training und coaching
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wirtschaft + weiterbildung
02_2013
„Jeder Wirtschaftsmediator muss sich im
Klaren darüber sein, dass er mit zwei
streitenden Individuen arbeitet - dass er
aber auch durch diese Arbeit eine Organi-
sation mit verändert.“ Oft würden durch
eine Wirtschaftsmediation Organisations-
entwicklungsprozesse initiiert.
„Round Table Mediation“
umfasst 50 Unternehmen
Das sei sehr wünschenswert, denn
Konflikte in Organisationen böten eine
Chance, Dinge, die unzureichend orga-
nisiert seien, bewusst zu machen, damit
sie geändert werden könnten. „Die Men-
schen sind immer die Leidtragenden, aber
in den meisten Fällen stimmt etwas in der
Organisation nicht“, erklärt Ballreich und
fordert deshalb eine umfassende Ausbil-
dung in Sachen Organisationsentwick-
lung, wenn jemand Konflikte in der Wirt-
schaft mediieren wolle. Im Übrigen ist es
laut Ballreich den Unternehmen längst
klar, dass ihnen sehr viel Geld durch Kon-
flikte, die nicht bearbeitet werden, verlo-
ren geht. „Dabei geht es nicht nur darum,
dass Mitarbeiter sich krank ärgern oder
bei Prozessen Gerichtskosten anfallen,
es geht schlicht darum, dass Menschen
grundsätzlich nicht so viel leisten wie sie
könnten, wenn sie dauernd abgelenkt
und mit ihren Gedanken bei ihren Kon-
flikten sind.“ Je mehr dieses Bewusstsein
wachse, desto mehr Mediatoren würden
benötigt.
Vom Nutzen der Mediation überzeugte
Konzerne wie SAP, Porsche, IBM Deutsch-
land oder Areva NP haben im Jahr 2008
den „Round Table Mediation und Kon-
fliktmanagement der deutschen Wirt-
schaft“ (RTMKM) gegründet. Er umfasst
heute mehr als 50 Unternehmen der deut-
schen Wirtschaft. Auf dem Ludwigsbur-
ger Mediationskongress gestaltete dieser
„Round Table“ eine Podiumsdiskussion
zum Thema „Wirtschaft und Mediation“.
Podiumsteilnehmer waren Jürgen Briem
(SAP), Frank Zacharias (Porsche), Jürgen
Neugebauer (IBM Deutschland) und Su-
sanne Becker (Areva NP).
In der Diskussion wurde immer wieder
eine Studie der Wirtschaftsprüfungsge-
sellschaft Pricewaterhouse Coopers er-
wähnt. Sie zeigt die Einspareffekte von
Mediationen und gibt Anregungen, wie
funktionierende Konfliktmanagementsys
teme in der Praxis aussehen könnten. Be-
sonders positive Effekte versprachen sich
die Diskussionsteilnehmer davon, inner-
betriebliche Konfliktlotsen auszubilden,
Ombudsstellen einzurichten und einen
professionellen Mediatoren-Pool aufzu-
bauen, der zur eigenen Unternehmens-
kultur passt.
„Das Hintergründige an einem
Konflikt finden“
Der Aufbau von Konfliktlösungsmecha-
nismen und der dazu passenden Struk-
turen sollte in der Regel schrittweise
erfolgen. Bereits die Einführung erster
Maßnahmen sollte mit Blick auf einen
möglichen Gesamtplan konzipiert wer-
den, um später unnötige Reibungsver-
luste beim Aufbau eines umfassenden
Konfliktmanagementsystems zu vermei-
den.
Auf dem Kongress kursierte eine vielzi-
tierte Anekdote darüber, was Mediation
eigentlich sei. Sie lautet stark verkürzt:
„Zwei Schwestern streiten um eine
Orange. Ihre Mutter mischt sich ein, teilt
die Orange genau in der Mitte und jede
erhält von ihr eine halbe. Aber gerecht ist
nicht immer richtig. Was, wenn beispiels-
weise die eine Tochter aus der Orange
Saft hätte pressen wollen und die andere
nur die zerriebene Schale zum Aromati-
sieren einer Süßspeise benötigt hätte?“
Das Fazit: Wer hätte die richtige Lösung
besser finden können als die Töchter
selbst? Diese Geschichte zeigt die zen-
trale Herausforderung einer jeden Medi-
ation: Es geht darum, Konfliktsituationen
wirklich zu durchdringen. „Die Kunst
ist, hinter dem vordergründigen Konflikt
das Hintergründige zu finden“, brachte
es Glasl in seiner Keynote-Rede auf den
Punkt.
Martin Pichler
r
Buchtipp.
Der Ludwigsburger Winwin Verlag hat die Bei-
träge des „Ersten gemeinsamen Mediationskongresses
2012“ in zwei Bänden veröffentlicht. Im zweiten Band
geht es schwerpunktmäßig um das Thema Wirtschaftsme-
diation. Das Buch zeigt anhand unterschiedlicher Reden
und Fallbeispiele, dass die Mediation ein echter Paradig-
menwechsel in der Konfliktbearbeitung ist. In einem Bei-
trag präsentiert sich darüber hinaus Friedrich Glasl als
selbstkritischster Pionier der Mediation im deutschspra-
chigen Raum. Er macht klar, warum und wie genau sich
die Vorgehensweisen in der Mediation nach
den unterschiedlichen Anwendungsfeldern
(Familie, Politik, Wirtschaft …) noch mehr
ausdifferenzieren müssen.
Außerdem gibt es unter anderem Beiträge
zum Systemdesign (Kurt Faller), zum Via-
drina-Komponentenmodell (Lars Kirchhoff),
zum Shared Responsibility Approach (Heike
Blum) und zur Wirtschaftsmediation in
Europa (Ewald A. Filler).
Siegfried Rapp: Mediation - Kompetent.
Kommunikativ. Konkret. Band 2 „Wirt-
schaftsmediation“, Winwin Verlag, Markt-
platz 5/1, 71634 Ludwigsburg, 240 Seiten,
14,95 Euro,
Der Kongress als Buch