09_2013
wirtschaft + weiterbildung
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„Endlich die europäische HR-Perspektive im Fokus“
Sie unterstützen das „HR Global Network Germany“.
Welche Impulse wollen Sie damit setzen?
Dr. Wolfgang Looss:
Einige Mitstreiterinnen und Mitstrei-
ter aus dem Netzwerk sind mir aus beruflichen Zusammen-
hängen gut bekannt. Da ich von deren Ideen sehr angetan
bin, glaube ich, dass das Netzwerk etwas in der Branche
bewegen kann. Dazu braucht es ein tiefes Eintauchen in
die Themen, die aktuell anstehen, und kein zusätzliches
Abschöpfen von Modethemen. Dem neuen Netzwerk würde
ich zutrauen, dass es mit einem anderen Ansatz an die
Dinge herangeht, ich nenne das jetzt einmal einen „Premi-
umansatz“ – das meine ich im Sinne von Tiefgang.
Könnte das das Alleinstellungsmerkmal des
Netzwerkes sein?
Looss:
Für mich ist zunächst einmal das fundierte Know-
how, das dort im Netzwerk vorhanden ist, ein Alleinstel-
lungsmerkmal. In diesem Kontext ist es aus meiner Sicht
auch bedeutungsvoll, dass das Netzwerk sich von der
ASTD losgesagt hat, um einen eigenen Weg zu gehen. Ich
finde, in den letzten vier oder fünf Dekaden ist die euro-
päische und damit auch die deutschsprachige HR-Welt
sehr stark von amerikanischer Managementdenke beein-
flusst und zum Teil sogar überformt worden. Dem steht
gegenüber, dass wir in Europa oftmals ganz andere Grund-
voraussetzungen haben. Es wird also höchste Zeit, auch
einmal die europäische Perspektive von HR in den Fokus
zu nehmen. Wir brauchen eine Emanzipation von den USA
und eine Internationalität, die eher den europäischen Glo-
balisierungslinien folgt.
Sie vermissen eine „handlungsleitende Theorie“ der
HR-Funktion. Wie könnte eine solche Theorie ganz grob
aussehen?
Looss:
Es geht in erster Linie um die relevanten Fragen,
die sich heute stellen – zum Beispiel, wie man das Verhält-
nis zwischen Person und Organisation gestalten kann. Die
juristische Sicht allein reicht nicht mehr aus, man darf es
auch nicht nur unter dem Aspekt der Entlohnungsmodelle
betrachten – das ist Schnee von gestern. Meiner Meinung
nach betrifft es sehr viel fundamentalere Themen, bei-
spielsweise, wie Personen und Organisationen in der sich
rasant verändernden Arbeitswelt künftig funktionieren wer-
den. Wir müssen dieses Verhältnis also auf einer grundle-
genden Ebene neu anschauen. Das kann ein Netzwerk –
Interview.
Dr. Wolfgang Looss, Mitbegründer der deutschen Coaching-Szene, unterstützt den
Aufbau des „HR Global Network Germany“. In diesem Interview sagt er, warum und welche
Impulse er von diesem Netzwerk zur Entwicklung der europäischen HR-Branche erwartet.
wenn es als eine Art „denkende Organisation“ verstanden
wird – sehr gut leisten.
Dieses Netzwerk sollte wie ein „Think Tank“ fungieren?
Looss:
Genau das. Wie ein Think Tank, der bereit ist, von
und mit anderen Disziplinen – beispielsweise Künstlern
oder Musikern – zu lernen. Das hilft, um Zusammenhänge
zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus neue
Sichtweisen und Lösungen zu entwickeln. Dieser Weg
braucht eine gewisse Offenheit, ein Sich-Einlassen auf
intellektuelle Abenteuer, die ruhig auch einmal Anleihen in
ganz anderen Wissensgebieten vornehmen können. HR ist
eine Mischdisziplin, das dürfen wir nicht vergessen.
Sie sprechen in Ihren Vorträgen gerne vom
Schachspieler und der Frage, was er eigentlich in den
Pausen zwischen den Spielzügen macht. Warum?
Looss:
Das bezieht sich auf den Soziologen Eric M. Lei-
fer („Actors as Observers“). Dahinter steht im Prinzip die
Frage, ob Beobachtung eine ertragreiche Aktion sei. Bei
Schachspielern kann man lernen, dass dem so ist. In den
Denkpausen zwischen den Zügen vertiefen sie sich in das,
was sie auf dem Brett vorfinden. Sie planen dann gerade
nicht die nächsten Züge, sondern verschmelzen sozusa-
gen mit dem Feld. Das klingt vielleicht ein wenig prosaisch,
das Bild passt jedoch genau auf die HR-Branche. Denn
hier liegt ein besonderer Handlungsbedarf für die Zukunft:
Wir müssen wieder lernen, genau hinzuschauen, uns die
Zeit für diesen Prozess zu nehmen. Da dies im aktionsge-
triebenen Praxisbetrieb nicht erfolgen wird, müssen es die
Berater übernehmen.
Interview: Maria Paul
Dr. Wolfgang Looss.
Distanz zum „aktions-
getriebenen Praxis-
betrieb“ gefordert.
Foto: Pichler