Seite 41 - wirtschaft_und_weiterbildung_2013_02

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02_2013
wirtschaft + weiterbildung
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gang von Gerichtsverfahren ungewiss, sie
verursachen hohe Kosten, und jemand,
der vielleicht einen Prozess gegen einen
Kunden oder Lieferanten gewinnt, zer-
stört gleichzeitig die Beziehung zu ihm.
Dasselbe gilt natürlich für Gerichtsent-
scheide bei Arbeitskonflikten. Und: Die
nachhaltige Wirkung einer Konfliktlösung
ist erfahrungsgemäß viel besser, wenn die
Streitparteien selber an der Lösungsfin-
dung mitarbeiten konnten.
Sollte Mediation in der betrieblichen Wei-
terbildung eine größere Rolle spielen?
Glasl:
Betriebliche Weiterbildung ist für
die Entwicklung einer konstruktiven
Streitkultur in einer Organisation beson-
ders wichtig. Je mehr Führungskräfte in
grundlegenden Methoden des Konflikt-
managements geschult sind, desto fitter
wird eine Organisation. Die Konfliktfähig-
keit nimmt zu, sodass die Resilienz von
Organisationen (die „Konfliktfestigkeit“)
gestärkt wird.
Manchmal ergeben sich ja „Schnittmen-
gen“ zwischen klassischer Weiterbildung
und Mediation …
Glasl:
Es gibt viele gute Schnittmengen:
Wenn Menschen in Kommunikation, Mo-
deration, Mentoring, Coaching oder Me-
diation geschult werden, dann können
sie mit konflikthaften Situationen besser
umgehen, wenn sie „mediativ handeln“
– auch wenn sie nie und nimmer als „Me-
diator“ auftreten würden.
Woran sollte zum Beispiel ein Trainer
besonders denken, der sich zum
Mediator weiterbilden will?
Glasl:
Es gibt heute bereits viele erprobte
Ausbildungsgänge, in denen Wissen, Hal-
tung und Fähigkeiten vermittelt werden,
die nötig sind, um von Gesetz wegen oder
von den Berufsverbänden als Mediator
anerkannt zu werden. Es ist aber wich-
tig darauf zu achten, für welche Art von
Konflikten diese Ausbildungen qualifizie-
ren. Es gibt bestimmte Grundkenntnisse
und Grundtechniken, die für jegliche Art
der Mediation wichtig sind; diese allein
genügen jedoch nicht. Es müssen zusätz-
lich auch Kompetenzen für bestimmte
Themen (Menschenführung, Werte, Un-
ternehmensstrategie …), für spezifische
Systeme (Familie, Schule, Gruppe, Pro-
duktionsunternehmen …) und für die Be-
sonderheiten von Umfeldsystemen (Ge-
sundheitswesen, Bildungswesen, religiöse
Organisationen …) entwickelt werden.
Mediatoren sollten deutlich Mehrfach-
qualifizierungen aufweisen: Training und
Mediation, Organisationsentwicklung
und Mediation, Familienberatung und
Mediation oder ähnliche Kombinationen.
Was macht aus einem mittelmäßigen
einen sehr guten Mediator?
Glasl:
Neben guten theoretischen Kennt-
nissen und einem gediegenen Training
in Fertigkeiten ist es besonders wichtig,
dass die Person der Mediatorin oder des
Mediators an sich arbeitet: Wie gehe
ich selbst mit Konflikten um? Was sind
meine eigenen Licht- und Schattenseiten?
Wie viel „Achtsamkeit“ für mein eigenes
Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Wol-
len habe ich entwickelt? Wie gut kann
ich meine eigenes Denken und Handeln
reflektieren? Wie gut kann ich mit kom-
plexen, verwirrenden und emotionalen
Situationen umgehen?
Außerdem ist von entscheidender Bedeu-
tung, nicht nur rationale Techniken zu be-
herrschen, sondern auch imaginative und
intuitive Methoden für Diagnosen und In-
terventionen. Denn diese befähigen, auf
die überwiegend nicht-rationalen Aspekte
einer Konfliktsituation eingehen zu kön-
nen. Für gute Mediatoren sind außerdem
solide, permanente Weiterbildungen wie
auch Supervision oder Intervision unab-
dingbar. Diese sind die Voraussetzung
für Selbstreflexion – und diese führt zu
Selbsterkenntnis! Denn in diesem Beruf
gilt: The person is the product!
Wie bewerten Sie die Chancen einer
Selbstständigkeit? Ist Mediation ein
Wachstumsmarkt?
Glasl:
Ja, mittelfristig wird immer mehr
Mediation genutzt werden, und zwar
auch in Gebieten, für die wir uns das
heute noch schwer vorstellen können –
zum Beispiel beim Kontakt von Behörden
zum Bürger, der Finanzämter zum Steu-
erzahler, dem Sportverein zu seinen Mit-
gliedern …Wer sich mit den direkten und
indirekten Kosten eines ungelösten Kon-
flikts beschäftigt, kann eindeutig nach-
weisen, dass die Kosten einer Mediation
nur ein kleiner Bruchteil der verdeckten
und sichtbaren Kosten eines Konflikts
sind. Das überzeugt auch nüchtern und
skeptisch Denkende.
Interview: Petra Folkersma
Prof. Dr. Friedrich Glasl,
1941
in Wien geboren, ist einer der
bekanntesten Konfliktforscher
und Mitbegründer der Trigon
Entwicklungsberatung in
Salzburg. Glasl wurde von der
Anthroposophie Rudolf Stei-
ners sowie von unterschied-
lichen systemischen Denkrich-
tungen beeinflusst.
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