist die Angst der Mitarbeiter,
abweichende Meinungen zu äußern und abweichendes Ver-
halten zu zeigen, eines der Hauptargumente gegen die Forde-
rung von Hengstschläger, die Belegschaft mit „Individuen“ zu
durchmischen. Woher sollten die Individuen kommen, wenn
jemand, der zu sehr Individuum ist, es riskiert, ausgegrenzt
zu werden? Der Professor kennt diesen Einwand und hält ihn
für durchaus begründet: „In der Tat halten es leider viele Men-
schen für klüger, mit der Mehrheit zu irren, als alleine recht
zu haben.“ Hengstschläger fordert an diesem Punkt einfach
„mehr Mut“. Er hält es für erschreckend, dass sich nach allen
Untersuchungen erwachsene Menschen bei ihren Entschei-
dungen letztlich doch nach der Meinung und dem Vorbild
ihrer Bezugsgruppe richteten. Das ändert aber nichts an sei-
ner Botschaft: „Die einzig sinnvolle Überlebensstrategie ist das
schöpferische Streben nach Neuem und nicht die Reproduktion
des Alten. Wer einen neuen Weg gehen will, muss den alten
verlassen.“
„Gene sind nur Bleistift und Papier. Seine
Geschichte schreiben muss jeder selbst.“
Nicht unerwähnt bleiben darf, dass in Hengstschlägers Kon-
zept das Individuum mit seinen Spezialfähigkeiten in ein Team
eingebettet werden muss Team. Nur auf der Basis eines starken
Netzwerks kann der Spezialist gedeihen und das Unterneh-
men von der Arbeitsteilung profitieren. Zum Schluss wollte
die Mehrheit der anwesenden Zuhörer vom Genetiker Hengst-
schläger noch wissen, ob die Gene wirklich den beruflichen
und privaten Erfolg bestimmen könnten. Die Antwort des Wis-
senschaftlers war sehr bildhaft: „Gene sind nur Bleistift und
Papier, aber die Geschichte schreiben wir selbst. Man muss es
uns nur lassen.“ Der Wiener Menschenfreund ließ außerdem
keinen Zweifel daran, das es für ihn keine Geschichte gibt, die
es nicht wert wäre, aufgeschrieben zu werden.
Martin Pichler
Forum.
Veranstalter war der Corporate-Learning- und Talentma-
nagementspezialist TTS GmbH
s Heidelberg.