Seite 52 - wirtschaft_und_weiterbildung_2013_09

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52
wirtschaft + weiterbildung
09_2013
„Frauen haben neuerdings starke Führungsambitionen“
Befürworten Sie die Quote für Frauen?
Dr. Elisabeth Kelan:
Wenn man sich die wissenschaftliche
Forschung anschaut, dann ist ganz klar: Für schnelle Ver-
änderungen ist die Quote das richtige Rezept. Der Nachteil
ist, dass man damit stark in eine Organisation eingreift.
Viele beurteilen eine solche Zwangsverordnung negativ.
Vor allem die Männer oder auch die Frauen?
Kelan:
Nicht nur die Männer, das hat mich oft erstaunt.
Immer wenn ich mit Unternehmen gearbeitet habe, waren
es meist Frauen, die hoch in der Hierarchie stehen und die
Quote komplett ablehnen. Sie sagen, wir haben Leistung
gezeigt und es dadurch geschafft. Dann sollten das andere
Frauen doch auch schaffen! Sie befürworten häufig frei-
willige Zielvorgaben. Die Forschung hat allerdings gezeigt,
dass diese nicht fruchten.
Wie hilfreich sind Initiativen erfolgreicher Frauen? Etwa
die der Facebook-Managerin Sheryl Sandberg ...
Kelan:
Sheryl Sandberg hat eine tolle Debatte losgetre-
ten. Was sie geleistet hat, wird deshalb oft als Corporate
Feminism bezeichnet. Ihr Buch „Lean In“ ist klar für Frauen
Interview.
„Wie bringen wir mehr Frauen in die Schlüsselpositionen von Unternehmen?“,
fragt sich Dr. Elisabeth Kelan, Gender-Forscherin am King’s College London. Auf der
„Zukunft Personal“ (19. September, 9.30 Uhr, Keynote-Forum der Halle 2.2) will sie mit
ihrer Keynote „Rising Stars: Developing Millennial Women as Leaders” Antworten liefern.
geschrieben und autobiografisch angehaucht. Man müsse
sich halt etwas reinhängen, um erfolgreich zu sein, meint
Sandberg. Das ist schon eine wichtige Nachricht. Das Pro-
blem dabei ist, dass es nicht nur darum geht, dass Frauen
sich noch mehr reinhängen. Es geht darum, dass Orga-
nisationen das auch erlauben und Stereotypen abbauen
und Initiativen schaffen, damit Frauen in der Arbeitswelt
besser Fuß fassen, aufsteigen und sich entwickeln. Wenn
wir uns da nur auf die einzelne Frau konzentrieren, ist das
zwar hilfreich für viele Frauen. Aber man kann sich noch so
reinhängen und auf die Nase fallen, wenn das Umfeld nicht
das richtige ist.
In Ihrem aktuellen Buch „Rising Stars – Developing
Millennial Women as Leaders“ beschreiben Sie die
Situation von Frauen zwischen 20 und 30 Jahren.
Welche Einstellung hat diese Generation zu Führung?
Kelan:
Wenn man sich speziell die Frauen dieser jüngeren
Generation anschaut, beobachtet man etwas ganz Wich-
tiges: Wir sind immer davon ausgegangen, dass Frauen
weniger Selbstbewusstsein haben und dass Frauen nicht
führen wollen. Bei dieser Generation stellen wir fest, dass
die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in Bezug
auf Selbstvertrauen und Ambitionen, eine Führungskraft
zu werden, relativ gleich sind. Das ist eine riesengroße
Chance für Veränderungen, weil wir eine Generation haben,
in der beide Geschlechter in Bezug auf Führung ähnlich
aufgestellt sind. Nun kommt es darauf an, dass Organisa-
tionen das richtige Umfeld schaffen, damit Frauen im Laufe
ihres Lebens dieses Selbstvertrauen und ihre Ambitionen
nicht verlieren.
Welche Bedeutung haben Vorbilder?
Kelan:
Jüngere Frauen brauchen viele verschiedene Rol-
lenvorbilder, das können Männer oder Frauen sein. Es geht
darum, ein Rollenvorbild für sich selbst zu kreieren, das
sich authentisch anfühlt. Das setzt man am besten aus
verschiedenen Personen zusammen, die man in seinem
Umfeld sieht oder von denen man gelesen oder gehört hat.
Oft fühlen sich gerade Frauen unter Zugzwang, ein gewis-
ses Leben führen zu müssen, weil das die einzige Frau
in einem bestimmten Arbeitsumfeld so vorlebt. Aber jede
Frau muss ihren Weg selbst finden.
Interview: Stefanie Hornung
Dr. Elisabeth Kelan,
britische Gender-
Forscherin
Foto: KIng´s College
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