Seite 62 - wirtschaft_und_weiterbildung_2013_09

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fachliteratur
62
wirtschaft + weiterbildung
09_2013
Bei seiner Trauzeremonie vergisst Christian Keysers
den Text seines Ehegelübdes. Vor Aufregung bricht
ihm die Stimme, das Schweigen in der Kirche wird
immer lauter. Plötzlich sieht er, dass das Gesicht sei-
nes Vaters tränenüberströmt ist und ein guter Freund
ein Taschentuch hervorholt. In diesem Moment wird
ihm klar, dass die Umstehenden seine Gefühle wahr-
nehmen, als wären es ihre eigenen. Warum ist das
so? Dies ist eine der Fragen, denen Keysers in seinem
Buch „Unser empathisches Gehirn“ nachgeht, das
2011 erschienen ist und jetzt in einer Übersetzung aus
dem Englischen vorliegt. Keysers beschreibt darin
den Schlüssel zur menschlichen Empathiefähigkeit,
die Spiegelneuronen. Das sind jene Neuronen, die
italienische Wissenschaftler Anfang der Neunziger-
jahre bei Affen entdeckt haben, und über die Keysers
schon seit über zehn Jahren forscht: Beobachtete ein
Affe die Forscher etwa dabei, wie sie nach einer Ro-
sine griffen, wurden im Gehirn des Tieres die glei-
chen Aktivitätsmuster ausgelöst, als wenn es die Ro-
sine selbst ergriff. Das erklärt auch, wie menschliche
Gehirne „auf magische Weise verbunden sind“, wie
Keysers es ausdrückt: Verletzt sich etwa ein Mensch,
der uns nahesteht, leiden wir mit, weil in unserem
Gehirn die gleichen Regionen aktiviert werden wie
bei eigenem Schmerz. Daneben beschreibt Keysers
die Entstehung der Sprache, was Empathie für das
menschliche Zusammenleben bedeutet und was pas-
siert, wenn das Empathievermögen gestört ist, etwa
bei Autisten oder Psychopathen. Doch das Buch liest
sich nicht wie ein Forschungsbericht: Es ist immer
nah dran an der Lebenswelt des fachfremden Lesers.
Mit Absicht: Keysers weiß, „wie wertvoll populärwis-
senschaftliche Bücher sein können“. Der Neuronen-
roman weist auch autobiografische Elemente auf:
ein bisschen Heldenreise mit Anekdoten aus Keysers
Liebesgeschichte mit seiner Frau. Ein spannendes
Buch mit einem Erzähler, der mitreißt in seiner Be-
geisterung. Das hat zwei Gründe: Er ist ein großer
Fan der Empathieforschung, aber mindestens ebenso
von deren zwischenmenschlicher Bedeutung. Und
diese ist nicht trivial: „Spiegelneuronen“, so Keysers,
„machen aus uns – im Guten wie im Bösen – zutiefst
soziale Wesen“.
Empathie im Spiegel der
Gehirnforschung
Populärwissenschaft
Christian Keysers
wurde 1973 in Belgien geboren.
Er studierte Psychologie und
Biologie in Deutschland und den
USA. Nach seiner Dissertation
fuhr er im Jahr 2000 unter abenteuerlichen Umstän-
den nach Parma, wo er bei Giacomo Rizzolatti Untersu-
chungen an Spiegelneuronen durchführte. Die Gruppe
um den italienischen Wissenschaftler hatte Anfang
der 1990er Jahre angefangen, die Bedeutung dieser
für Empathie entscheidenden Neuronen zu erforschen.
Seit 2004 forscht und lehrt Keysers in Groningen. Mit
seiner Frau Valeria Gazzola gründete er das Social
Brain Lab. Es war in Groningen angesiedelt, bevor es
2010 nach Amsterdam umzog.
Autor
Foto: Valeria Gazzola
Christian Keysers:
Unser empathisches Gehirn: Warum wir verstehen, was
andere fühlen. C. Bertelsmann Verlag, München 2013,
320 Seiten, 22,99 Euro